"Das Boot" - Das Original Abtauchen in eine große TV-Vergangenheit

Endlich machen auch die Deutschen gutes Fernsehen, heißt es angesichts des Serienbooms. Aber schon die Achtziger waren eine Blütezeit, wie Wolfgang Petersens "Das Boot" zeigt.

DPA/ ARD

Am Abend des 24. Februar 1985 tauchen die Röhrenfernseher der Bundesrepublik heimelige Wohnzimmer in ein gespenstisches Nassgrün, so kalt wie der Tod. Dann das "Ping!" eines Echolots, metallisch, bohrend; der dumpfe Sound eines düsteren Keyboard-Themas, das sich ins Hirn fräst. Und dann ein Schatten aus der Tiefe, massiv, schwarz: "Das Boot". Ein Stück deutscher Fernsehgeschichte auf Unterwasserfahrt.

33 Jahre vor dem aktuellen Update auf Sky hielt Wolfgang Petersens Miniserie die Republik in Atem. Ein Dreiteiler, der tief hinabtauchte zu kollektiv verdrängten Kriegsgräueln, der die klaustrophobische Enge des U-Bootes U-96 symbolisch auflud, zur Bühne machte für ein Lehrstück über Irrsinn und Sinnlosigkeit des Krieges. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte "Das Boot" damals in einem Atemzug mit Antikriegs-Klassikern wie "Im Westen nichts Neues".

Künstlerisch löste die Serienversion von "Das Boot" das ein, was der gleichnamige Kinofilm von 1981 nur angedeutet hatte. Den schmähte der Autor der Romanvorlage, Lothar-Günther Buchheim, als "Salzwasser-Western". International erfolgreich war der mit einem Budget von über 25 Millionen Mark damals teuerste deutsche Film trotzdem, vor allem in den USA. Aber erst die über fünfstündige "Reise an das Ende des Verstands" (Werbeslogan) mit dem "Kaleu" (Jürgen Prochnow als Kommandant) und Leutnant Werner (Herbert Grönemeyer) waren der real deal.

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"Das Boot" 1985: Der Straßenfeger

Erst jetzt konnte die Handkamera diesen eigentümlichen Sog entwickeln und den Zuschauer die Enge des Bootes wirklich spüren lassen. Ihn hineinversetzen in die schmalen Gänge zwischen Torpedorohren, Kombüse und Kojen. Ihm weismachen, er könne den Diesel riechen und den Schweiß. Ihn die unheilvollen Detonationen der Wasserbomben hören lassen und das haarsträubende Knacken des Stahlskeletts, wenn U 96 tiefer und immer tiefer tauchte.

60 Prozent der Fernsehzuschauer schalteten bei "Das Boot" ein

Distanz war nicht möglich, "Das Boot" ein immersives Erlebnis. Nicht zuletzt auch, weil man mit der erst milchbubigen, dann zunehmend stachelbärtigen Mannschaft mitfieberte. Mit dem Obermaschinisten, der nur "das Gespenst" genannte wurde; mit dem von Klaus Wennemann inbrünstig gespielten "LI" (Leitenden Ingenieur), der fast verrückt wurde vor Sorge um seine vom Bombenkrieg bedrohte Familie. Namen hatten die wenigsten dieser Figuren, aber ihre Schicksale brannten sich ein, als seien sie Familienmitglieder.

Natürlich lag in der mitreißenden Machart auch ein gewaltiges dramaturgisches Problem, denn "Das Boot" kultivierte zehn Jahre vor der ersten Wehrmachtsausstellung die Legende, wonach die deutschen Soldaten unschuldig in diesen Krieg zogen. Ein überzeugter Nazi ist an Bord von U 96 nur der schmierige "Eins WO" (erster Wachoffizier, Hubertus Bengsch), selbst der "Kaleun" übt offene Kritik an der Militärführung.

Ein Aspekt, der in der Öffentlichkeit damals durchaus kritisch gesehen und diskutiert wurde. Die Macher verwiesen auf Buchheims Romanvorlage, die auf seinen Erlebnissen während des U-Boot-Krieges beruhte und die Ereignisse eben so schilderte.

"Das Boot" wurde zu einem Straßenfeger. So hieß das in einer Fernseh-Ära, in der Ansagerinnen dem Publikum noch mitteilten, was gleich zu sehen sein würde. In der das Privatfernsehen in den Kinderschuhen steckte, Karl-Heinz Köpcke Chefsprecher der "Tagesschau" war und nachts Sendeschluss mit Testbild. 60 Prozent der Fernsehzuschauer schalteten bei "Das Boot" ein, die dritte und letzte Folge am 4. März sahen 23,9 Millionen.

Im Video: Christian Buß über die Sky-Neuauflage von "Das Boot"

Bavaria Fiction/Spiegel Online

Und doch war diese Miniserie damals nicht etwa ein Solitär in einer anderweitig öden Fernsehlandschaft. Im Gegenteil, die Achtzigerjahre entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als eine erste Blütezeit der deutschen Serie, "Das Boot" war nur ein Höhepunkt unter vielen. Die großen Regisseure des Neuen Deutschen Films entdeckten gerade die Möglichkeiten der künstlerisch gestalteten Fernsehserie für sich und trieben Projekte voran, die auch nach heutigen Maßstäben geradezu absurd ambitioniert waren.

Rainer Werner Fassbinder sorgte zu Beginn des Jahrzehnts mit seiner 930-minütigen Fassung von Alfred Döblins Roman "Berlin, Alexanderplatz" für Aufsehen. Einige Zuschauer mutmaßten, der Kameramann habe wohl die Beleuchtung vergessen, dabei waren die Bilder natürlich absichtlich so düster. 1984 erschien der erste Teil von Edgar Reitz' "Heimat"-Saga, zum Teil in Schwarz-Weiß und im Hunsrücker Platt gedreht, in seiner bedächtig-distanzierten Inszenierung gewissermaßen das Gegenstück zu Petersens "Boot".

Helmut Dietl war mit seiner lakonisch-sympathischen Gegenwartsvermessung "Monaco Franze" und seinem zynisch-grellen Gegenstück "Kir Royal" in absoluter Hochform. Und selbst in einer Vorabend-Krimiserie wie "Der Fahnder" - wieder mit Klaus Wennemann in der Hauptrolle - konnte Regisseur Dominik Graf ausloten, was erzählerisch möglich war im Formatfernsehen.

Wer also heute ständig vom "Goldenen Zeitalter der Fernsehserie" redet, das endlich auch in Deutschland angekommen sei, der sollte einmal mit U-96 abtauchen in eine nicht weit entfernte Vergangenheit, in der deutsche Serien bereits glänzten.


"Das Boot - Director's Cut": Freitag, 22.00 Uhr, ARD

insgesamt 16 Beiträge
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rainerwäscher 23.11.2018
1. Bekannt
Sie haben recht. Es gab in den Achtzigern gutes Fernsehen. Was ist seitdem passiert, dass es zu dem gigantischen Qualitätsabsturz kam? Ach ja, Helmut Kohl hat das Privatfernsehen eingeführt.
blueberryhh 23.11.2018
2. volle Zustimmung...
die erwähnten Serien und natürlich Das Boot waren damals und sind immer noch wirklich klasse und wertvoll. Danke für den Artikel!
JürgenHammerbeck 23.11.2018
3. Seit dieser Zeit ...
.. seit dieser Zeit ist die Wende passiert und man musste den Osten nicht mehr mit Westfernsehen beeindrucken (natürlich ausdrücklich mal das Tal der Ahnungslosen ausgenommen). Dann kam ein Qualitätsabsturz nach dem anderen, es gibt wenige Ausnahmen. Lästige Talkshows, langweilige und zermürbende Spieleabende, ständige Wiederholungen ... . Ja es gibt gute deutsche Filme, man muss sie suchen (Kino?). Und Europa? Warum wird dem Zuschauer das Angebot von Filmen aus Osteuropa vorenthalten. Natürlich, das "Boot", toll. "Befreiung" würde zum 8. Mai im Fernsehen nicht gezeigt werden. Lieber endlose historische Dokumentationen über Hitler im ZDF.
Alexis_Saint-Craque 23.11.2018
4. Bitte. Danke.
Alles ist marktkonform. Unsere Gesellschaftsform will das so. Wer etwas anderes will ist eine Minorität, also vernachlässigbar. Wurde heute nicht auf dieser Plattform ein Buch anempfohlen: The value of everything. Eben.
Freidenker10 23.11.2018
5.
Naja die Macher haben halt schnell gemerkt das man mit billiger produzierten Serien wie beispielsweise der Schwarzwaldklinik, Lindenstr. usw. genausoviel Kohle machen kann. Am Niveau hat sich seit dieser Erkenntnis bis heute nichts geändert. Zudem sind die Macher schlicht zu feige mal was neues zu riskieren...
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