Neue deutsche Serien Re-Boot

Deutsche Serienmacher werden mutiger, die Produktionen größer und teurer. Mit Neufassungen von "Das Boot" und "Das Parfum" stehen die nächsten Blockbuster bereit. Halten sie, was sie versprechen?

Nik Konietzny/ Bavaria Fiction/ Sky

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"Das Boot" von Wolfgang Petersen ist einer der Schätze der deutschen Kulturgeschichte. Vor 37 Jahren kam der Film in die Kinos, 1985 die fünfteilige Serie ins Fernsehen, beides kann man heute auch als junger Mensch so großartig finden wie eine andere Generation Jahrzehnte zuvor. Wenn man so einen Klassiker neu verfilmt, kann man eigentlich nur verlieren.

Aber auch viel Geld verdienen, und deswegen taucht "Das Boot" 37 Jahre nach der Premiere bald wieder auf, voraussichtlich im November: als neue Serie für den Bezahlsender Sky, größer, aufwendiger, teurer - acht Teile, gedreht an 105 Tagen in vier Ländern, mit über 25 Millionen Euro Budget, vom exzellenten österreichischen Regisseur Andreas Prochaska (" Das finstere Tal") inszeniert. Gerade haben die Produzenten auf dem Münchner Filmfest erste Szenen gezeigt und klargestellt, dass die neue Fassung das werden soll, was die alte immer noch ist: ein Ereignis.

Bis dahin müssen sich die Zuschauer aber erst von einem ganz ähnlichen Ereignis erholen, denn im Herbst soll auf ZDFneo "Parfum" starten, eine sechsteilige Neuinterpretation von Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Noch so ein deutscher Kulturschutz aus den Achtzigern, mit vielen Millionen Euro (Streaming-Gigant Netflix ist für den weltweiten Vertrieb dabei) und vielen deutschen Stars (Wotan Wilke Möhring, August Diehl, Ken Duken) fit gemacht für die Neuzeit. Die ersten zwei Folgen gab es auch in München zu sehen.

Friederike Becht und Wotan Wilke Möhring in "Parfum"
Constantin/ Filmfest München

Friederike Becht und Wotan Wilke Möhring in "Parfum"

Was beide Serien nicht sein sollen: ein Remake oder eine Fortsetzung. Das neue Boot, Typ U 612, legt im Jahr 1942 ab, neun Monate nachdem das U 96 aus dem Original gesunken ist - "in derselben Welt", wie es die Produzenten ausdrücken, aber höchstens mit vagen Bezügen auf die Vergangenheit. Neues Boot, neue (noch unklare) Mission, neue Charaktere, alles neu. Wer auf Gastauftritte der überlebenden U96-Besatzung hofft: keine Chance, kein Grönemeyer. Statt Charaktergesicht Jürgen Prochnow hat Babyface Rick Okon das Kommando.

"Parfum" geht noch einen Schritt weiter und lässt sich von der Vorlage allenfalls inspirieren: Statt der Geschichte des Parfumeurs und Massenmörders Grenouille aus dem 18. Jahrhundert wird hier von einer emotional angeschlagenen Kommissarin (Friederike Becht) erzählt, die in der niederrheinischen Provinz von heute einem neuen Grenouille auf der Spur ist - dem ersten Opfer fehlen jedenfalls die Körperteile und -inhalte, aus denen sich schon im Roman ein magisches Parfum kreieren ließ.

Jetzt auch mit Landgang

Die Strategie beider Serien ist logisch: Mit einem berühmten Werk wie "Das Boot" hat man es beim Publikum leichter als mit einem unbekannten Stoff. Viele Menschen werden neugierig sein, was aus den Klassikern geworden ist. Gleichzeitig erspart man sich den direkten Vergleich und kann nach Herzenslust dort nachbessern, wo man das Original als Produzent mit Dollarzeichen in den Augen für nicht mehr ganz zeitgemäß hält.

Deswegen gibt es in der neuen Version von "Das Boot" auch Frauen, Widerstandskämpferinnen sogar, damit auch die Zuschauerin von heute abgeholt wird. Für die wurde sogar ein separater Erzählstrang erdacht, der gar nicht an Bord spielt, sondern im französischen Hafen La Rochelle. Das löst auch dass vermeintliche Problem, dass man sonst über acht Folgen auf engstem Raum mit einem Haufen mehr oder weniger überzeugter Nazis eingesperrt wäre.

Vicky Krieps in "Das Boot"
Nik Konietzny/ Bavaria Fiction/ Sky

Vicky Krieps in "Das Boot"

Dass gerade Letzteres das Original so faszinierend und packend gemacht hat, scheint damit vergessen. Zwar soll wieder die Feindfahrt eines deutschen U-Boots im Mittelpunkt stehen, doch bei der Vorstellung in München war auffällig viel von der parallel laufenden Widerstandsgeschichte die Rede. Auch von den gezeigten Ausschnitten war eine Verhör-Szene aus La Rochelle die interessanteste,mit großartigen Schauspielern wie Vicky Krieps ("Der seidene Faden") und Tom Wlaschiha ("Game of Thrones"). Die Action-Szene auf dem Boot (Fliegerangriff, Panik, Abtauchen) sah zwar bombastisch aber nicht besonders originell aus .

Die ersten beiden Folgen von "Parfum" versprechen mehr - eine durch und durch finstere Provinzwelt, viele kaputte Charaktere, deren dunkle Geheimnisse sich auf mehreren Zeitebenen zu einem Kaleidoskop des Grauens auffächern. Autorin Eva Kranenburg und Regisseur Philipp Kadelbach haben sich in Optik, Sound und Stimmung sehr offensichtlich vom Netflix-Hit "Dark" inspirieren lassen, aber da gibt es schlechtere Vorbilder. Ob das Ganze am Ende aber mehr ist als ein aufgepimpter "Tatort", muss sich noch zeigen. Auch das Frauenbild (eine vordergründig starke Ermittlerin, die abends verzweifelt auf den Anruf ihres Liebsten wartet; eine nackte, verstümmelte Frauenleiche, die mehrfach genüsslich zur Schau gestellt wird) ist mindestens fragwürdig.

Genija Rykova in "Servus, Baby"
BR

Genija Rykova in "Servus, Baby"

Dass man ohne berühmte Vorlage manchmal vielleicht weiterkommt, zeigen zwei Münchener Premieren, die neben dem Tamtam um "Parfum" und "Boot" fast untergegangen sind: Die ZDF-Serie "Die Protokollantin" mit Iris Berben als verbitterter und verwitterter Schreibkraft in einem Morddezernat beginnt als konventionelle "Außenseiterin ermittelt"-Geschichte und wandelt sich zum finsteren Rache-Epos; die BR-Produktion "Servus, Baby" von Natalie Spinell feiert in vier Folgen vier Freundinnen um die 30 in München, jede Folge aus anderer Perspektive, mit viel Humor und Herzenswärme, ohne Rücksicht auf männliche Befindlichkeiten.

Läuft beides auch im Herbst. Ganz ohne Netflix- oder Sky-Abo.

Anmerkung: Wir haben die Namen der "Parfum"-Autorin Eva Kranenburg und des "Parfum"-Regissuers Philipp Kadelbach korrigiert.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
amalgam 05.07.2018
1. Einfallslos!
Für mich ist "Das Boot" einer der besten deutschen Filme aller Zeiten - inklusive Director´s Cut und Mehrteiler. Solche Typen-Schauspieler wie damals gibt es heute nicht mehr - da muss ich mir nur das Foto im Artikel anschauen. Alles glattgebügelt und wahrscheinlich im CGI Rausch mit noch mehr Wasser, Feuer und Blut recycled.
Atheist_Crusader 05.07.2018
2.
Ich weiß nicht ob "mutig" das Wort ist das ich benutzen würde um etwas zu beschreiben das auf sattsam bekanntem Materials aufbaut. Tatsächlich ist das in puncto Risikominimierung nur knapp unterhalb eines echten Reboots anzusiedeln. Das gesagt ist aber auch prinzipiell nicht wirklich etwas daran auszusetzen. Mehr Alternativen zur Übermacht amerikanischer Serienproduzenten können ja nicht verkehrt sein. Auswahl schadet nie und je mehr sich das durchsetzt, desto öfter kommen auch mal Juwelen dabei raus.
rainerwäscher 05.07.2018
3.
Wenn die Öffentlich-Rechtlichen jetzt auch dahinterkommen, dass Qualitätsserien tatsächlich geguckt werden im Gegensatz zum herkömmlichen Programm, ist das nur zu begrüßen. Dann erhalten wir wenigstens eine kleine Gegenleistung für unsere Gebühr.
krautrockfreak 05.07.2018
4. So was von unnötig!
Einen "perfekten" Film neu zu verfilmen ist rausgeworfenes Geld. Aber anscheinend muss (!) jeder super Film irgendwann neu aufgelegt werden. Gleiches mit "Blade Runner" - total unnötig. Und und und.... Fehlt nur noch eine Neuverfilmung von "Zurück in die Zukunft". Auch das wird noch kommen.
Siggi_Paschulke 05.07.2018
5. Das Boot
Gibt’s vom Boot nicht drei Fassungen? Kino, TV und dann in den 90ern den DC?
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