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Martina Gedeck als Jugendrichterin Heisig: Verbrannt im Brennpunkt

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Fernsehfilm "Das Ende der Geduld": Der Kampf der Kirsten Heisig Fotos
BR

Sie galt als Symbolfigur rechtsstaatlicher Härte - dann nahm sie sich das Leben: In "Das Ende der Geduld" mit Martina Gedeck spürt die ARD dem Leben der Jugendrichterin Kirsten Heisig nach. Der Film wird weder ihr gerecht noch dem Thema Toleranz.

Wie McDonald's hat auch die ARD Themenwochen. Diesmal geht es um "Toleranz", nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber! Mehr noch, bombardiere die Leute mit Gutem, auf dass sie selbst gut werden! Gekrönt werden die Festspiele am Mittwoch mit der Verfilmung des sehr erfolgreichen Sachbuchs der Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die im Film Corinna Kleist heißt und von Martina Gedeck gespielt wird. Nach dem Buch heißt auch der Fernsehfilm "Das Ende der Geduld", wobei "Das Ende der Toleranz" noch einen Tick passender gewählt wäre.

Gleich zu Beginn eine Szene, die Charakter und Antrieb der Richterin plausibel machen soll. Kleist liest einer jungen Punkerin mit mütterlicher Strenge die Leviten, das Mädchen bedankt sich mit einem selbst geschriebenen Gedicht - und stürzt sich aus dem Fenster. Der Vorfall setzt die Juristin außer Gefecht. Sie nimmt eine Auszeit von ein paar Monaten, wir sehen sie beim Nachdenken und Joggen. Wieder zurück im Gericht, wirkt Kleist stärker als jemals zuvor. An die Brennpunkte will sie und dahin, wo es am heißesten ist. Nach Neukölln also, wo sich Araber und Türken auf ihre Weise "Gute Nacht!" sagen. Tabletten gegen ihre Depressionen nimmt sie so nebenbei. Womit angedeutet, aber nicht ausgesprochen wäre, woran Kirsten Heisig wirklich gelitten haben könnte.

Im Kiez hören die Problemkinder den üblichen Gangster-Rap im geklauten US-Sportwagen, mit denen dann Runden auf dem Schulhof gedreht werden, bevor es zum Unfall kommt und der feige Fahrer in den Schoß seiner kriminellen arabischen Großfamilie flüchtet, von der man besser die Finger lässt. Kleist stürzt sich mit Elan auf die aussichtslosesten Fälle, "weil man da noch etwas erreichen kann". Freilich nur, wenn die Justiz nicht nur den Straftaten sanktionierend hinterherhechelt, sondern zeitnah und damit präventiv ins Geschehen eingreift - gerne auch mit Urteilen, die den minderjährigen Delinquenten wirklich weh tun, anstatt sie nur zu belustigen, denn "die brauchen das".

Fürsorgliche Härte

Das System reagiert allergisch auf die Reformwut der Richterin, die ihm gerne Beine machen würde. Allen voran der Kollege Herbert Wachoviak (Jörg Hartmann, bekannt als Psycho-Kommissar im Dortmunder "Tatort"), der das linksliberale Gutmenschentum repräsentiert, Kleists/Heisigs resolute Strategie beschleunigter Gerichtsverfahren für "rechte Nummern" hält und denkbar schwache Gegenreden hält: "Das meiste, das wächst sich doch aus. Wir müssen Geduld haben mit den Kids!" Umso besser kommt ihr Konzept der fürsorglichen Härte bei Leuten an, die als ehrliche Frontkämpfer an der gesellschaftlichen Verwerfungslinie im Einsatz sind.

Kleist lädt die Eltern der gefährdeten Kids ein und liest nicht nur Leviten, sondern auch das sentimentale Gedicht der toten Punkerin vor. Als eine arabische Mutter aufmuckt, fährt ihr die Richterin über den Mund: "Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs". Gedeck spielt diese Szene so präzise, dass ihrer Figur die grimmige Befriedigung über die eigene Entgleisung anzumerken ist. Oder war es gar keine Entgleisung? Kommt es genau darauf an? Der Jugendrichter Andreas Müller, ein Weggefährte von Kirsten Heisig, hat sich über diesen Satz bereits öffentlich geärgert: "So etwas hätte Kirsten nie gesagt!"

Kleist aber sagt es und meint es gut. Von hemdsärmeligen Polizisten lässt sie sich durch einen Kiez chauffieren, der aus der Beifahrerperspektive wie eine vollendete Dystopie wirkt. Ausländerfeindlichkeit? Iwo. Man wird aber noch fragen dürfen, was der sympathische Bulle mit dem Herz am rechten Fleck zu fragen wagt: "Wer sitzt denn bei ihnen auf der Anklagebank? Der Peter und der Hartmut oder der Mohammed und der Ali?" Als sie einen auf frischer Tat ertappten Drogenhändler wegen Minderjährigkeit wieder laufen lassen müssen, formuliert Kleist poetisch: "Haben Sie den Flaum auf seinen Wangen gesehen? Ist noch nicht raus, ob das mal Barthaare werden oder Federn". Sie will für Federn sorgen.

Kleist hätte auch gegen Orks antreten können

Leider stellt sich heraus, dass aus dem hässlichen Entlein kein Schwan zu machen ist, weil es nun einmal aus einem Clan hässlicher Enten stammt. Zwar wird durchaus nicht unterschlagen, dass das aufenthaltsrechtliche Limbo der "Duldung" von Migranten als "vorübergehende Aussetzung der Abschiebung" zu Arbeitslosigkeit und Kriminalität führt, dass also gesellschaftspolitisch viel falsch läuft. Die mafiöse Großfamilie im Film aber ist vom Opa bis zum Enkel so abstoßend gezeichnet, dass Corinna Kleist mit etwas mehr Budget auch gegen Orks hätte antreten können.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Kleist brennt für ihren Brennpunkt und verbrennt dabei. "Distanz kann ich nicht", sagt sie an einer Stelle. Immer häufiger sehen wir sie beim Joggen und Nachdenken und beim nachdenklichen Joggen. Als ihr ein wichtiger Prozess entgleitet, glitzert in angedeuteter Überblendung bereits das metaphorische Wasser, in das sie zu gehen gedenkt. Filmisch ist das so beeindruckend wie ideologisch problematisch. Kirsten Heisig aber hat nicht den Kampf gegen die Umstände, sondern den gegen ihre Krankheit verloren. Von einem Martyrium war nie die Rede, ihr "Neuköllner Modell" wird heute noch praktiziert. Im Film aber ist am Ende ihr "langer Atem" erschöpft. Sie scheitert und verschwindet wie eine übernatürliche Erscheinung im Park. Es ist die Apotheose einer Jeanne d'Arc der mitfühlenden "Nulltoleranz".


"Das Ende der Geduld", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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