"Das große Promi-Flaschendrehen" bei Sat.1 Mit Onkel Hugo im Partykeller

Angeblich werden derzeit die Geschlechterverhältnisse neu verhandelt. Kaum zu glauben, wenn man Promis auf Sat.1 dabei zusieht, wie sie Flaschendrehen spielen.

SAT.1/ Guido Engels

Manchmal ist es ein Segen, nicht auf dem Laufenden zu sein. Wenn man nämlich mal wieder das Privatfernsehen einschaltet, fühlt man sich wie Marty McFly in "Zurück in die Zukunft". Zwar ohne DeLorean, Dramaturgie, Komik und Ideen - aber mit Hugo Egon Balder ("Tutti Frutti", "Genial daneben"). Willkommen also bei "Das große Promi-Flaschendrehen" auf Sat.1. Willkommen in den Achtzigerjahren. Oder waren es die Siebziger?

Die Show trägt deutlich die unvergleichliche "Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach"-Handschrift von Balder. Der bestens vernetzte Veteran haut die tollen Ideen quasi im Akkord raus und bekommt selbst Schnapsideen wie "Der Klügere kippt nach" (Vox) mühelos wegproduziert.

Unter Filmschaffenden kennt man dergleichen als "High Concept". Ein Einfall, der sich bestenfalls schon mit dem Titel verkaufen lässt, schlimmstenfalls mit dem Titel aber auch schon auserzählt ist. So wie der Film "Snakes On A Plane" oder eben die Idee, Prominente sich langsam betrinken zu lassen. Hat was, das Billige, Schnelle, Schmutzige. Kann man mögen und wollen, dass das klappt.

Nun eben Flaschendrehen, eine bewährte Kulturtechnik, die der Moderator eingangs einen "Pubertätsbeschleuniger" nennt, das sei eine Sache "wie Tinder, nur schneller". Mit Prominenten. Es hätte auch Sackhüpfen oder, höhö, Eierlaufen sein können. Aber nur Flaschendrehen weckt Erinnerungen an den abgedunkelten Partykeller und Küsse, die nach Eierlikör schmecken.

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"Promi-Flaschendrehen": Schnapsidee

Und dann sitzen da im Halbkreis die Moderatoren Stefan Mross, Ruth Moschner und Jeannine Michaelsen außerdem Comedian Wigald Boning und Sänger Sasha. Starren auf eine Flasche, die mal auf diesen, mal auf jenen zeigt. Und harren der "Aufgabe", die Balder ihnen stellt. Das war's. High Concept. Partykeller. Fehlt nur die Lichtorgel. Und der Käseigel.

"Glocken zwischen den Knöcheln"

Zum Aufwärmen wird Sasha befragt: "Möchtest du lieber schlank mit Glatze oder fett mit vollem Haar?" Oder: "Möchtest du im Flieger lieber zehn Stunden neben Mario Barth oder Rainer Calmund sitzen?" Oder: "Möchtest du lieber nur im Gesicht oder nur am Körper altern?"

Ruth Moschner ruft dazwischen, sie zöge das Gesicht vor: "Ansonsten hängen die Glocken zwischen den Knöcheln!" Sie hat das Spiel verstanden.

Ziemlich zu Beginn wird per Zufall ermittelt, ob die Kandidatin nun Wurstwasser, Grünkohlwasser, Kapernwasser, Thunfischwasser oder Ähnliches trinken muss. Stefan Mross: "Dös sauf'mer ois weg!" Jeannine Michaelsen hingegen: "RTL macht ganze Shows mit so was!", worauf Balder anmerkt: "Mmh, ich weiß, und zwar acht Stunden am Tag".

Zweieinhalb Stunden Quatsch

Bei Sat.1 dauert der Quatsch nur zweieinhalb Stunden. Aber die dauern. Und dauern.

Die Dramaturgie erschöpft sich in "Jetzt dreht der Stefan mal an der Flasche!" und der jeweiligen Aufgabe, die Balder daraufhin aus der Wundertüte zaubert. Mehr passiert nicht.

Was theoretisch Raum schaffen würde, in dem "anarchischer Charme" sich entfalten könnte. Aber Balder beherrscht die Szene und dreht als Zeremonienmeister die Flasche notfalls da hin, wo er sie gern haben will. Und jetzt muss, hihi, Jeannine Michaelsen "ein Rezept so vorlesen, dass zumindest wir Männer geil werden".

Also räkelt sich die Arme, wir sind ja erwachsen, und liest lippenleckend von Bananen und Zipfeln. Immerhin scheint ihr das Dauerschlüpfrige und Halberigierte der Show nicht komplett geheuer zu sein.

Man möchte gern ausschalten

Sie hat's halt mit Hugo Egon Balder zu tun, der ist eben so, aber: "Im nächsten Leben werde ich Mann, hat viele Vorteile, auch im Fernsehen." Spätestens hier möchte man gern umschalten, traut sich aber nicht. Anderswo könnte "Klimbim" laufen oder "Eis am Stiel".

Weiter geht's also, schnell jetzt, mit "drei Dingen, die sich auf Himmel reimen". Mit "drei weiteren Beispielen für 'Liebe machen'", na? Ficken! Knattern! Oder mit "drei Dingen, an denen du lecken kannst". Michaelsen, tapfer: "Leckmuschel, Frösche, Lollis".

Ruth Moschner, souverän: "Siehste: Leckmuschel!" Ihr selbst fallen zu "Lebensmittel, die man beim Sex verwenden kann", Banane, Zucchini und Aubergine ein. Die Aubergine wird zum Running Gag. Boning, trocken: "Aber unter den Fernsehsendungen ist dies doch eine mit großem Informationsgehalt".

Sasha ist zusehends sediert

Später wird er, der alles mitmacht, "den paarungswilligen Regenwurm" tanzen. Erwachsene spielen Kindergeburtstag und haben gaaanz, gaaanz viel Spaß dabei. Balder zuliebe, der eben ist, wie er ist, und zu dieser Party eingeladen hat.

Es ist sein Partykeller. Er dimmt das Licht, wenn er will. Derweil die Kamera es zusehends schwer hat, die gelangweilten Gesichter im Publikum nicht einzufangen - oder den zusehends sedierten Sasha.

Dabei gibt Balder sich alle Mühe, den assigen Onkel zu geben, der von ihm erwartet wird, und eine verschwiemelte Atmosphäre selbst dort herbeiplappert, wo sie - ausnahmsweise - mal nicht zum Konzept gehört. Ein Konzept, dem er selbst nicht ganz zu trauen scheint. "Keine Angst, es kommt noch schlimmer!", sagt er alle fünf Minuten, oder: "Keine Bange, es wird noch doller!" Allein, es wird weder schlimmer noch doller. Es bleibt blöde.

Zumindest nach Auffassung des verklemmten Rezensenten, der, obwohl in den Achtzigerjahren aufgewachsen, zu seinem eigenen Bedauern für erfrischend unbefangenen Altherrensexismus (Pimmel! Muschi! Lecken! Kacken!) entweder zu alt oder zu jung ist.

Angeblich werden ja die Geschlechterverhältnisse derzeit neu ausgehandelt. Hier nicht.

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