TV-Experiment auf Ecstasy und LSD Hammerbreit mit RTL

RTL im Quotenrausch: Im "Jenke Experiment" wirft sich der Reporter Ecstasy, LSD und Ritalin rein. Die Botschaft bleibt diffus. Drogen sind der Himmel. Drogen sind die Hölle. Ach so.

RTL/ Jürgen Schulzki

Jenke von Wilmsdorff ist Schauspieler. Er ist es von Haus aus. In der "Lindenstraße", im "Tatort" und in Werbespots war er mal zu sehen, früher - die Rolle seines Lebens aber ist der furchtlose Fernsehreporter in der RTL-Sendung "Das Jenke-Experiment".

Hier erprobt er am eigenen Leib gesellschaftliche Phänomene, ohne allzu sehr mit deren Ursachen zu langweilen. Es gibt das Altern, die Magersucht oder den Rollstuhl, und Jenke von Wilmsdorff beschreibt im Selbstexperiment, wie sich das anfühlt. Die Versuchsanordnung dieser sozialen Stunts ist immer die gleiche und höchst erfolgreich. Als warenförmiger Wallraff steht er damit in direkter Konkurrenz zum investigativeren "Team Wallraff", ebenfalls auf RTL.

Allerdings hat "Das Jenke-Experiment" den Marktanteil der umstrittenen ersten Folge von 2013 nie wieder erreicht. Damals ging's um die Volkskrankheit Alkoholismus, das Experiment bestand in einem exzessiven Langzeitbesäufnis und dessen gesundheitlichen Folgen. Ist etwas "umstritten", ist das nach RTL-Logik immer erfreulich und gut für die Quote, und so greift Jenke von Wilmsdorff diesmal - nachdem er sich schon 2013 in Amsterdam mit Cannabis weggeschossen hat - zu härteren Sachen, nämlich Speed, Ecstasy, LSD.

Chemischer Jetlag inklusive

Der eingeworfene Stoff ist insofern legal, als er nicht ganz der verbotenen chemischen Zusammensetzung entspricht. Auch geht dem auf Amphetaminen durchtanzten Wochenende ein ärztlicher Check voraus. Ansonsten aber wirft Jenke von Wilmsdorff sich schwungvoll in die Arme der Droge, begleitet von seinem Kameramann, dem er zu vorgerückter Stunde mit toxikologisch bedingter Euphorie förmlich in die Linse springt: "Du magst die Musik doch auch, oder? Du bist mein Junge! Wir müssen gemeinsam privat viel mehr erleben!"

Wir sehen den Mann in Stroboskopgewittern tanzen und mit riesigen Pupillen kommentieren, er könne "noch vier Stunden weitertanzen". Wir sehen ihn aber auch anderntags mit Ringen unter den Augen, wie er sich selbst einen chemischen Jetlag attestiert. Nach zwei Nächten auf Speed und Ecstasy dauert es drei Wochen, bis der Serotoninspiegel wieder sein übliches Level erreicht hat. Computergrafiken erklären, was im Kopf so mit dem Synapsen passiert.

Dennoch drängt sich beim Zuschauen der Eindruck auf, Drogen seien etwas Wundervolles. "Drogen sind etwas Wundervolles", erklärt denn auch Jenke von Wilmsdorff, um gerade noch rechtzeitig den harten Schnitt zu setzen: "Drogen sind die Hölle".

Schon sind wir zu Besuch in einer tief verschneiten Suchtfachklinik, in der Mütter sich in Begleitung ihrer verpixelten Kinder behandeln lassen. Heroin, Crack, polytoxisch verheerte Gesichter und Biografien. Beim therapeutischen Töpfern befragt der Reporter die Patientinnen nach ihrer Drogenbiografie und erfährt von einer bayerischen Friseurin: "Die schönste Zeit meines Lebens habe ich mit der Droge verbracht".

Der Spaziergang als Gratwanderung

In einer anderen Drogenklinik sehen wir einen zitternden Säugling, der schon mit Entzugserscheinungen zur Welt gekommen ist. Auf besinnlichen Spaziergängen, die eigentlich Gratwanderungen sind, lauscht der Reporter den Berichten über Drogendruck und Rückfälle und nimmt Anteil: "Das ist Psychoscheiß, mal ganz im Ernst!"

Während nun aber die Frauen weiter mit ihren psychobeschissenen Dämonen ringen, ist der psychisch und physisch stabile 50-jährige Mann schon in der portugiesischen Pampa unterwegs zu einem LSD-Trip und fragt seinen Kameramann: "Hast du 'n Horrortrip gehabt? Eieiei. Und ist der wirklich so horror, wie man sagt?"

Im Ferienhaus liegt das Blättchen mit der Droge schon auf dem Kissen: "Diese kleine Pappe wird für ein Erlebnis sorgen, das jenseits von allem ist, was ich mir im Moment noch vorstellen kann." Unter Aufsicht seines Arztes und eines Spezialisten - also unter Idealbedingungen - geht der Reporter auf eine psychedelisch-philosophische Reise: "Ich sehe, wie das ganze Dach atmet. Wahnsinn. Es ist alles in Bewegung im Leben. Nichts, was starr aussieht, ist auch starr. Das sind so Momente, da entstehen auch ganz schnell Religionen draus."

Neben drolligen Erfahrungen ("Jenke, magst du mal die Augen leicht öffnen?" - "Hotdogs, da sehe ich ja nur Hotdog, Hotdogs, weißt du? Alles Hotdogs" - "Es gibt noch mehr in der Welt um dich herum." - "Als Hotdogs?") werden zwar auch die Grenzen zum psychotischen Abgrund gestreift, wenn den Probanden die Paranoia oder die Sentimentalität überkommt.

Trotzdem kann Jenke von Wilmsdorff anschließend nur resümieren: "Man hat schon das Gefühl, jetzt mehr Wissen zu haben als vorher", was man über die Sendung bis zu diesem Zeitpunkt leider nicht sagen kann. Der Erkenntnisgewinn bewegt sich im Rahmen dessen, was sich flüchtig in Flyern der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nachlesen lässt. So erfahren wir etwa über die studentische Streberdroge Ritalin, dass man sich unter ihrem Einfluss keineswegs in einer Woche des Arabischen bemächtigen kann - und Kopfschmerzen bekommt.

Sehenswert zwar, wie Jenke von Wilmsdorff sich in oktoberfestlichem Ambiente sogenannte K.o.-Tropfen verabreichen lässt und stufenlos in eine gefährliche Benommenheit abdriftet und zum willenlosen Opfer seiner Mitarbeiter wird: "Sie beklauen mich, ohne dass ich es bemerke. Und was ich bemerke, das lasse ich einfach geschehen."

Am Ende der Doku steht das Resümee, dass ein High auch ganz substanzenlos durch meditative Tanz- und Atemtechniken zu erreichen und "man selbst" immer noch die geilste Droge sei. Vorausgesetzt freilich, man ist Jenke von Wilmsdorff.

Und so wird man das Gefühl nicht los, einer Reihe recht banaler "Experimente" beizuwohnen. Dubios daran sind weniger die illegalen Drogen ("Darf man das?") oder die beflissenen Warnungen davor - auch wenn bis auf die düstere Einblendung am Ende ("2015 sind in Deutschland 1226 Menschen an illegalen Drogen gestorben") auf didaktische Zeigefingereien verzichtet wird.

Niemand wird zu Drogen greifen, weil er "Das Jenke-Experiment" gesehen hat - und niemand wird deswegen die Finger davon lassen. Zweifelhaft ist eher der Zweck, zu dem Jenke von Wilmsdorff seine kontrollierten Kontrollverluste als Unterhaltung inszeniert. Quote ist eben eine besonders teuflische Droge.


"Das Jenke Experiment", Montag, 21.15 Uhr, RTL

BBC-Dokumentation


insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
troy_mcclure 05.09.2016
1.
Der letzte Satz ist der Hammer (und er stimmt)
petra.stein 05.09.2016
2.
Sie schrieben es...ein psychisch und physich stabiler Mensch..würde von sich aus nicht so ne Scheiße nehmen. Quasi: "Experiment" gescheitert. Er hat weder die "Vorgeschichte" all dieser Leute, noch kennt er die Auswegslosigkeit derer... Genauso wie er sich als "dicker" "hergiebt"...mit Fatsuit (oder andere"ach so begnadete Leute).. Die Leute (egal ob Fettsucht, Magersucht oder Alkoholsucht) sind von heute auf morgen "so" geworden..Da ist ein "Ich zieh mir heute das und das rein" wohl ein Schlag ins Gesicht der Leute, die da unbemerkt reingerutscht sind. So wie er es hinstellt , als "abnorm" (für ihn ja-für die Leute "normal")Und dann --zack: "heute zieh ich meinen Fat-suit aus und bin wieder schlank" (esse wieder normal usw). Es kann KEIER aus einem Experiment daraus erschließen, wie sich Leute damit fühlen...Ich kann auch nicht für zwei Wochen Experiment Präsdent der USA sein...
tom_von_neukoelln 05.09.2016
3.
Qote hin, Qote her. Das nenne ich mal einen Bildungsauftrag der anderen Art. Ohne erhobenen Zeigefinger und ohne den Drogenkonsum immer mit geistiger Instabilität hervorzutun. Ich habe auch Erfahrungen in dieser Hinsicht und muss sagen, das ich es sehr interessant fand. Und ich bin wahrlich kein Sozialkrüppel. Unvernunft und Ethos schlagen hier Moral und Ethik.
vox veritas 05.09.2016
4.
Was soll man sagen außer: Dekadent Den Amis hat man vorgeworfen, wie das Römische Imperium zu sein - eine Weltmacht im Niedergang. Tatsächlich sind die Europäer das Römische Imperium: Dekadent und zum Niedergang verurteilt. Die Symptome zeigen sich täglich, überall und zunehmend.
FrankDr 05.09.2016
5.
Ich mag das Experiment, weil ich ihn als Typ nicht nur sympathisch und sehenswert finde, sondern er auch mit einer nicht gespielten Sensibilität und gleichzeitig erfrischend offenen Art an dir Dinge rangeht. Mn kann sich als Neutraler einfach durch ihn besser in diese versetzen... Näher als es eben geht, ohne selbst komplett abzurutschen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.