"Das Joshua-Profil" bei RTL Ein Film wie ein Unfall

Die Fiesen brüten im Dunkeln, und eine Kapuzenjacke schützt vor Überwachungsstrahlen: Der RTL-Thriller "Joshua-Profil" nach Sebastian Fitzek ist eine Parade von Dumm- und Ungereimtheiten.

RTL/ Boris Laewen

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Man würde den Bösen wirklich mal ein schöneres Finsternis-Hauptquartier wünschen. Ihre sinistren Pläne könnten sie doch bestimmt auch in ansprechenderem Ambiente spinnen, bisschen Scandi-Style vielleicht.

Aber nein, auch die gewissenlosen Datenklauer in "Das Joshua-Profil" hocken wieder einmal absolut freudlos in einem graugrünlichen Überwachungsgroßraumbüro, dessen kurvig gebogene Betonwände nahelegen, dass es sich dabei um eine umgewidmete Indoor-Skaterampe handelt. Noch dazu ist der Dresscode, wie es sich für die Bösen gehört, schwarz, das drückt zusätzlich aufs Gemüt.

Ob die Fiesen weniger fies wären, wenn man ihnen zum Beispiel ein paar Grünpflanzen oder kuschlige Berberteppiche spendieren würde? Über solche Dinge denkt man nach, wenn man "Das Joshua-Profil" sieht, und das sind zwar interessante Überlegungen, aber wahrscheinlich bei einer Sebastian-Fitzek-Thrillerverfilmung eher nicht gewollt.

Denn es geht ja um Max Rhode (Torben Liebrecht), unbescholtener Bürger und eher erfolgloser Autor des Schauerschmökers "Die Blutschule" (der von einem Vater handelt, der seinen Söhnen das Töten beibringt). Er wird plötzlich verdächtigt, bald ein schlimmes Verbrechen begehen zu wollen.

Unterhose in der Schreibtischlade

Und weshalb? Weil der Algorithmus des besagten, lieblos eingerichteten, finsteren Tech-Unternehmens es so ausgekaspert hat, und damit die Erfolgsquote der Firma makellos bleibt - und das Programm, das mittels digitaler Ausschnüffelung das Handeln von Menschen vorhersagen will, an die Regierung verkauft werden kann -, muss man eben ein bisschen tricksen. Also werden plumpeste Indizien platziert, damit vielleicht doch noch passieren könnte, was gefälligst zu passieren hat. Und eine Unterhose in der Schreibtischlade überführt flugs den Kinderschänder in spe.

Arg hanebüchen wirkt die verkürzte Handlung der Fitzek-Buchvorlage, trotz erfahrenen Ensembles und dekorierten Produktionsteams - Regie führte Kurzfilmoscar-Gewinner Jochen Alexander Freydank, das Drehbuch schrieb Grimme-Preis-Gewinner Jan Braren.

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"Das Joshua-Profil": Tanz der Fehlerteufel

Dabei liegt das Grundthema von Buch und Film gut in der Zeit: Das eigene Leben, das plötzlich komplett in die Fänge skrupelloser Datencruncher gerät, ist ein aktuelles Gruselszenario. Leider gerät die Handlung sofort ins Wanken, wenn sich ihr Betrachter nur minimal für logische Zusammenhänge interessiert: Wenn einen ein Fremder anruft, zu einem nächtlichen Treffen an einem verlassenen Ort locken will und dabei fortgesetzt insistiert, die 13-jährige Tochter sei in Gefahr - würde man dann nicht eher die Tochter beschützen, statt sie allein zu Hause zu lassen und zu dem obskuren Treffen zu fahren?

Vorgezogene Ostereiersuche

Auch der schludrige Ermittler, der nach der Entdeckung der fingierten Indizien erst Tage später vernünftig nach weiteren Spuren sucht, verhält sich fast unerträglich dümmlich. Für ihn steht sofort fest: Wer schaurige Thrillerbücher schreibt, ist ganz klar auch selbst ein schauriger Typ. Fast schon komödiantisch, wie er sich nach der Flucht von Max und seiner Tochter noch mal, noch mal und dann noch einmal auf der Terrasse umsieht, als kröchen die Abgängigen eventuell doch noch gleich unter einem wetterfesten Korbsessel hervor.

Versteht man die Suche nach Ungereimtheiten und Holperhandlung aber als vorgezogene Ostereiersuche, wird die RTL-Produktion "Das Joshua-Profil" zum großen Karfreitagsspaß. Die ganze Familie kann, feiertäglich vor dem Fernseher vereint, über die entdeckten Logiklöcher diskutieren. Eine kleine Auswahl:

  • Warum trägt der Röntgen-Krankenpfleger eine OP-Haube?
  • Wieso wird ein Mensch mit lebensgefährlichen Verbrennungen in seinem Arbeitszimmer behandelt?
  • Gibt es eine Fünf-Minuten-Variante des Stockholm-Syndroms, die erklären würde, warum sich eine Entführte derart fix auf die Seite ihres extrem wirr wirkenden Entführers schlägt?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass man zwar zu unbedarft ist, einen Sportwagen anzulassen, ohne dabei versehentlich die Scheibenwischer zu bedienen, dafür aber auf Anhieb tipptopp eine Babyyacht steuern kann?
  • Nimmt einen wirklich jeder Trucker ohne weitere Nachfrage mit, wenn man sich einfach auf den Beifahrersitz schwingt und ihm den Zaubersatz "Schnell, meine Frau entbindet!" zuruft?
  • Ist eine Kindesentführung so einfach, weil das verschleppte Balg ohnehin die ganze Zeit schläft?
  • Und, vielleicht mal wichtig, wenn es im wahren Leben mit der Datenspionage so weitergeht: Ist man optimal vor einer fast allmächtig scheinenden Überwachungsmaschinerie getarnt, wenn man sich einfach die Hoodie-Kapuze aufsetzt?

Am Ende ist man von all diesen Denkfaulheiten in der Umsetzung so zermürbt, dass man sich kaum mehr für die dahergaloppierenden Emo-Erklärungen und -Hintergründe aus Maxens Kindheit interessiert, die wie angepropft wirken, weil wohl allmählich die Zeit knapp wurde.

Sie reichte immerhin noch für ein müdes Metawitzchen. Autor Fitzek war zuvor schon kurz als schnippischer Buchhändler aufgetreten, der Max nach einer mäßig besuchten Lesung aus der "Blutschule" empfohlen hatte, es doch lieber mit Schmuddelbüchern zu versuchen, weil sich Thriller in Deutschland einfach nicht verkaufen.

Am Ende darf ihm Anwalt Toffi (Armin Rohde in einer Knallchargenrolle mit Pferdeschwänzchen und wespengelbem Ferrari) dann den Gegenbeweis liefern: Er berichtet Max, dass seine "Blutschule" durch den Medienrummel um ihn eine Million Exemplare verkauft habe: "Und RTL will 'nen Film draus machen." Sehen muss man den aber nicht unbedingt.


"Das Joshua-Profil", Karfreitag, 20.15 Uhr, RTL



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
edmond_hall 30.03.2018
1. Medizinische Korrektheit
Wenn Sie schon die OP-Haube ansprechen, würde ich gerne darauf hinweisen, dass Sie derartige Fehler in fast jeder Produktion mit medizinischen Szenen finden. Der Klassiker wäre, dass ‚Nulllinien‘ im realen Leben nicht ‚geschockt‘ werden. Wenn Sie also den langgezogenen Piepton, gepaart mit einer geraden Linie auf dem Monitor, bei einem Herzkreislaufstillstand hören, sieht eine Stromabgabe sicherlich spannend aus, entspricht aber in keinster Weise den Guidelines und ist kontraindiziert.
dasfred 30.03.2018
2. Mal wieder vor schlimmerem bewahrt
Wieder Dank an Frau Rützel, dass sie uns das anschauen dieses RTL Machwerkes abgenommen hat. Aber egal wie schlecht, das, was Frau Rützel daraus destilliert hat immer Unterhaltungswert. Ich liebe diese Wortspiele und frage mich, ob der Artikel nicht schon heimlich gegen das Amüsierverbot am Karfreitag protestiert.
Kalle Bond 30.03.2018
3. Diese Frau Rützel ..
... ist schon eine echte Spaßbremse, verdirbt den RTLern den Abend :) Wäre der Hauptdarsteller Mat Damon, unser aller Arni oder gar hairless Bruce würde die Menge der RTL I und II Fraktion die Handlung als absolut wahr anerkennen. Hier geht es um Unterhaltung, Entertainment, nicht um Logik. Wie würden sie denn "Alarm für Cobra 11" bewerten?
qoderrat 30.03.2018
4.
Ich hätte es besser wissen müssen, einen Artikel von Fr. Rützel am Karfreitag zu lesen. Mehrfach geschmunzelt und einmal gelacht, das ist ja schon hart am Amüsierverbot. Wie aber schon im Beitrag 1 erwähnt, es gibt nur wenige Filme die sich wirklich um Korrektheit in Fachbereichen kümmern, als IT-ler ist man bei dem gebotenen Unsinn auch nicht immer sicher ob man lachen oder heulen soll. Irgendwann lernt man das einfach zu ignorieren. Problematisch sind für mich da eher die logischen Brüche in der Handlung wie hier auch mehrere aufgeführt wurden. Spätestens an der Stelle schalte ich dann ab. Das ist aber kein alleiniges RTL-Problem, ich bin auch schon aus Kinos nach der Hälfte des Films rausgelaufen.
k.hohl 30.03.2018
5.
Frau Rützel, Sie haben bei der Ostereiersuche einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie haben die Zielgruppe vergessen. Na, Sie wissen schon, die "Titanic hat die Kundschaft dieser Sender doch so treffend klassifiziert ;-)
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