Love-Parade-Drama in der ARD Duisburg Calling

Parade des Selbsthasses: Das ARD-Drama "Das Leben danach" mit Jella Haase zeigt, wie das Love-Parade-Unglück von 2010 in Duisburg bei den Überlebenden nachwirkt. Großes Schauspielerinnenkino.

WDR/ Alexander Fischerkoesen

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Opfer ist nicht gleich Opfer, es gibt sie erster und zweiter Klasse. So sieht es jedenfalls die 25-jährige Antonia, die bei der Love-Parade-Katastrophe in der Unterführung zum Festivalgelände feststeckte, während um sie herum Menschen zu Tode gequetscht worden sind; sieben Jahre später wird sie noch immer von Flashbacks in das Tunnelinferno heimgesucht. Für die junge Frau existiert eine klare Opfer-Hierarchie: "Die Gestorbenen sind die Guten, um die kann getrauert werden. Die überlebt haben, sind die kaputten Arschlöcher."

Antonia, die Überlebende, gibt sich denn auch alle Mühe, ihrer Rolle als kaputtes Arschloch gerecht zu werden. Säuft wie ein Loch, pfeift auf den Job, beschimpft die Menschen, die sie am meisten liebt. Nachts rennt sie mit Bierflasche in der Hand zur Gedenkstelle für die Toten und wirbelt mit ihren Springerstiefeln Kerzen und Kuscheltiere, "Warum?"-Schilder und Erinnerungsbilder auseinander. Die Teilnehmer ihrer Selbsthilfegruppe stellen dann am Morgen wieder alles ordentlich auf. Nächste Nacht, gleiches Spiel.

Trauerarbeit ist immer Sisyphusarbeit. Es geht vor, es geht zurück, es gibt keinen festgeschriebenen Rhythmus, und es ist die Stärke des ARD-Dramas "Das Leben danach", dass die Filmemacher nicht versuchen, den möglichen, schleppenden Heilungsprozess dramaturgisch zu beschleunigen. Man geht jede Minute mit durch Antonias Endlostunnel.

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ARD-Drama zur Love Parade 2010: Von wegen Licht am Ende des Tunnels!

Und das liegt natürlich auch an Hauptdarstellerin Jella Haase. Über die Nebenrolle der Bubblegum-Brumme in den "Fack ju Göhte"-Filmen - "Chantalle, heul leiser!" - ist Haase zum Star geworden: voll Asi, voll ironisch. In dem WDR-Film, der am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, zeigt Haase nun, dass sie die Kommunikationscodes ihrer Generation in intensives, schmerzhaftes Spiel umzusetzen versteht. Die Distanzierung, den Sarkasmus, das Hantieren mit dem Eigentlichen im Uneigentlichen, das alles beherrscht sie perfekt.

Antonia, heul leiser!

Haases Antonia ist eine junge Frau, die sich den vorgegebenen Therapiemaßnahmen ihres Umfelds lästernd widersetzt, die sich den Hilfsangeboten der anderen stets einen Schritt voraus glaubt, während sie doch immer zwei Schritte der Smartness hinterherhängt, die sich selbst attestiert.

Antonia, heul leiser! Das sagt sie sich wohl selbst. Oder auch: Nörgel so laut, dass die anderen dein Flennen gar nicht erst hören! Antonia ist jetzt auf einer anderen Parade unterwegs, einer Parade des Hasses und Selbsthasses. Wer im Weg steht, über den marschiert sie hinweg.

"Das Leben danach" ist großes Schauspielerinnenkino, und das bei einem Thema und auf einem Sendeplatz, wo es großes Schauspielerinnenkino eher schwer hat. Das Trauerdrama über die Spätfolgen des Unglücks bei der Duisburger Love Parade, bei der am 24. Juli 2010 durch behördliches Versagen 21 Menschen ums Leben kamen und mehrere hundert Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, ist ein klassisches Fernsehstück für den Mittwoch: hohe gesellschaftliche Relevanz, aufklärerischer Anspruch! Oft erschlagen bei diesen Produktionen die großen Themen die kleinen Figuren.

Dass es hier nicht so ist, ist auch Regisseurin Nicole Weegmann (Grimme-Preis für "Ein Teil von uns") und den Drehbuchautoren Eva und Volker Zahn zu verdanken. Die drei waren zusammen auch für den Mittelstandsselbstzerfleischungstrip "Mobbing" verantwortlich. Mag am Anfang bei ihren Arbeiten das gesellschaftspolitische Sujet stehen, so ist dieses Sujet doch stets in einen sozialen Kosmos eingebettet, dessen Figuren Leben atmen. Schönes, scheußliches Leben.

Im Keller singt einer Clash-Songs

Das ist jetzt auch in "Das Leben danach" so. Die Welt um die Überlebende ist mit leichter Hand und doch milieugesättigt in Szene gesetzt: Der Vater (Martin Brambach) ist ein Altpunk und baut im Keller bei Summsumm-Versionen vom Clash-Klassiker "London Calling" Frust ab. Die Stiefmutter (Christina Große) ist Sozialarbeiterin mit Tattoo, die selber mal die Technomusik hochdreht, wenn ihr das ewige Opfergetöse Antonias auf die Nerven geht.

Umso größer die Freude in der Familie, als Antonia endlich mit einem Freund zu Hause erscheint. Was keiner weiß: Sascha (Carlo Ljubek) hat damals mit einem wissenschaftlichen Gutachten für die Stadt dazu beigetragen, dass es zu dem Desaster kommen konnte. Während er immer wieder somnambul die Zahlen aus seinem Gutachten wiederholt ("45.000 Leute, sechs Personen pro Quadratmeter"), arbeitet Antonia längst am Gegenschlag gegen den Mann, der ihrer Verzweiflung endlich ein Ziel zu bieten scheint.

"Das Leben danach" ist ein Film, der zeigt, dass Trauer sich nicht per Fingerschnippen auflöst - und dass Katastrophen keine Jahrestage brauchen, um zu zeigen, wie sie in den Menschen nachwirken. Lebenszeichen aus dem Tunnel: Duisburg Calling!


"Das Leben danach", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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