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"Das Literarische Quartett" im ZDF: "Das ist doch großartiger Quatsch!"

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Literatur im ZDF: Quartett, neu gemischt Fotos
ZDF/ Jule Roehr

Im ZDF ist der Kritiker-Klassiker "Das Literarische Quartett" zurück. Das Spiel mit koketten Verrissen, trotzigen Widersprüchen und zärtlichen Bekenntnissen ist ganz das Alte geblieben - und es läuft.

Was hätte man nicht alles mit der 2001 eingestellten Vorlage anstellen können! Ein virtuelles Studio aus Buchstaben und fliegenden Büchern. Flotte Kurzfilmchen, in denen Schriftsteller vorgestellt werden, wie sie nachdenklich am Ufer stehen und Steinchen springen lassen. Ein Crawl mit aktuellen Tweets zur Sendung ("Was Germanisten so am Feierabend tun #literarischesquartett"). Oder wenigstens eine memorable Titelmelodie.

Aber nein, "Das literarische Quartett" mit Volker Weidermann, Christine Westermann, Maxim Biller und jeweils einem geladenen Gast (bei der Premiere war das die Publizistin Juli Zeh) lässt alle nur denkbaren modernen Mittel des Mediums ungenutzt. Glücklicherweise. Denn das Fernsehen mit seinem Jahrmarktsgebimmel muss zurückgedrängt werden, damit etwas so Stilles wie die Literatur überhaupt zur Geltung kommen und Raum gewinnen kann.

Los geht es mit "Der dunkle Fluss" von Chigozie Obioma. Westermann findet die Übersetzung misslungen, wenn Fahrräder "Drahtesel" heißen oder Federn "wie Brocken" fallen. Weidermann bricht eine Lanze für die Erzählung ("meisterhaft"), die ihm von Maxim Biller prompt entwunden wird: "Hätten Sie weitergelesen, wenn es nicht für das Quartettt …" - "Nein." - "Dafür hätten Sie wahrscheinlich Handke weitergelesen!"

Als Juli Zeh erklärt, sie sei "nicht in der Lage, ein Buch gut zu finden, nur weil es ein Nigerianer geschrieben hat", will Biller ihr die wahren Gründe für ihre Ablehnung darlegen: "Nein, Sie mögen es deshalb nicht, weil …" Es folgt ein Blitzdiskurs über die Fegefeuer der deutschen Literaturkritik und ihre neokolonialen Überheblichkeiten.

Auch an "Macht und Widerstand" von Ilija Trojanow lässt Biller, längst in die scharfrichterliche Rolle des Marcel Reich-Ranicki geschlüpft, kein gutes Haar: "Ich wollte das Buch schon vorher schlecht finden und fand es schlecht", es sei eine "langweilige Qual", denn: "Der Böse ist böse, der Gute ist gut und findet sich auch gut". Dann sei "der Roman zu Ende, nach 500 Seiten und der schlechtesten Laune, die ich jemals hatte". Zeh, die das Buch vorgestellt hat: "Das ist ja unfassbar!"

Biller steigert sich in die flammende Anklage, Trojanow sei "kein Schriftsteller", worauf Weidermann mäßigend eingreift: "Das ist doch großartiger Quatsch", es gäbe auch tolle Momente, den tollsten übrigens "auf Seite 470". Da erinnert sich Westermann ebenfalls an einen schönen Satz und zitiert: "In der Hölle geht die Saat der Menschlichkeit auf!" Wieder platzt Biller der eigentlich doch weit geöffnete Kragen: "Das ist ein total banaler Satz! Frau Westermann! In der Hölle geht erstmal gar nichts auf! Und zweitens gibt es keine Hölle!"

Bevor nun aber über die Existenz der Hölle diskutiert werden kann, geht es schon mit Karl Ove Knausgard und "Träumen" weiter. Hier gerät nun Biller ins Schwärmen, und ein schwärmender Biller klingt so: "Knausgard selbst ist eine ähnlich tickende Zeitbombe wie Breivik". Westermann bemäkelt den stilistischen Detailismus Knausgards, die feine Zeitbombe trinke "auf 800 Seiten etwa 18 Hektoliter Tee, und ich bin bei jeder Tasse dabei." Biller angriffslustig: "Sie haben das Existentielle nicht gespürt? Er wird verrückt! Er wird verückt!", aber Westermann winkt müde ab: "Ich will gar nicht überzeugt werden! Nein!"

Worauf Biller zu härteren Kalibern greift: "Vielleicht verdrängen Sie ja auch etwas in Ihrem eigenen Leben?" Und "Zack!" greift wieder Weidermann schlichtend ein: "Wenn Sie das nach 800 Seiten nicht gefesselt hat, dann ist das nichts für Sie". Denn schon drängt die Zeit und folgt "Fieber am Morgen" von Péter Gárdos, das Biller kurzerhand als "Holocaust-Kitsch" bezeichnet und anschließend mit dem Kalenderspruchproduzenten Paulo Coelho vergleicht, wovon das Buch sich in dieser Sendung nicht mehr erholen sollte. Juli Zeh erklärt: "Es ist schön, dass Sie das Wort Holocaust-Kitsch gebraucht haben, ich hätte mich nicht getraut" Biller konziliant: " Sie dürfen! Die Wahrheit darf jeder sagen".

Und so füllt sich der Raum für die Romane mit den unterhaltsamen intellektuellen Eitelkeiten der Beteiligten, mit bissigen Einwürfe, trotzigen Widersprüchen, persönlichen Angriffen, vernichtenden Urteilen, eleganten Sottisen und überraschend zärtlichen Bekenntnissen. Das Kraftzentrum dieses Treibens ist eindeutig Maxim Biller, während Weidermann einstweilen eine eher schiedsrichterliche Stellung hält.

Das Spiel ist ganz das Alte geblieben, und es läuft. Am Ende fühlen sich 45 Minuten höchstens nach einer allzu schnell verflogenen halben Stunde an. Schließlich würden auch 45 Stunden nicht ausreichen, um einen Roman "erschöpfend" zu besprechen. Vielleicht aber, ihn zu lesen.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Danke für diesen großartigen Bericht.
f-rust 03.10.2015
Nun finde ich es doppelt schade, die Sendung versäumt zu haben und nehme mir sehr vor, die nächste zu schauen.
2.
brooklyner 03.10.2015
Obwohl mir Biller oft etwas auf die Nerven geht, fand ich ihn hier wie auch die gesamte Sendung gut. Schöne, gelungene Neuauflage der Sendung.
3. An #1 mit schönsten Grüßen
ApuMichael 03.10.2015
Hier werden Sie geholfen : http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2495416/
4. läuft...
nordschaf 03.10.2015
Wir hatten zum Glück schon vor einigen Tagen eine Ankündigung gesehen und uns rechtzeitig mit einer späten Tasse Kaffee vor dem Fernseher eingefunden. Ich muss sagen, dass mich eigentlich gerade die Bücher interessiert haben, die eher schlecht davon gekommen sind. Die Beiträge mit der meisten Substanz kamen für mein Dafürhalten von Westermann und insbesondere Zeh. Biller war etwas arg damit beschäftigt, sich zum absoluten Verurteiler aufzuschwingen und Weidemann war in der Tat öfter mal mäßigend dabei. Gut gefallen hat mir, dass die Gruppe eben *nicht* in eine Nebendiskussion über die Existenz der Hölle abgedriftet ist (die durchaus auch interessant gewesen wäre, aber hier eben nicht hingehört hätte) und bei der Sache blieb. Insgesamt haben wir uns köstlich amüsiert. Wie der Einspieler von Karasek hinterher dann auch noch zeigte: man erfährt mindestens genauso viel über die Bücher, wie über die Personen der Kritiker. Der nächste Termin ist fest gebucht. :-)
5. Mal die 2. Sendung abwarten,
Nabob 03.10.2015
wenn die auch so ist, war es das. Zwischen der aktuellen und der historischen Sendung bestehen weite Klassenunterschiede. Während die ehemaligen Teilnehmer als Grundgebot in der Lage waren, eine gut verständliche und vollständige Inhaltsangabe über das vorgestellte Buch dem Zuschauer zu liefern und daraufhin eine literarische Einordnung vorgenommen wurde - alles als Dienst am geneigten Zuschauer -, um sodann ggf. konträr über die persönlichen Eindrücke zu diskutieren, hat man bei der aktuellen Sendung folgenden Eindruck: Da sitzen 3 Journalisten plus Gast und können das oben Gesagte erst einmal nicht. Sie stellen literarisch recht nichtssagende Bücher vor und dann beginnt das, was man pubertär nennt: Alle 3 - soweit sie da nicht zufällig sitzen - beschäftigen sich nicht mit dem Buch, sondern mit sich, welche Gedanken "wettbewerbsmäßig" am besten sitzen, um sich dabei fortwährend, wie in einer geschlossenen Gesellschaft ohne Kameras, gegenseitig ins Wort zu fallen. Natürlich kann man bei diesem Sender nicht ausschließen, das "Klamauk" für die Quote ausdrücklich erwünscht ist, aber das darf nicht vorrangig sein. Im Vordergrund und dem Sendungstitel entsprechend ist diese vom Zuschauer lang ersehnte, erneute Literatursendung ein Format, dass den Sender dazu verpflichtet (17,50€ Zwangsgebühren!), wenn man so etwas unternimmt, möglichst informativ zu sein. Das ist leider nicht geschehen und vielleicht auch gar nicht erwünscht. "Natürlich" nimmt man auch nicht Gedanken des Gegenüber auf, sondern es hat mehr den Eindruck, man habe die Teilnahme an dieser Sendung als Karrierebaustein gesucht. Ohne Christine Westermann zu nahe zu treten; sie hat da nichts verloren. Zu bedauern war Juli Zeh in ihrer gedanklichen Alleinstellung ohne adäquaten Gesprächspartner. Für die monatliche Zwangsgebühr kann der Zuschauer in Anbetracht des Themas sowie des historischen Vorläufers erwarten, dass man dort nicht "Experten" mit den Fertigkeiten einer Schülergruppe antrifft.
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