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ARD-Doku über Argentiniens Junta: Fußball und Verbrechen

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Fußball-Doku: Folter, Mord, Freundschaftsspiel Fotos
DPA

Wie die deutsche Politik um Hans-Dietrich Genscher versagte: Die Doku "Das Mädchen" erzählt, wie die DFB-Elf 1977 in Argentinien zum Freundschaftsspiel antrat - nachdem eine deutsche Studentin von der Junta ermordet wurde.

"Ach, das Mädchen Käsemann." Das soll das einzige Statement gewesen sein, das Hans-Dietrich Genscher zu dem Fall abgebeben hat, damals im Frühjahr 1977, als sich die deutsche Nationalelf auf das Freundschaftsspiel in Argentinien vorbereitet, während die Helfer der Junta unter General Jorge Rafael Videla foltert, vergewaltigt und mordet.

Das "Mädchen" ist Elisabeth Käsemann, deutsche Studentin und Sozialaktivistin, die von der Militärpolizei unter dem Vorwurf des Terrorismus nach El Vesubio verschleppt wird, ein zum Foltergefängnis umfunktioniertes Feriendorf nahe Buenos Aires. Dort wird die junge Frau laut Zeugenaussagen in eine Art Hundezwinger gesteckt, mit Elektroschocks traktiert, systematisch sexuell missbraucht und schließlich umgebracht.

Der Dokumentarfilmer Eric Friedler ("Voice of Peace") hat nun für seinen 75-Minüter "Das Mädchen", der am Donnerstag in der ARD Premiere feiert, die Ereignisse rund um das Spiel und rund um die Ermordung rekonstruiert. Was nicht so einfach gewesen sein dürfte, da sich entscheidende Akteure nicht so gut erinnern. Oder es erst gar nicht versuchen. Klaus von Dohnanyi und Hildegard Hamm-Brücher, damals beide Staatsminister im Auswärtigen Amt, verstricken sich beim Interview in Widersprüche. Hamm-Brücher stottert, der sonst so selbstgewisse Dohnanyi artikuliert immerhin Scham. Genscher, der damalige Außenminister, will erst gar nicht vor die Kamera.

Ein Ständchen für die Junta

Aber warum hat das Auswärtige Amt 1977 denn nun nicht eingegriffen? Eine Antwort gibt Gerhart Baum, damals Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und als solcher auch bei der Strafverfolgung der RAF involviert: "Es war eine Phase der Hysterie. Ein Klima der Terrorismus-Angst. Das hat sich auf das Handeln ausgewirkt." Salopp übersetzt: Warum 'ne Linke aus einem argentinischen Knast holen, wenn man in Deutschland genug Ärger mit deren Gesinnungsgenossen hat? Aber Baum sagt auch: "Das Spiel war eigentlich ein Trumpf in unserer Hand - aber ein schwieriger. Das Spiel hat Aufmerksamkeit gebunden, und diese Aufmerksamkeit hätte man nützen können."

Wurde aber nicht gemacht. Im Gegenteil, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der dezidiert über den Fall Käsemann informiert gewesen war, hielt das Thema unterm Deckel. Schon weil man sich, wie im Film ein Fußballfunktionär erklärt, den Argentiniern verpflichtet fühlte, die durch ihr Wirken in den internationalen Gremien mit dafür verantwortlich waren, dass die WM 1974 in Deutschland ausgetragen worden war. Eine Hand wäscht die andere. Ein Jahr später schmetterte Udo Jürgens mit der Nationalelf "Buenos Dias, Argentina" als offizielles Lied für die WM 1978. Ein Ständchen für die Junta sozusagen.

Deutsche Terrorparanoia und deutsche Fußballindustrie vor dem Hintergrund einer lateinamerikanischen Diktatur: Die Informationen sind spärlich, und doch gelingt es Friedler, daraus ein vielschichtiges, zeithistorisches Panorama zu entwerfen.

Der DFB als "dritte Macht im Staate"

Da ist zum einen die Geschichte dieser jungen Frau, die auf den Fotos immer lächelt und deren Glaube, die Welt verbessern zu können, offensichtlich unerschütterlich ist. In Berlin demonstriert sie neben Rudi Dutschke, dann stürzt sie sich in die Dritte-Welt-Bewegung und die Befreiungstheologie. In den Slums von Buenos Aires engagiert sie sich für die Armen, argentinischen Regimekritikern hilft sie, indem sie ihnen Pässe fälscht, damit sie sich außer Landes retten können. Gewalt lehnt Käsemann, Tochter eines Theologieprofessors und NS-Widerstandskämpfers, rigoros ab.

Zum anderen zeigt Regisseur Friedler, wie tief die Scham und die Empörung über den diplomatischen Sündenfall von 1977 sitzt. In langen Interviews lässt er die Fußballstars von einst zu Wort kommen, denen nach eigenen Aussagen der Fall Käsemann verheimlicht wurde. Berti Vogts, Karl-Heinz Rummenigge und Paul Breitner äußern sich offen über die düsteren Seiten des Geschäfts, in ihren Augen blitzt zuweilen Zorn.

Grimmig spricht Breitner über Hermann Neuberger, den damaligen Präsidenten des DFB: "Er war der Einzige, der den Durchblick hatte, ein gnadenloser Geschäftsmann, für den es nur ein einziges Ziel gab: den DFB immer mächtiger werden zu lassen. Er hat sich als dritte Macht im Staate gesehen." Und als solcher hat er eben seine Kicker zum Freundschaftsspiel gegen Argentinien antreten lassen, dessen Militärmachthaber sich dadurch wiederum legitimiert sahen.

"Das Mädchen" ist eine verstörende, eine unversöhnliche Dokumentation, die kurz vor der WM noch einmal wirkungsvoll eine alte Weisheit neu interpretiert: Sport ist Mord.


"Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?", Donnerstag, 22.45, ARD

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Männerbündisch
bugs bunny 05.06.2014
FIFA und Diktaturen, das passte schon immer zusammen, siehe Katar. Und der DFB mit seinen Spitzen, insbesondere in der Zeit von Helmut Schön und Hermann Neuberger, hat sich noch nie als Speerspitze der Demokratie hervorgetan. Berühmtes Zitat von Beckenbauer anlässlich der massenhaften Todesfälle auf den Baustellen in Katar: Er habe keine Sklaven gesehen. Ha Ha Ha Und den Spielern ging bei der WM in Argentinien jedes politisches Anstandsgefühl verloren. Man muss sich nur die WDR-Doku zur Skandal-WM 1978 ansehen - gruselig.
2. Die alte Leier
steueragent 05.06.2014
Heute, also 37 Jahre später, kann man das natürlich alles viel besser beurteilen. Und mit Sicherheit würden die damaligen Akteure heute fast alles anders machen. Aber damals war die große RAF-Hysterie auf dem Höhepunkt und gar mancher klammheimlich froh darüber, dass eine "Terroristin" weniger im Spiel war. Sehr traurig, vor allem natürlich für die Eltern und Verwandten. Vor allem vor dem Hintergrund, dass man sie durch entschlossenes Handeln mit einiger Wahrscheinlichkeit hätte retten können.
3. Wenn ich darüber nachdenke,
kenterziege 05.06.2014
....wie ich bei einer Verkehrskontrollen 1978 in Schleswig-Holstein in einem neuen weißem 525 BMW mit Bonner Kennzeichen von der Polizei mit in das Seitenfenster gerichteter Maschinenpistole kontrolliert und gefragt wurde, weshalb mein Auto eine Anhängerkupplung hat, dann kann ich die Aufgeregtheit der Obrigkeit gut nachvollziehen. Die würden in einer vergleichbaren Situation heute nicht anders reagieren. Obgleich ich den trickreichen Genscher nicht besonders schätze ( Verlassen der sozialliberalen Koalition) meine ich, dass die tatsächlich in dieser Zeit andere Dinge auf dem Radarschirm hatten. Der Fussball als Machtfaktor. Das ist doch inzwischen noch viel mehr der Fall. Es ist die erste Macht im Staat, seit dem Angela Merkel in die Kabinen der Nationalmannschaft geht. Die würde heute auch in nüchternem Kalkül im Zweifel pro Fussball entscheiden. Mir wäre das völlig egal, wenn die Bundesliga-Clubs, wie Firmen behandelt werden und für ihre eigene Sicherheit nach den Sätzen privater Sicherheitsdienste bezahlen müssten und wenn der brave Zwangsgebührenzahler nicht durch seine Beiträge erst die Macht dieser Epigonen des Proletensports ermöglicht. Was Argentinen betrifft, hat nur Maggie Thatcher gezeigt, wie man mit diesen Machos umgeht! Nachträglich Bravo dafür. Die einzige die (virtuelle) Eier in der Hose hatte!
4. FDP-Ikone?
HLoeng 05.06.2014
Wie schlimm muss es um eine Partei bestellt sein, wenn sie noch heute einen Opportunisten wie Genscher stilisiert und idealisiert?
5. Tja...aber nach
Lankoron 05.06.2014
fast 50 Jahren ist da aus heutiger Sicht leicht zu reden. Ich finde das immer toll, wenn man die entsprechenden Zeitumstände bei Geschichtsbetrachtungen weglässt. Damals war es eine deutsche Stundentin, die man vernachlässigte....heute sind es Arbeiter auf katarischen Baustellen oder unliebsame Reporter und Oppositionelle in Russland oder Favella-Bewohner in Rio. Der Sport ist heutzutage ein solches Massenphänomen, dass er als Beruhigungsmittel für die Massen gebraucht und genutzt wird. Ich hoffe dann mal, dass sich unsere Enkel 2060 für uns schämen.
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