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"Das Supertalent"-Finale: Sieg mit Pans Flöte

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Wer wird Bohlens Liebling? Im Endspiel von RTLs "Das Supertalent" holte sich der Ecuadorianer Leo Rojas mit seinem Panflötenspiel den Titel. Die gigantische Langeweile der Dauersendung konnte aber auch er nicht wegträllern.

Fotostrecke: Finale beim RTL-Einschaltquotenmonster Fotos
DPA

Los ging's wie in einer Dorfdisco, bei der alle Anwesenden entweder mit Speed oder mit Ecstasy ausreichend versorgt sind. Laser blitzten, Beats ballerten, und irgendwann kam - woher und warum auch immer - Dieter Bohlen auf einem Motorrad ins Studio gefahren. Yeah! Toll! So, das war's auch schon an Höhepunkten. Danach breitete sich über vier Stunden bis zum Horizont des Abends eine ozeanische Langweile aus.

Am Ende gab es sogar gefühlte 20 identische "Schnelldurchläufe", denn der Sieger wurde per Telefon ermittelt. 50 Cent pro SMS, da kommt etwas zusammen. Anrufen, anrufen, anrufen. Ein Äffchen macht Kunststückchen. Werbung. Anrufen. Werbung. Schnelldurchlauf. Es fühlte sich an wie "Wetten, dass?!", nur mit Werbepausen. Aber ohne Thomas Gottschalk. Und ohne Wetten.

Anderswo mag bei einem "Finale" die Spannung ihren Höhepunkt erreichen. Beim RTL-Einschaltquotenmonster "Das Supertalent" (in der Spitze mehr als sieben Millionen Zuschauer) spielte Spannung noch nie eine Rolle. Dort ging es immer nur um das rituelle Runtermachen tragischer Gestalten oder das weitaus verlogenere Traurigfinden "schlimmer Schicksale". 42.000 haben in diesem Jahr ihr Glück versucht. Bei den verbliebenen zehn waren denn auch Dieter Bohlens unergründliche Vorräte an Häme erschöpft. Von der Jury aus Spielerfrau Sylvie van der Vaart, Tänzerin Motsi Mabuse und eben Dieter Bohlen wurde, bis auf einen, jeder Kandidat mit routiniert gespielter Begeisterung durchgewunken.

Unter "ferner" liefen: Ein aufgedrehter Modern-Talking-Fan, der Dieter Bohlen für einen Gott hält, einen Song von Modern Talking "performt", von Bohlen für seinen "super Musikgeschmack" gelobt wird und sich mit den denkwürdigen Worten verabschiedet: "Es sind wirklich alle Menschen gut auf dieser ganzen Welt"; ein russischer Zirkusartist mit bestürzend biegsamem Becken, der seine Sache "universumgeil" (Bohlen) macht und die 100.000 Euro Preisgeld für den Orthopäden sicher gut hätte gebrauchen könnte; ein slowakischstämmiger Fußgängerzonentänzer, der gut tanzen kann; ein türkischstämmiger Akrobat mit Kinderlähmung, der gut auf Krücken tanzen kann; ein Justin-Bieber-Look-Alike, das süß aussieht und irgendeine Ballade vorträgt; eine italienische Sirene, die eine Ballade aus dem Musical "Cats" darbietet; ein Punk, der vor Selbstmitleid zerfließt und einen Song von Metallica auf dem Piano versiebt ("Bevor ich abkratze, will ich etwas machen, was ich kann").

In den engeren Kreis kommen: Ein Sechsjähriger, der "Für Elise" auf dem Klavier spielen kann, wie talentierte Sechsjährige eben Klavier spielen können, und dabei wie ein Großer affektiert mit den Händen wedelt. Wem das noch nicht niedlich genug war, der konnte sich seine süße Stoffpuppe auf dem Flügel anschauen. Oder sich über die fünf kleinen Mädchen freuen, die im Trockeneisnebel zu Füßen des Wunderkinds platziert waren, um Andacht zu simulieren. Ein ganz normaler Typ "mit Spielschulden", der nach einem Bandscheibenvorfall "40 Kilo zugenommen hat", weshalb er sich "nicht gerne im Spiegel" sieht, aber schön Abba singen kann. Und ein angenehm sedierter Panflötenindianer, der zu Beginn seines Auftritts ("Der einsame Hirte") ganz animalisch von einem Schimmel steigen und Anden-Kitsch verbreiten darf.

Irgendwann nach Mitternacht erklärt Moderator Marco Schreyl zum x-ten Mal, dass hier die Zuschauer ("Anrufen! Anrufen! Anrufen!") alles in der Hand haben und gewährt wie nebenbei einen Blick auf die innere Logik von RTL. Der Sieger, so Schreyl, werde "bestimmt von den Menschen, die entscheiden, ob etwas gut ist im Fernsehen oder nicht". Und die Leute wählen eben, was sie kennen. Sie kennen RTL vom Fernsehen und aus der Fußgängerzone Panflötenindianer. Es gewinnt daher der indigene Ecuadorianer Leo Rojas.

Vom Gewinn, sagte er vorher, würde er seiner Familie daheim ein Haus kaufen. Sein Sieg ist also so etwas wie Entwicklungshilfe der Herzen und ginge völlig in Ordnung - wäre da nicht Dieter Bohlen. Sollte der demnächst die entsprechende "CD machen", blüht uns und dem Gewinner nichts Gutes. In einer früheren Sendung hat Bohlen das Potential des Kandidaten jedenfalls mit leicht rassistisch eingefärbter Einfalt schon einmal schön auf den Punkt gebracht "Winnetou meets Enigma".

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1.
buktu1975 18.12.2011
Zitat von sysopWer wird Bohlens Liebling? Im Endspiel von RTLs "Das Supertalent" holte sich der Ecuadorianer Leo Rojas mit seinem Panflötenspiel den Titel. Die gigantische Langeweile der Dauersendung konnte aber auch er nicht wegträllern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804435,00.html
Nett geschriebener Artikel! Das ist dann auch schon alles, was man über 'Das Supertalent' wissen muss...:-)
2.
stevie76 18.12.2011
Zitat von sysopWer wird Bohlens Liebling? Im Endspiel von RTLs "Das Supertalent" holte sich der Ecuadorianer Leo Rojas mit seinem Panflötenspiel den Titel. Die gigantische Langeweile der Dauersendung konnte aber auch er nicht wegträllern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804435,00.html
treffende kritik. den letzten satz finde ich allerdings total banane.
3. Etwas kümmerliches Ende einer viel besseren Staffel
tüttel 18.12.2011
Ich fand die Sendung trotz üblicher Rührklischees beileibe nicht langweilig, sondern den Sieger nur vergleichsweise langweilig im insgesamt viel interessanteren und besseren Teilnehmerfeld. Der kleine Wunderpianist, der blonde Teeniestar, die italienische Sängerin oder der Modern-Talking-Imitator waren schon nicht schlecht. Den Indio-Sieger hatte ich bis dato überhaupt nicht gekannt - er war mir bisher überhaupt nicht aufgefallen. So war es m.M. ein etwas kümmerliches Ende einer insgesamt viel besseren Staffel des Jahrmarkts-Formats.
4. Eine Flöte und eine Menge Pfeifen.
BlakesWort 18.12.2011
Zitat von sysopWer wird Bohlens Liebling? Im Endspiel von RTLs "Das Supertalent" holte sich der Ecuadorianer Leo Rojas mit seinem Panflötenspiel den Titel. Die gigantische Langeweile der Dauersendung konnte aber auch er nicht wegträllern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804435,00.html
Ich kann endlich mal nicht ohne einen gewissen Stolz sagen, keine einzige Folge dieser Menschenvorführung gesehen zu haben. Der Artikel klingt allerdings wie der alljährliche Endpunkt dieser Show, die vor allem reich an Tiefpunkten ist. Wieder mal eine illustre Zusammenstellung aus allen Bereichen der halbkünstlerischen Gesellschaft, da mit auch ja für jeden was dabei ist. Und Bohlen darf sich wieder als großer Macher präsentieren, als Vertreter und Breittreter des simplen Geschmacks. Aber man darf nicht vergessen. Es ist Privatfernsehen. Die müssen nur Grundstandards einhalten und solange sich sieben Millionen Menschen davon unterhalten fühlen, bitteschön. Davon geht das Abendland nicht unter und es gilt die alte Weisheit: "Je schlimmer die Krise, umso erfolgreicher das seichte Fernsehen."
5. Auf den Punkt gebracht:
Schatziputzi 18.12.2011
Zitat von sysopWer wird Bohlens Liebling? Im Endspiel von RTLs "Das Supertalent" holte sich der Ecuadorianer Leo Rojas mit seinem Panflötenspiel den Titel. Die gigantische Langeweile der Dauersendung konnte aber auch er nicht wegträllern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804435,00.html
weshalb nur ignorieren die Zuschauer nicht einfach diese Katastrophensendung, damit die Klamotte endlich eingestampft werden kann? Oder sind etwa die "hohen" Zuschauerzahlen genau so ein Fake, wie so manch andere Sendung von RTL&Co?
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