CBS-Talker Letterman geht Dave hatte sie alle

"Es war toll" - doch jetzt hat er genug: Talk-Legende David Letterman hat nach 32 Jahren im Show-Business seinen Abschied angekündigt. Er war eine amerikanische Institution.

US-Präsident Barack Obama zu Gast bei David Letterman: Staatenlenker kamen und gingen, Letterman blieb
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US-Präsident Barack Obama zu Gast bei David Letterman: Staatenlenker kamen und gingen, Letterman blieb

Von , Los Angeles


David Letterman ist kein Mann großer Gefühle. Erst recht, was ihn selbst angeht. Da muss schon eine Talk-Therapeutin wie Oprah Winfrey kommen: "Ja, darüber habe ich nachgedacht", hatte Letterman ihr schon voriges Jahr über einen möglichen Rückzug aus dem TV-Geschäft gesagt. "Ich werde vermissen, was ich mache."

Und also kam der Tag des Abschieds, jedenfalls seiner Ankündigung. Am Donnerstag nahm der am längsten amtierender Talkmaster der Welt, wie Abertausende Male zuvor, hinter seinem Schreibtisch auf der Bühne des Ed Sullivan Theaters am Broadway Platz, zupfte sich das senffarbene Sakko zurecht und wandte sich ans Publikum, im Saal und darüber hinaus.

Doch statt die übliche Kanonade aus Kalauern abzufeuern, berichtete Letterman über ein eher ernsteres Telefonat, das er vor der Sendung mit seinem Boss geführt habe, CBS-Chef Leslie Moonves: "Leslie, es war toll, du warst toll, und der Sender war toll", habe er ihm gesagt, "aber ich werde in den Ruhestand gehen."

Manch Gast war bekifft oder halbnackt

Schluss, aus, fertig: So beiläufig kam das. Nach 22 Jahren "Late Show" und mehr als 32 Jahren im Showbusiness will Letterman 2015 aufhören. "Das Ende einer Ära", meldete CBS.

Ein angemessenes Klischee: Mit Letterman geht nicht nur der letzte TV-Grantler in Pension - sondern auch der letzte Gralshüter einer Zeit, in der sich die Amerikaner spätabends noch von witzelnden Männern bespaßen ließen, im einzigen Massenmedium, das damals zählte.

Das Medium ist nicht mehr das einzige, die Männer sind ergraut - mit ihren Fans: Lettermans Publikum war zuletzt im Schnitt 55 Jahre alt. Sein Mentor Johnny Carson starb 2005, er selbst wird nächste Woche 67, sein ewiger Rivale Jay Leno dankte neulich mit 62 ab. Letterman war der letzte dieser Mohikaner.

Nach Leno blieb ihm keiner, an dem er sich messen konnte. Seine Show - weltweit imitiert, doch nie erreicht, siehe Harald Schmidt - war schon lange saftlos geworden. Und der New Yorker wirkte schon ebenso lange, als wolle er nicht mehr, ohne zu wissen, wie man aufhört.

Seine besten Momente liegen weit zurück: Interviews als Achterbahnfahrten ohne Sicherheitsgurt - oder die Gewissheit, wer zuerst ausrasten würde, er oder sein Stargast.

Madonna bot ihm ihren Schlüpfer an: "Willst du ihn nicht riechen?" Schauspielerin Drew Barrymore kroch auf den Tisch und entblößte ihre Brüste. Farrah Fawcett schien bekifft, als sie ihren "Playboy"-Auftritt bewerben sollte. Und Joaquín Phoenix erschien mit Brille und Vollbart und ignorierte alle Fragen - Performance-Kunst, wie er später erklärte.

Klar, dass sie sich bei ihm freier fühlten. Während Leno den familienfreundlichen Humor zu Tode ritt, war Letterman stets schräger, bissiger. Die Standorte der Rivalen waren Programm: Leno war das zahngebleichte Los Angeles, Letterman das schroffe New York.

Skandale und Schreckmomente

Und wie New York hatte er seinen ehrlichsten, ergreifendsten Auftritt im Moment der tiefsten Krise. Sechs Tage nach dem 11. September 2001 war das, bei seiner ersten Show seit den Terrorangriffen, die seine Wahlheimat - und offensichtlich ihn selbst - traumatisiert hatte.

"Es ist furchtbar traurig hier in New York City", murmelte er da. "Furchtbar, furchtbar traurig." Der Clown wurde zum Tröster und widmete seinen Monolog, selbst mit den Tränen kämpfend, den Opfern und Bürgermeister Rudy Giuliani - den er sieben Jahr später, als er fürs Weiße Haus kandidierte, gnadenlos abkanzelte.

Er überlebte Skandale und Schreckmomente, eine verpatzte Oscar-Moderation, einen vierfachen Bypass, den Zorn Sarah Palins, eine Stalkerin sowie eine Sex-Affäre, enthüllt durch einen Erpressungsversuch. Doch hinter der harten Fassade steckte stets ein weicher Kern.

Von Natur aus schüchtern, musste er sich das öffentliche Reden antrainieren. Seine Karriere begann im Radio und vor einer Wetterkarte, schon damals galt er als Pulverfass. Er arbeitete sich hoch, bekam eine erste Show, bis Talk-Urvater Carson auf ihn aufmerksam wurde. Dessen "Tonight Show" sollte er 1992 erben, doch NBC wählte Leno - ein Drama, in Buch und Film als "Late Night Wars" verewigt.

Letterman floh zu CBS, das ihm die "Late Show" gab, in direkter Konkurrenz zu Leno. Doch obwohl er schließlich sogar, im Beisein von Präsident Barack Obama, die höchste Entertainment-Ehre der USA verliehen bekam, die Kennedy Center Honors, siegte Jay Leno im Quotenkampf fast immer: Dessen Weichspül-Humor kam in Middle America besser an - obwohl Letterman aus Indianapolis stammt.

Noch bevor Letterman am Donnerstag zu Ende gesprochen hatte, jagte die Nachricht bereits durchs Internet: "Dave hat gerade seine Pensionierung angekündigt", twitterte Mike Mills, Ex-Bassist der Gruppe R.E.M., der dabei war - gefolgt vom Hashtag #muchlovedave.



insgesamt 7 Beiträge
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peter-k 04.04.2014
1. optional
Gegröle, kindischen Albernheiten, und erstaunlich viele der Gäste so offensichtlich unter Drogen. Ihre drei Beispiele Drew Barrymore, Farah Fawsett (die war offensichtlich nicht nur betrifft) und Joaquin Phoenix zeigen perfekt warum es sowas in Europa niemals geben wird.
mhwse 04.04.2014
2. in China sind
es die Künstler. Letterman sollte man kennen.
Antal 04.04.2014
3. Letzte der Mohikaner?
Und was ist mit der Daily Show with Jon Stewart, oder Stephen Colbert?
rofldub 04.04.2014
4.
Schade um Letterman aber irgendwann ist immer mal Schluss. Interessant wird jetzt nur, wer die Sendung übernehmen wird. Craig Ferguson vielleicht?
ahhcrap 04.04.2014
5. Eine Ikone geht
legendär der 'grabbing 'Auftritt von Tom Waits oder Eva Longoria 's Klamotten Problem mir wird er fehlen
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