Letzte Talkshow Und es geht... der Letterman

6028 Sendungen, 33 Jahre, 12 Emmys: Dave Letterman war der einflussreichste und coolste Talkmaster Amerikas. Seine letzte "Late Show" bewies nun aber auch, warum dieses Format längst tot ist.

Von , New York


Zum Abschied sind sie alle noch mal da. Steve Martin, Jerry Seinfeld, Chris Rock, Jim Carrey, Alec Baldwin, Barbara Walters, Tina Fey, Bill Murray: Alte Comedy-Weggefährten, ihrerseits längst ergraut, geben ihm das letzte TV-Geleit. Sichtlich berührt geht er von einem zum anderen, umarmt sie, murmelt ihnen ins Ohr: "Vielen Dank für alles."

Dave Letterman, Amerikas langlebigster und wegweisendster Talkmaster, nimmt den Hut - und mit ihm stirbt eine Ära. Seine letzte "Late Show", wie immer aus dem New Yorker Ed-Sullivan-Theater, ist eine Revue aus bewährten Biss und sentimentaler Rückschau. Zugleich offenbart sie, warum ein solcher Anachronismus kaum mehr Relevanz hat - trotz des subversiven Humors, den Letterman auch mit 68 noch versprüht.

"Sieht so aus, als kriege ich die 'Tonight Show' nicht mehr", witzelt er zu Beginn, als sich das Publikum nach minutenlanger Ovation endlich setzt. Die meisten haben vergessen, was er meint: Seine brutalste Niederlage - der Kampf um die Krone der NBC-Latenight, die er 1992 an Jay Leno verlor. Diese Wunde schmerzt bis heute: Letterman wurde zum ewigen Quotenzweiten - und damit zum größeren Underdog-Kultstar.

Eine allerletzte Top-Ten-Liste

Und nun: 6028 Sendungen, 12 Emmys, 33 Jahre, davon 22 bei CBS, dem Network, zu dem er nach der "Tonight"-Enttäuschung überlief. Keine Late-Night-Karriere war dauerhafter als Lettermans. Und keine so absurd-innovativ - von "Stupid Pet Tricks" bis zu Rupert Jee, dem Tollpatsch vom "Hello Deli" um die Ecke, der erstmals 1993 auftrat und zuletzt am Dienstag: Er werde Letterman "total vermissen", sagte er.

Fotostrecke

14  Bilder
David Letterman: Eine amerikanische Institution
Lettermans Top-Ten-Liste wurde zur Institution. Am Mittwoch gab es eine allerletzte, präsentiert von besagter Prominentenriege. Die Kategorie: "Sachen, die ich Dave immer schon mal sagen wollte." Es waren keine Asse, eher sanfte Volleys. "Ich bin nur froh, dass deine Show an einen anderen weißen Kerl geht", sagt Chris Rock - kein Witz, sondern eine tatsächliche, aktuelle Kritik an Lettermans Nachfolger Stephen Colbert.

Der Rest der Show ist bezeichnend konventionell. Witze über Hillary Clinton, "Mad Max", die Simpsons. Viel besser - auch das bezeichnend - sind jedoch die alten Clips dazwischen: Sie zeigen, wie anarchisch Lettermans Stil mal war, als sein Haar noch wilde Locken werfen konnte. Selbst seine Zahnlücke scheint seither geschrumpft zu sein.

Alle imitierten ihn, keiner erreichte ihn. Seine Interviews sind legendär, vor allem die desaströsen: Madonna, die 16-mal "fuck" sagte; Farrah Fawcett, betrunken; Joaquin Phoenix, benebelt. Seine Dauerfehden - Oprah, Sarah Palin, CBS-Boss Les Moonves - waren echt. Seine New Yorker Authentizität unterschied ihn von den Hollywood-"Phonies".

Und immer wieder zeigte er Herz - und Größe. In der ersten Show nach 9/11 sprach er für die ganze Stadt: "Es ist furchtbar traurig hier." Bei seiner Rückkehr nach fünffachem Bypass versammelte er alle Ärzte und Schwestern um sich herum. Und als seine Sex-Affären aufflogen, tat er vor laufenden Kameras Abbitte bei Ehefrau Regina Lasko.

"Wenn ich jetzt Mist baue", sinniert Letterman am Mittwoch, "muss ich in die Show eines anderen gehen, um mich zu entschuldigen."

Geburtshelfer einer ganzen Generation

Dabei ist das Format sowieso passé. Talkshows à la Letterman sind Relikte einer Ära, in denen es nur ein Massenmedium gab und einen einzigen Grandseigneur spätabendlicher Betthupferl-Bespaßung - Lettermans TV-Mentor Johnny Carson, der Pate der "Tonight Show".

Letterman war dann seinerseits Geburtshelfer einer neuen Generation Jungstars, der er jetzt ebenfalls weicht. Jimmy Kimmel, der auf ABC kalauert. Jimmy Fallon, der die "Tonight Show" vom ausrangierten Oldtimer Leno übernahm. Colbert, Lettermans "Late Show"-Erbe.

Bei dieser Entscheidung hat ihn CBS schon gar nicht mehr konsultiert: "Ist nicht mehr meine Show", sagte Letterman der "New York Times".

Nicht mehr seine Show - und nicht sein Stil. Die neue Garde juxt lieber mit Web-gerechten Kurzgags denn mit Grantelmonologen. Ihre Quoten sind doppelt so hoch wie die Lettermans waren, doch das ist auch nur noch ein Barometer der Vergangenheit. Gut ist, was sich viral klickt.

Analog bis zum Schluss

Dagegen blieb Letterman, trotz sporadischer Bemühungen an der "Twitter-Maschine" (Computer), analog bis zum Schluss. Auch das Ed-Sullivan-Theater, in dem die Beatles 1964 ihren ersten US-Auftritt hatten, ist kein virtuelles Green-Screen-Studio wie so viele andere. Sondern eine massive, steile - und berühmt-unterkühlte - Bühne in Reichweite des Times Square, mit Paul Shaffers lautem CBS Orchestra und Platz für 450 Fans, von deren Energie Letterman lebte.

Am meisten Drall aber gaben ihm die Crew, das Team hinter den Kulissen, die Autoren, von denen viele seit Jahrzehnten dabei waren. Ihnen widmet er die längsten Abschiedsworte zum Schluss: "Männer und Frauen, die schlauer sind als ich und lustiger als ich", so nennt er sie. "Diesen Leuten gebührt mehr Verdienst für diese Show als mir."

Das Publikum tobt und widerspricht: "Dave! Dave! Dave!" Linkisch winkt er ab: "Hebt euch ein bisschen davon für mein Begräbnis auf."



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rjlegrand 21.05.2015
1. Schade
dass der letzte Dinosaurier der TV-Unterhaltung nun auch gegangen ist. König der Plauderer war aber nach meiner Ansicht Johnny Carson, der in meiner Jugend (es gab ihn auf AFN TV) der Inbegriff angloamerikanischen Humors und Esprits (ja, ja, den gab es damals) war. Was für ein Unterschied zu dem "getwiete" heutzutage, aber ich bin ja auch nur ein Relikt aus der TV-Steinzeit... RG
TrueSelenis 21.05.2015
2. Unsinn
Ich habe ja schon eine Menge schwach begründete und recherchierte Meinungen auf Spiegel Online lesen müssen, aber hierfür habe ich extra einen Account angelegt. Erklären Sie (der Autor) bitte wie dieses Format der Vergangenheit angehören soll? Das Format ist von allen großen Sendern in den USA kopiert worden und wird auch erfolgreich fortgeführt und entwickelt. Es gibt einen signifikanten Generationswechsel mit Jimmy Falon (Tonight Show) und eben dem brillanten Stephen Colbert. Der sich übrigens mit der unerreichten Colbert Show bereits einen internationalen Namen gemacht hat. Sptephen Colberts Genie ist das, was Oliver Welke mit seinem halbgaren Klon zu erreichen versucht. Mit Jimmy Kimmel und Conan O'Brian gibt es bereits erfolgreiche Beispiele der neuen Generation. Gleichzeitig entwickeln hoch einflussreiche meinungsbildner wir John Oliver mit der Last Week Tonight Show das Format zu einer ernsthaften Konkurrenz zu den desaströsen Nachrichten Sendungen in den USA. Nicht nur sind diese Sendungen unterhaltsamer, als alles, was jemals in Deutschland produziert worden war, sie schaffen auch einen Sprung zum Internet Streaming und on Demand viewing, von dem das deutsche Rentner Fernsehen (ÖR und private) vielleicht in 10 Jahren träumen wird. Der Autor bewies mit diesem Artikel, dass er kaine Ahnung von der amerikanischen Unterhaltung hat. Nur weil deutsche Kopien an mangelndem Talent scheiterten, heisst es nicht, dass das Format tot ist oder auch nur schwächelt.
Anna_KS 19.01.2019
3. Ein Stück mediale Jugend
Ein weiteres Stück mediales Fundament meiner Kindheit/Jugend bricht weg. :'-( Weiß noch ziemlich genau wie ich im Zuge der Harald Schmidt Show zwangsläufig auf Letterman aufmerksam wurde und spät nachts auf (ich glaube es war) RTL2 versucht habe jede Sendung (Wdh) zu sehen. Das war der beste Englischunterricht und eine Lehrstunde in angenehm beißenden Humor und purem Entertainment. Harald Schmidt kam leider nie an das lässig charmante, spitzbübische Karma und Interviewfähigkeit eines Letterman, das er anfangs vergeblich versuchte zu kopieren, auch nur ansatzweise heran (er hatte/hat andere Stärken). Es ist einfach jammerschade, dass Deutschland nie jemanden wie Letterman, Leno oder heutztage Fallon (alle Versuche Raabs ihn zu kopieren sind lediglich jämmerlich) hervorbringen wird. Das muss kulturell bedingt sein. Und wenn man als Europäer gern davon spricht, dass die USA keine eigene Kultur hätten, so hat man nicht mitbekommen, dass sie sie seit dem letzten Jahrhundert leben, gestaltet und weltweit geprägt haben. Die heutige Zeit verlangt in Deutschland einen durchaus genialen Böhmermann, der sich aber leider ab und an selbst noch zu ernst nimmt.
Anna_KS 21.05.2015
4. @TrueSelenis
@TrueSelenis, wie Recht Sie doch haben!
Pierre30 21.05.2015
5. Besser als die Pipishows
der Talkmasters und -Mistresses hierzulande zu sein, ist kein Kunststück. Besser als sein naives amerikanisches Publikum zu sein, das machte einen Letterman aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.