"Promi Big Brother" Odonkors Kellerträume

Ist das jetzt besser als'n WM-Titel? David Odonkor mit Big-Brother-Siegtrophäe
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Ist das jetzt besser als'n WM-Titel? David Odonkor mit Big-Brother-Siegtrophäe

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Zwei Wochen lang gaben die weggesperrten Semi-Bekanntheiten in "Promi Big Brother" alles. Am Ende siegte David Odonkor und kann mit der Prämie jetzt seinen Keller ausbauen. RTL muss wachsam sein: Sat.1 lieferte mit der Knastshow blitzsauberes Trash-TV.

Tatsächlich gelang "Promi Big Brother" etwas, bei dem das diesjährige Dschungelcamp auf ganzer Linie versagte: Es erzählte Geschichten aus der Welt der Wundersamen.

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Promi Big Brother: Der Kandidaten-Knuspermix
Wie eine leicht schmuddelige, mitunter schwer fremdgschamige, aber oft faszinierend groteske zeitgenössische Variante von Giovanni Boccaccios Novellensammlung "Das Decameron": Bei ihm verschanzten sich 1348 noch zehn Menschen in einem Landhaus in den Hügeln von Florenz, um der Pest zu entkommen, bei "Promi Big Brother" ließen sich zwölf zerdellte Unterhaltungsarbeiter in eine stark vereinfachte Gesellschaftssystems-Miniatur einsperren, darbten abwechselnd ganz unten oder prollierten ganz oben. Wie im "Decameron" aber durften die Weggesperrten reihum ihre Geschichten erzählen, die zwischen Slapstick, Schmierenkomödie und blanker Tragik hin- und herhopsten wie Popcorn im heißen Schmalztopf.

Ex-Tennisspieler Daniel Köllerer etwa dramatisierte eine klassische "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht"-Moritat: Der Österreicher war wegen Spielmanipulation vom Profisport ausgeschlossen worden, im Big-Brother-Studio versucht er bei einem simplen Scrabble-Spiel im letzten Moment zu mogeln, wird von Moderator Jochen Schropp ermahnt - und erleidet einen Nervenzusammenbruch mit Schnappatmung und grobem Dialektauswurf.

Desirée Nick, das unverwüstliche Trash-Schlachtross, gab ihre Version des "Dr. Jekyll und Mr Hyde": Mit spitzer Hacke beackerte sie die Gülleplantage, piekste hier, buddelte da und löste im Handstreich nebenbei noch eine Mitinsassin in Tränen auf.

Doch sie zeigte sich auch als traurige Bösin, als sie von ihrer Pleitezeit erzählte: "Ich habe Flaschen gesammelt in Bremen!" Und als sie vor Rührung weinte, nachdem David Odonkor von seiner schweren Kindheit erzählte: Sie habe da einen soft spot für Jungs wie ihn, sagte sie unter Tränen, wolle sie beschützen, ihnen ein schönes Heim bieten: "Vielleicht kommt das alles auch daher, dass mich nie jemand beschützt hat. Nie, never ever. Da wird man stark oder man geht unter."

Nino de Angelo, Nicks Nemesis, erzählte die umgekehrte Jenny-Elvers-Geschichte: Während die Siegerin von Staffel 1 seinerzeit bei ihrer Zeit im Big-Brother-Haus Tag für Tag immer mehr zur verständigen, klaren Abstinenzlerin ausnüchterte, süffelte sich de Angelo jeden Tag etwas tiefer in den Wahn.

Bizarrer Höhepunkt: Sein epischer Abschnall-Monolog, als er bei seiner Rückkehr in den Keller seinen zwischenzeitlich leicht lädierten Freund "Rudi" entdeckt, eine mit Klopapier ausgestopfte Papiertüte: "Wer hat dich so zugerichtet? Wer war so herzlos und hat dich so zugerichtet? Wer? Du bist mein Freund, du weißt es, du hast mir so geholfen. Ich bin für dich da. Ich krieg dich wieder hin! Die Nase haben sie dir auch weggenommen. Wo sind deine Augenbrauen? Wer hat dich so zugerichtet? Rudi!".

"100.000 Euro? Scheiß drauf!"

"Ist er durch?", fragte die Nick. "Er ist stockensteif", antwortete Menowin, und da musste man zu Hause tatsächlich für ein paar Minuten das Flipsessen unterbrechen, um mit offenem Mund zu gaffen. Natürlich war die Rudi-Bruderschaft stark inspiriert von Tom Hanks' einsamen Insel-Gesprächen mit seinem Volleyball Wilson in "Castaway", aber dennoch toll, wie de Angelo in seiner Seemannsjacke als schmerzensreicher Kapitän Achach durch den Dschungelgang strolchte. Oder dann doch wieder in vollkommen überzogene Über-Grandezza verfiel und verkündete, das Siegesgeld jucke ihn kein Stück: "100.000 Euro? Scheiß drauf, die hab ich in einer Nacht auf die Acht gesetzt."

Menowin Fröhlich, zeitweilig verknasteter "Deutschland sucht den Superstar"-Alumnus, versuchte sich an der "Saulus wird zu Paulus"-Heiligengeschichte, gab sich penetrant als Super-Geläuterter im Büßergewand und schrammte trotz Schluchzaufruf am Ende knapp am Sieg vorbei. Vielleicht, weil die Zuschauer ihm die Wandlung doch nicht ganz abkauften und Fröhlichs irritierende Wendehopfigkeit in de Angelos verstörender Rudi-Nacht bemerkten, als er abwechselnd die Regie bedrängte, den Kameraden aus dem Container zu holen, und ihn selbst bedrängte, doch unbedingt zu bleiben.

Frau Nowaks Dilemma: Bankangestellte oder Busenlüfterin?

Sarah Nowak, quasi-bekannt durch ihre Teilnahme bei "Der Bachelor" und aus dem "Playboy", rundete das Geschichten-Angebot schließlich durch eine klassische Coming-of-Age-Story über ein verwirrtes Mädchen ab, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber biedere Bankangestellte oder befreite Busenlüfterin sein möchte.

Am Ende durften die Zuschauer entscheiden, welche Geschichte zu Ende erzählt werden sollte, und entschieden sich für ein langweiliges, unverstörendes, versöhnliches Happy End: David Odonkor, Fußballheld von 2006, gewann mit seiner eher schmucklosen biografischen Erzählung.

Er strippte klaglos, fiel nicht aus der Rolle, erfüllt die Rolle des "Ersnguterjunge". "Ich denke, dass ich nicht negativ aufgefallen bin", sagte er in seinem Endplädoyer, wünschte sich nach 2006 so sehr "ein neues Sommermärchen", dass es niemand übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass die deutsche Mannschaft damals gar nicht gewonnen hat - und gab an, mit den 100.000 Euro Siegesprämie seinen "Keller weiter ausbauen" zu wollen. Das ist endlich mal eine Gute-Nacht-Geschichte, nach der man gut einschläft.

"Ich glaube ja, dass der Keller ein Angriff auf den Dschungel ist. Weil der Keller den Dschungel zerstört", sagte Desirée Nick irgendwann in den ersten Tagen, als sie gerade wieder mit einigen Gefährten im entbehrungsreichen Schorfabteil darben musste. Vielleicht ist das noch etwas hoch gezielt. Auf jeden Fall aber zeigte diese Staffel von "Promi Big Brother", dass man sein Personal nicht zwingend in den australischen Dschungel verschiffen muss, um ihnen ihre Geschichten zu entlocken. Man braucht nur ein Ensemble, das erzählen kann.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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kanyamazane 29.08.2015
hps 29.08.2015
hschmitter 29.08.2015
e.pudles 29.08.2015
fraufreundlich 29.08.2015
maxbeck54 29.08.2015
spon-414-bj6i 29.08.2015
hschmitter 29.08.2015
breisig 29.08.2015
deglaboy 29.08.2015
der_bulldozer 29.08.2015
Lady Hesketh-Fortescue 29.08.2015
stranzjoseffrauss 29.08.2015
horsteddy 29.08.2015
Spiegelberg 29.08.2015
hschmitter 29.08.2015
stand.40 29.08.2015
hschmitter 29.08.2015
hschmitter 29.08.2015
ankica_haczkewicz 29.08.2015
wahrheit29 29.08.2015
wahrheit29 29.08.2015
laberabarber 30.08.2015
Hans_Suppengrün 02.09.2015

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