ARD-Thriller über Frankfurter Hochfinanz Abstürzen mit der Deutschen Bank

Wo ist denn nun der Kulturwandel? Die ARD zeigt den TV-Film "Dead Man Working". Ein kleines Meisterwerk, das den katastrophal gescheiterten Umbau der deutschen Finanzindustrie ins Visier nimmt.

Filmfest München

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Dieser Text erschien ursprünglich zur Uraufführung von "Dead Man Working" im Juni auf dem Filmfest München.

Notdurft verrichten, Welt beherrschen, bei der "Bank der Deutschen" geht beides zusammen. Männliche Mitarbeiter in den höheren Hierarchielagen stehen auf der Toilette vor eleganten Urinalen, die direkt vor Panoramafenstern angebracht sind, durch die man einen wunderbaren Blick auf das darunter liegende Frankfurt hat. Wer dort oben austritt, pinkelt auf den Rest der Welt.

Ein süffiges, ein süffisantes Bild für die Überheblichkeit von deutschen Finanzjongleuren. Es bleibt nicht das einzige in "Dead Man Working". In dem Bankerpsychogramm geht es um Arroganz und Absturz, um High Potentials und niedere Absichten, um Überforderung und Unterzuckerung. In einer der besten Szenen evaluieren zwei Investmentbanker den taktischen Einsatz von Schokoriegeln in Meetings.

Regisseur Marc Bauder hat zuvor die preisgekrönte Dokumentation "Master of the Universe" gedreht, eine Studie über einen ehemaligen Frankfurter Trader, der während der Finanzkrise aus seinem Wolkenkönigreich gefallen ist. Und der sich jetzt die Frage stellte: Wie geht das, fremdes Geld hin- und herschieben und sich dabei als Herrscher des Universums zu fühlen?

Wo ist denn nun der Kulturwandel?

Eine Frage, die Bauder in "Dead Man Working" (Drehbuch: Dörte Franke, Khyana el Bitar) wieder aufgreift. Diesmal in Form eines Spielfilms, der nach der Bankenkrise spielt - in einem Finanzhaus, das mit seinem Logo und seinem Spitzenpersonal sehr deutlich an die Deutsche Bank erinnert. Er spielt in der Zeit, als die damaligen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen und Anshu Jain einen Kulturwandel für das Haus anordneten. Erfolglos, wie man schon bald wusste. Die Verweise auf die Deutsche Bank sind eindeutig. Nur die Sache mit den Panorama-Pissoirs haut nicht hin; die haben die Filmemacher bei der Commerzbank abgeschaut.

Es kommt einem in "Dead Man Working", der am Mittwoch in der ARD-Themenwoche "Zukunft der Arbeit" seine Fernsehpremiere feiert, also vieles bekannt vor. Der Zuschauer wird Zeuge, wie zwischen Ethik-Rhetorik-Ritualen und Humankapital-Justierungen die alten Risikogeschäfte abgewickelt werden, eben nur ein bisschen verdeckter.

Arte-Doku über Finanzwelt

Das Szenario im Film: Das Emirat von Katar plant eine feindliche Übernahme des neuen Finanzviertels von London. "Und weil sie dafür viel Geld brauchen, haben sie uns zu einem Beauty Contest eingeladen", so der Leiter der Investmentabteilung Jochen Walther ("Tatort"-Kommissar Wolfram Koch) zu seinen Leuten. Trading-Nachwuchsstar Tom Slezak (Benjamin Lillie) sammelt schließlich in 72 Stunden das entsprechende Kapital ein.

Ein Erfolg? Der Junge kippt nach dem Marathon um (wo war verdammt nochmal der Zuckerriegel?); der Alte springt später, als der Deal längst unter Dach und Fach scheint, vom Dach der Bank. Das Geschäft war unsauber, offensichtlich trieb der Druck Walther erst ins Verbrechen und dann in den Freitod.

Gefährlich, dieser Höhenrausch

Investmentbanker, die sich verstört im Schrank einschließen, und Vorstandsvorsitzende, die eiskalt ihr vielgepriesenes menschliches Kapital vernichten, während sie in nachdenklicher Pose eine neue Unternehmenskultur beschwören: "Dead Man Working" ist mit seinen vielen drastischen Anspielungen auf die Deutsche Bank ein hochbrisanter Film, hier werden die wankenden Macht-Vertikalen Frankfurts in noch nie gesehener Weise ins Bild gesetzt. Höhenrausch garantiert.

Verantwortlich für dieses kleine Meisterwerk zeichnet sich (in Kooperation mit der Degeto) der Hessische Rundfunk, der schon zu Beginn der Nullerjahre mit seinen Dellwo/Sänger-"Tatorten" die Bankenmetropole architektonisch und anthropologisch von unten nach oben vermaß und unlängst mit dem um die reale Figur Frank Schirrmachers gebauten fiktionalen Mediendrama "Männertreu" bewies, dass die Fernsehfilmredaktion der Anstalt keine Angst vor expliziten Verweisen hat.

"Dead Man Working" ist nun ein Mentalitätsschocker aus der deutschen Finanzindustrie geworden und entfaltet nicht nur einen prachtvollen Paranoia-Plot, sondern gibt auch tiefe Einblicke in die oft paradox anmutende Sozialarchitektur des Gewerbes. Nach dem Suizid des Investmentchefs werden zum Beispiel allerlei Anglizismen in der Chefetage rumgereicht; die High Potentials, die das Human Capital ausmachen, erhalten erst einmal einen Grief Coach. Danach, so die Personalchefin, müsse "das emotionale Gleichgewicht" der Abteilung "vollkommen neu justiert" werden.

Gefühlsmäßig hochgetunt, arbeitstechnisch auf Effizienz getrimmt, so sieht in diesem Film der Finanzmakler der Zukunft aus. Bitte lieber nicht weiterschrauben.


"Dead Man Working", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss an den TV-Film zeigt die ARD um 21.45 Uhr den sehenswerten Dokumentarfilm "Tod eines Managers. Der Fall Wauthier" von Tina Soliman und Torsten Lapp.

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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