Konsum-Talk bei Günther Jauch: Globalisierung ohne Gewissen
Brände in den Textilfabriken Südasiens, Ausbeutung bei chinesischen Handy-Zulieferern - für günstige Produkte bei uns zahlen Arbeiter in der Fremde einen hohen Preis. Darin waren sich Günther Jauchs Gäste schnell einig. Jetzt muss der deutsche Konsument nur noch seine "Geiz ist geil"-Mentalität ablegen.
Alles ist vergiftet. Das führt Günther Jauch zusammen mit Experten am Sonntagabend eingangs sehr schön vor. Wetterjacken, Produkte von Apple, Fußbälle, Gold und überhaupt: Weihnachtsgeschenke. Nichts, rein gar nichts scheint man mehr kaufen zu können, das nicht nach Ausbeutung riechen würde. Ein iPhone, nur mal so als Beispiel, kostet ohne Vertrag 678 Euro, dabei enthält es nur Bauteile im Wert von 155 Euro. Die sagenhafte Differenz zwischen diesen beiden Beträgen dürfte einer der Gründe dafür sein, warum es Apple so gut und einem Arbeiter beim berüchtigten chinesischen Zulieferer Foxconn so schlecht geht.
Von dem Geld, das wir für unsere Produkte bezahlen, kommt bei denen, die diese Produkte in Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder China herstellen, nur ein lächerlicher Betrag an. Was nicht nur, aber eben ganz besonders für die Textilindustrie gilt, um die es in der Sendung mit dem Titel "Schöne Bescherung! Wer muss für unsere Geschenke leiden?" gehen sollte. Eine Zuschauerin hat die Redaktion zu Demonstrationszwecken sogar für 28,96 Euro komplett eingekleidet. Kann das sein? Und wer bezahlt eigentlich, wenn wir es nicht tun?
Es kann sein, weiß Heiner Geißler, der sich seit einiger Zeit und offenbar aus guten Gründen mehr bei Attac als für die CDU engagiert. Er weiß auch, wer bezahlt - und nennt das Kind beim Namen: "Sklaverei". Besonders grämt den Mann, dass der Zynismus des globalisierten Warenverkehrs in Form von zynischen Werbesprüchen an den Verbraucher weitergereicht werden kann, dem das auch noch schmeichelt. Slogans wie "Geiz ist geil" oder "Ich bin doch nicht blöd" sind für Geißler Symptome für den "totalen Zerfall der moralischen Grundstruktur in einer Gesellschaft".
C&A oder KiK scheuen den Auftritt
Es ist aber auch ein Kennzeichen unserer Gesellschaft, dass sich darin alle im Prinzip einig sind. Daran krankte auch zusehends die Sendung - es fand sich einfach kein Gast, der Ausbeutung oder aus Ausbeutung resultierende Katastrophen wie zuletzt den verheerenden Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch irgendwie rechtfertigen mochte. C&A oder KiK wollten keinen Mitarbeiter in die Sendung schicken, wie Jauch anmerkte.
Zwar weigerte sich der investigative Reporter Christoph Lütgert, die Verantwortung nur auf den Konsumenten abzuschieben. Aber auch er forderte den bewussten Käufer: "Wenn unsere Jeans nur einen Euro mehr kosten würden, und dieser Euro auch ganz unten ankäme, dann würden sie etwas bewegen". Man müsse den entsprechenden Firmen eben "immer wieder auf die Füße treten", wie er das am kommenden Donnerstag in "Panorama" tun wird, denn "Image ist irgendwann auch ein betriebswirtschaftlicher Faktor". Dem konnte Gisela Burckhardt vom "Verein für Saubere Kleidung" natürlich nur beipflichten. Es sei "immer wichtig, nachzufragen", weil das zunächst zu einer Schulung der Mitarbeiter und eines Tages womöglich auch zum Umdenken in der Konzernspitze führe. Die Nachfrage, sie regelt womöglich auch das.
Oder auch nicht. Rudolf Loder, der in Bangladesch im großen Stil für Auftraggeber wie Aldi, Lidl oder Woolworth herstellen ließ, ist nach Deutschland zurückgekehrt, weil er in Asien "nichts mehr verdient" habe: "Der Preisdruck!" Die Chefs dort, das seien alles große Männer, die wollen natürlich viel Geld verdienen. Loder produziert nun erfolgreich Hemden nach historischen Vorbildern. Dass auch in Deutschland die meisten Kunden zu arm sind für seine schönen Produkte und stattdessen zum Discounter gehen müssen, sieht er nicht ein: "Wenn ich nicht viel Geld habe, dann spare ich mir halt etwas zusammen."
Der einzige Gast, der an diesem Abend die habgierigen Hersteller verteidigte, durfte einem da schon fast leid tun: Wolf-Rüdiger Baumann (CDU) konnte sich als Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes Textil + Mode offenbar nicht drücken. Er hatte sich vorbildlich vorbereitet, alle Zahlen und Argumente parat. Die Globalisierung sei eine feine Sache, von der alle profitierten. Eine Arbeiterin in Bangladesch verdiene 35 Euro im Monat. Diese Länder bräuchten eine Textilindustrie, weil es ihnen ansonsten noch schlechter ginge. Es könne nicht immer alles überprüft werden. Die Brandkatastrophe in Bangladesch, dafür seien Kriminelle verantwortlich. Die Regierungen vor Ort seien in der Pflicht, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen. Jede Investition in eine Klamottenfabrik sei eine Anschubfinanzierung für Schwellen- und Entwicklungsländer. Baumann konnte noch so oft die Existenz "schwarzer Schafe" einräumen, die Gewissenhaftigkeit von Markenherstellern unterstreichen und über Zertifikate reden - den schwarzen Peter, der ihm an diesem Abend dramaturgisch zugedacht war, konnte er nicht loswerden.
Zuletzt traten Claudia und Martin Klütsch auf, über deren Geschichte die Presse schon vor Jahren berichtet hatte. Das Ehepaar hatte in einem Hemd den handgeschriebenen Hilferuf des Arbeiters aus Bangladesch gefunden, der das Stück hergestellt hat. Sie machten den Mann ausfindig, besuchten ihn - und schicken ihm und seiner Familie bis heute monatlich 70 Euro. Eine tröstliche Geschichte zum Schluss, mit der Günther Jauch seine ansonsten eher apokalyptische Sendung dann doch noch ins Vorweihnachtliche rettete.
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