Maschmeyer bei Maischberger: Die programmierte Blamage

Ein Debattenbeitrag von Christoph Lütgert

Die ARD erweist Carsten Maschmeyer die Ehre: Der umstrittene AWD-Gründer bekam in der Talkrunde bei Sandra Maischberger viel Zeit zur Eigenwerbung. Kritiker des sonst oft so kamerascheuen Finanzjongleurs mussten leider draußen bleiben - genauso wie jeglicher journalistischer Anspruch.

Maischberger-Talk mit Maschmeyer: "Wozu bin ich denn hier?" Fotos
WDR

Zweifellos, da ist Sandra Maischberger ein Scoop gelungen: Carsten Maschmeyer am späten Dienstagabend in ihrer Talkshow. Noch vor gar nicht langer Zeit hatte sich derselbe Maschmeyer mit Brachialgewalt gegen jede Auseinandersetzung vor laufender Kamera gewehrt, hatte gegen die Redaktion des NDR, die über ihn berichtete, seine Anwälte in Stellung gebracht. Jetzt lächelte er das als Stargast der Talkshow freundlich weg. Da habe er eben einen Fehler gemacht, den er heute nicht wiederholen würde. So einfach geht das, wenn man es ihm so leichtmacht wie am Dienstagabend bei Maischberger.

Zugegeben, dies ist eine subjektive Kritik, denn ich war der Presenter (sozusagen das journalistische Gesicht) in der ARD-Reportage über den "Drückerkönig" Carsten Maschmeyer. Wir hatten aufgezeigt, wie der AWD-Gründer und seine Drückerkolonnen Zigtausenden kleiner Anleger höchst riskante Finanzprodukte vertickt und diese Menschen in den Verlust ihrer Ersparnisse getrieben hatten. Noch heute erhalten wir erschütternde Zuschriften von Maschmeyer-Opfern; Menschen, die nicht damit klarkommen, dass der Verlobte von Veronica Ferres zu den reichsten Deutschen gehört und die Spitzen aus Politik, Gesellschaft und Showbusiness ungeniert zu seinen Freunden zählt.

Und jetzt sein Auftritt bei Maischberger. Er geriet zur programmierten Blamage, aber weiß Gott nicht für ihn. Maschmeyer kann, wenn er nett gefragt wird, unwahrscheinlich nett antworten. Schließlich ist er ein begnadeter Kommunikator. Deshalb konnte er ja seine Verkäufer so erfolgreich heißmachen, dass die auch selbst an jene Film- und Immobilienfonds glaubten, die für den AWD zwar hohe Provisionen brachten, die Käufer aber ins Unglück stürzten.

Dienste der Maschmeyer-Kritikerin doch nicht benötigt

Die ersten geschlagenen 20 der 75 Maischberger-Minuten durfte sich Maschmeyer ganz allein verbreiten, sein jüngstes Buch mit den Plattitüden bewerben, als sei es tatsächlich - Zitat Sandra Maischberger - "ein Ratgeber für Menschen, die Erfolg suchen".

Seine Opfer, die in die Zehntausende gehen, wird besonders interessieren, dass Netzwerker Maschmeyer noch nicht die Handynummer von Bundespräsident Gauck hat, weil der nicht in Hannover lebt, dass er Veronica Ferres "vom ersten Tag an angehimmelt" hat. Und vielleicht tröstet es ja die ungezählten Maschmeyer-Opfer, dass der ernsthaft behauptete: "Ich bin ein Menschenfreund."

Wirklich kritisches Potential hätte man ins Studio holen können. Aber Sandra Maischberger und ihre Redaktion wollten wohl nicht. Da ist die bundesweit bekannte Ingrid Benecke, die zusammen mit ihrem Mann fast zehn Jahre höchst erfolgreich AWD-Produkte verkauft hatte, also alle Tricks kennt, die dann ausstieg und jetzt geprellten Kapitalanlegern hilft. Die Maischberger-Redaktion nahm tatsächlich Kontakt zu ihr auf. Frau Benecke wollte unbedingt mitmachen, bot an, ins Studio zu kommen, "damit ich Herrn Maschmeyer einige unangenehme Fragen in aller Öffentlichkeit stellen könne, die alle schriftlich beweisbar wären". Am Ende saß sie dann aber doch nicht im Studio.

So lief die Diskussion am Dienstagabend, wie sie bei der Gewieftheit eines Carsten Maschmeyer nicht anders laufen konnte, auch als für die restliche Zeit die anderen Teilnehmer hinzugebeten wurden: der umstrittene PR-Berater Moritz Hunzinger, die frühere "Bunte"-Chefredakteurin Beate Wedekind, der Textilunternehmer (mit dem Werbeaffen) Wolfgang Grupp und der SPD-Altlinke Rudolf Dreßler. Der allein schaffte es auch nicht, Maschmeyer ernsthaft zu fordern. So jubelte Dr. Dr. (Anm.: zweimal h.c.) Hunzinger schon früh: "Wir erleben heute Abend die Entdämonisierung des Dr. (Anm.: ebenfalls h.c.) Carsten Maschmeyer auf eine sehr beeindruckende Weise."

"Wozu bin ich denn hier?"

Und dann ging es so durcheinander, dass jede Rekonstruktion der Talkrunde schwerfällt. Frau Wedekind gab zu: "Ich kenne mich beim AWD viel zu wenig aus", um später fast schon wütend zu fragen: "Wozu bin ich denn hier?" Textilunternehmer und Millionär Grupp steuerte die Erkenntnis bei, "dass Geld allein nicht glücklich macht". Rudolf Dreßler konnte "nachvollziehen, dass die Leute (bei Maschmeyer) so einen Hals haben". Die Zitate aus dessen Buch seien "mit Plattitüde höflich umschrieben". Als Maschmeyer ihm nachweisen konnte, dass Dreßler das Buch gar nicht vollständig gelesen hat, verpuffte auch das.

Wacker versuchte Sandra Maischberger immer wieder mal anzubringen, dass ein erklecklicher Prozentsatz des AWD-Angebots im Totalverlust endete ("Warum gibt es Tausende Kläger?"). Aber da hatte Maschmeyer längst so erfolgreich gepunktet, dass er behaupten konnte, Hunderttausende Menschen hätten mit ihm und seinem AWD ihr Glück gemacht; nur bei einem Prozent sei es schiefgegangen. Und gut war es, denn der Zuschauer blickte längst nicht mehr durch.

Die nächsten Werbeauftritte im Fernsehen für Carsten Maschmeyer und sein Buch sind vermutlich schon gesetzt. Keinen halben Tag nach der Maischberger-Sendung - exakt um 8.44 Uhr - erschien er bereits im ZDF-"Morgenmagazin". Der Finanzjongleur ist vielleicht erfolgreicher als wir alle dachten. Er hat die Koordinaten so weit verschoben, dass ihm nicht nur die traditionell ergebene "Bild"-Zeitung und die "Bunte", sondern nun auch wieder das öffentlich-rechtliche Fernsehen ihre Reverenz erweisen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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1. Maischberger
miauwww 21.03.2012
Die Sendung kann man nun vollends auch unter "armselig" verbuchen.
2. Maschmeyer
sukowsky, 21.03.2012
Zitat von sysopDPADie ARD erweist Carsten Maschmeyer die Ehre: Der umstrittene AWD-Gründer bekam in der Talkrunde bei Sandra Maischberger viel Zeit zur Eigenwerbung. Kritiker des sonst oft so kamerascheuen Finanzjongleurs mussten leider draußen bleiben - genauso wie jeglicher journalistischer Anspruch. Maschmeyer bei Maischberger: Die programmierte Blamage - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821823,00.html)
Nehme mal an der Herr Maschmeyer hat es wohl zur Bedingung gemacht, dass bei der Talkrunde keine scharfen Kritiker zugegen sein durften.
3. Da ist nachvollziehbar ...
kunstdirektor 21.03.2012
Zitat von sysopDPADie ARD erweist Carsten Maschmeyer die Ehre: Der umstrittene AWD-Gründer bekam in der Talkrunde bei Sandra Maischberger viel Zeit zur Eigenwerbung. Kritiker des sonst oft so kamerascheuen Finanzjongleurs mussten leider draußen bleiben - genauso wie jeglicher journalistischer Anspruch. Maschmeyer bei Maischberger: Die programmierte Blamage - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821823,00.html)
... dass der Böhm sie damals aus Talk im Turm gefeuert hatte. Das ist kein Journalismus, das ist Arschkriecherei.
4. "Wozu bin ich denn hier?"
favela lynch 21.03.2012
Ja, gnädige Frau, diese Frage kommt. Und mit etwas Glück sogar beizeiten im Leben. Diese Frage hätte sich allerdings auch die sich doch stets kritisch und überaus aufgeklärt wähnende Presenterin stellen sollen. Eine Antowrt wird sie hienieden wohl nicht erhalten. Was für ein Unglück!
5. Der Finanzindustrie,
elwu 21.03.2012
ob das nun die Drückerkolonnen sind, oder Banken, Versicherungen, Fonds, sollte man so weit wie möglich ausweichen. Es ist schlimm genug, dass die Regierungen dieser elenden Subkultur das Steuergeld Containerweise hinterherwerfen. Mit etwas Information kann man als Normalverdiener seine Finanzdinge selbst mindestens ebenso gut wie die 'Profis' regeln, und man muss sich auch keine Gebühren zahlen.
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Zum Autor
  • DPA
    Christoph Lütgert, Jahrgang 1945, ist ein deutscher Journalist und war bis zu seiner Pensionierung 2010 Chefreporter des NDR. Aufsehen erregte Lütgert Anfang 2011 mit seiner kritischen ARD-Reportage "Der Drückerkönig und die Politik" über den Finanzdienstleister AWD und dessen Gründer und ehemaligen Inhaber Carsten Maschmeyer, dem ein Rechtsstreit zwischen NDR und Maschmeyer folgte. Der Streit ist mittlerweile beigelegt, der Film darf wieder gezeigt werden.