"Der Bachelor"-Finale Schlurp! Schlurp! Schlurp!

Der Bachelor hat sein finales Floristik-Votum gefällt: Kristina ist seine Auserwählte. Die Aussortierten forderten von ihm vergeblich eine Erklärung für besonderes Schmierigkeitswesen.

RTL

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Schloss man, als es am schlimmsten wurde, kurz aus Gnade gegen sich selbst die Augen, klang es so, als stapfte gerade eine kleine Gruppe Wattwanderer durch eine besonders schlickige Stelle. Ganz deutlich konnte man hören, wie ihre Gummistiefel bei jedem Schritt kurz im Matschpamp stecken blieben, um sich dann mit einem satten, saftigen Schmatzgeräusch wieder zu lösen. Schlurp! Schlurp! Schlurp!

Öffnete man die Augen dann leider ein paar Sekündchen zu früh, sah man, dass Finalistin Kristina und der Mann, der der Bachelor war, gerade eine speichelreiche Knallküsschensalve aufeinander und aneinander abfeuern. Schnell wieder Lider runterklappen und an Matsch denken, an kühlen, beruhigenden Matsch, der gnädig alles zudeckt.

Kurz zuvor war Svenja, die Verschmähte, wie ein trauriger Pinguin mit Harndrang der Finalrosenvergabekulisse enteilt. Leider hatte sie sich für ein Kleid entschieden, dass im Unterschenkel-Knöchel-Bereich mermaidmäßig eng zulief, was eine Flucht mit energischen, raumgreifenden Schritten leider unmöglich machte. Ihr blieb nur aufgelöstes Watscheln. "Ich musste gerade zusehen, wie ein Herz zerbricht", glasiert Daniel das Geschehen mit einer neuen Schicht aus seinem offenbar bodenlosen Öltöpflein. Und wir mussten wiederum ihm dabei zusehen, wie er dabei zusah, das war nun wirklich auch kein Vergnügen.

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"Der Bachelor"-Finale: "Das ist jetzt meiner"

Obwohl: Doch, eigentlich schon. Die aktuelle Staffel war ein Highlight der Formatgeschichte, was weniger an Daniel als an der zumindest punktuell neu entdeckten, in den besten Momenten skalpellscharf praktizierten Selbstbestimmung der sogenannten Ladies lag. Nie verließen Favoritinnen so nonchalant aus freien Stücken dieses von männlichen Regeln dominierte Spielfeld und drehten die Gesetzmäßigkeiten um: Plötzlich ging es für ein paar goldene Momente nicht darum, welchen der bangenden Frauen Daniel mit seinem Rosenvisum eine weitere Woche Bleiberecht in seiner züngelnden Gegenwart gewähren würde, weil besagte Verfügungsmasse keinen Wert mehr darauf legte, von ihm beurteilt zu werden: Nö, hat nicht so gefunkt, passt für mich nicht, Tschö!

Kandidatin Yeliz machte sich als GIF unsterblich, als sie dem Bachelor bei ihrer Abwahl eine schallende Ohrfeige verpasste - dafür, dass er sie bei ihrem Einzeldate zuvor noch geküsst hatte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt mutmaßlich schon wusste, dass er sie nach Hause schicken würde.

In der Blitz-Reunion zentraler Staffelfiguren, die RTL dieses Mal direkt an Daniels etwas überschwänglich anmutendes "Ich liebe dich" an Kristina anklebte, sprach die unverwüstliche Frauke Ludowig Yeliz auf ihren Backenklatscher an, den die nach eigener Aussage nicht bereut. "Für die Schmerzen tut es mir leid. Aber ich finde, Daniel sollte sich mal bei uns entschuldigen."

Zum Beispiel für seine Im-Dutzend-Billiger-Komplimentsgebinde aus dem Schmalzgroßmarkt, mit denen er die Kandidatinnen in immergleichen Worten einseifte. Aber wie hätte er seine Wortwahl auch variieren sollen, rudert der Bachelor auf verlorenem Posten, wenn er doch stets dasselbe hätte beschreiben müssen: "Ihr seid alle schön!"

Da wünschte man sich beispielsweise Helena Fürst auf den Ludowig-Sessel, die an solchen Stellen so nagend nachbohren würde, wie die Beteiligten es verdienen. Und zum Beispiel einzelne Kandidatinnen mal fragen könnte, warum sie immer noch glauben, der Begriff "Transgender" tauge als "krasses Schimpfwort". Und einen leidensfähigen Cutter, der alle "Du bist etwas ganz Besonderes"-Einlassungen aus dieser Staffel einfach mal in Reihe geschnitten hätte.

"Wir sind mit offenem Herzen aufeinandergetroffen"

Ludowig aber spulte ihre Fragen nach Zirkuszossenart ab, ohne Interesse zu simulieren oder die pastösen Floskeln das Bachelors einfach einmal auseinanderzunehmen, die er perfektionierte wie kein Formatstenz vor ihm. Etwa, wenn er ein Übernachtungsdate mit den Worten "Wir sind mit offenem Herzen aufeinandergetroffen" umschreibt und man ganz sicher spürt: Lässt man ihn noch fünf Minuten weiterölen, wird er auch noch mit bedeutungsvoller Schleppstimme sagen, er hätte diese oder jene Kandidatin "erkannt", wie man die körperliche Bömmelei diskret auf Biblisch nennt.

Es wäre wirklich interessant zu hören, ob ihm überhaupt auffällt, dass er stets von sich spricht, wenn es darum geht, was ihm an einer Frau gefällt. "Dass sie sich immer freut, wenn sie in meiner Gegenwart ist, das schätze ich an ihr", sagt er über Svenja. "Wenn sie dir das Gefühl gibt, dass du der Mittelpunkt bist, dass nur du wichtig bist, ist das ein wahnsinnig schönes Gefühl", sagt er über Kristina.

Die Frage der Fragen

"Ich muss mich nicht rechtfertigen", trotzt der Bachelor eingeschnappt, als ihm die Verschmähten erklären, sie fühlten sich von ihm "tierisch verarscht". Och, warum eigentlich nicht, denkt man sich, warum sich nicht mal erklären müssen für seine trülenden Testknutschereien?

Doch die Moderatorin steuert, eisern wie John Maynard, auf das anvisierte Happy End zu. "Seid ihr ein Paar?", will sie von Daniel und Kristina wissen. "Äh, das kann man so sagen", birst die Romantik aus ihm heraus. "Ich glaube, ihr gebt alle euren Segen", wendet sich Frauke Ludowig am Ende tollkühn an die Abserviertenriege. Und lustiger wäre es nur noch geworden, wenn man nach dem Bildschnitt ein ganzes Rudel Hyänen aufs Sofa gesetzt hätte.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.
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Seite 1
osnase92 08.03.2018
1.
Ein sehr passender Verriss! Allerdings hätte ich mir noch ein paar mehr Kandidatinnenantworten/Aussagen gewünscht.
fatherted98 08.03.2018
2. Prostitution...
...am Bildschirm....es treffen sich ein Haufen aufgestylter hübscher Frauen und buhlen um einen Kerl....anschließend beschweren sich die, die übrig geblieben sind, dass er sie schlecht behandelt hat....au weia.....und das alles für 5 Minuten auf dem Bildschirm und anschließenden Z-Promi Status.....hat was von Prostitution (die ich als solche nicht verurteile).
s.l.bln 08.03.2018
3. Habe nichts...
...davon gesehen, aber die rhetorisch brilliante Zusammenfassung hat mich erheitert. Danke dafür.
pulverkurt 08.03.2018
4. Schlecht geschlafen?
Schlecht geschlafen? Draussen ist es nass und kalt? Ein beschissenes Meeting vor der Brust? Egal, Anja Rützels wunderbare Verrisse am frühen Morgen versüßen einem jeden noch so grauen Tag.
Ben Dover 08.03.2018
5. Die Show ist der Knaller
Natürlich sind der Inhalt und die Charaktere ziemlich eindimensional. Aber es unterhält, hat sicherlich Spass daran. Der echte Brüller ist, dass in Zeiten, in denen #MeToo den Zeitgeist bestimmt und Millionen von Frauen sich bereits belästigt fühlen, wenn ein Mann "guten Morgen" sagt, eine Horde von IT Girls sich von einem Typen öffentlich und vor der Kamera ausprobieren und wegparken lassen - willentlich und wissentlich (das Gleiche gilt natürlich für die Jungs im Bachelorlette Format). Und hinterher beschweren sie sich, dass sie nicht die auserwählten sind. Sehr schwierig, die Mädels ernst zu nehmen oder zu respektieren. Aber man darf sich auf das Tschunkelkämp freuen, sind alle locker qualifiziert.
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