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Arte-Doku über Finanzwelt: Ein Banker zieht sich aus

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Wirtschaftsdoku auf Arte: Die Architektur der Einsamkeit Fotos
Arte

Master of the Universe? Oder doch nur eine arme Sau? In "Der Banker" packt ein Frankfurter Finanzjongleur über seine Branche aus. Eine Mentalitätsstudie aus einer Welt, die sich von der Wirklichkeit längst abgekoppelt hat.

Ein riesiger runder Sitzungssaal mit Panoramafenstern, ein Trading Room mit ausgefransten Computerkabeln. Ansonsten: gähnende Leere. Ein tolles Setting hat sich der Dokumentarfilmer Marc Bauder für sein Psychogramm "Der Banker" ausgesucht; ein verwaister Büroturm, in dem vor zwei Jahren zwei Banken fusionieren sollten. Mission gescheitert, der Bau steht leer. Und ein geläuterter Banker steht inmitten dieser Ruine des Finanzkapitalismus und erzählt vom Untergang.

Rainer Voss ist jenseits der 50, statt Designerkrawatte trägt er inzwischen einen leger geknoteten Schal. Aber wenn er spricht, dann kann man sich gut vorstellen, wie er noch vor gar nicht langer Zeit Kommunen und Privatkunden zweifelhafte Währungsspekulationen als sicherste Geldanlage der Welt verkaufte. Es ertönt der alte Checker-Sound - folgen Sie mir, wenn Sie wollen, schreibe ich Ihnen auch eine komplizierte Formel an die Wand.

Allerdings spricht Voss, der viel Geld verdiente während seiner Zeit als Trader, aber auch seine Familie verloren hat, jetzt von den Niederungen seiner Branche. Vom Druck, immer mehr Gewinn zu machen. Vom Zwang, ganz in der Finanzwelt aufzugehen. Von der Hybris, die einen dazu verleitet, daran zu glauben, dass man die Dinge im Griff hat, selbst wenn es keinerlei Berechnungsgrundlagen mehr für die Finanzprodukte gibt, die man unters Volk bringt. Spekulation als Lebensprinzip.

Unter dir die Stadt, unter dir die Welt

Voss ist ein Geschöpf der achtziger Jahre, jener Zeit also, als das Bankenwesen in Deutschland nach amerikanischem und britischem Vorbild dereguliert wurde. Die alten Frankfurter Banker schauten nach London oder New York und suchten dort Strategien für die neue Welt. Da kamen dann, wie sich Voss erinnert, "die Jungs mit den Hosenträgern und den breitgestreiften Hemden". Ihr Glaubensbekenntnis: "Finanzinnovationen". Was immer das hieß. Die Jungs aus Deutschland mit nicht ganz so breiten Hemdstreifen, die mit dem Computer umgehen konnten und auch mal ein Buch mit US-Wirtschaftstheorien gelesen hatten, besaßen auf einmal Herrschaftswissen. Sie lernten von den Amis und zeigten den Alten, wo es ab jetzt langging.

Voss, damals noch lange keine 30, legte einen rasanten Aufstieg hin. Auf seinem Schreibtisch standen sechs Computer, er hackte auf zwei Tastaturen gleichzeitig. Ein bisschen wie der "Master of the Universe", wie er im Film erklärt. Mit One-Nightern und Two-Nightern, also durchgearbeiteten 24 oder 48 Stunden, machte er sich bei seinem Chef beliebt. Wenn auch nicht bei seiner Frau.

Spektakuläre Deals machten Voss auch außerhalb seiner Firma bekannt, bald sollte er für das Dreifache seines Gehalts abgeworben werden. Er ging zu seinem Chef und weinte, weil das schöne Geld lockte, aber er die Bankerfamilie nicht verlassen wollte. Man blieb zusammen. Freunde außerhalb der Firma verlor er aus den Augen; wie sollte er die Summen erklären, mit denen er hantierte? In den Urlaub fuhr er mit Kollegen auf die Seychellen. Und wenn er zurückkam, düste er mit seinem Auto direkt in die Tiefgarage des Bankhauses und mit dem Fahrstuhl hoch in sein Büro. Unter dir die Stadt, unter dir die Welt.

Gefängnis aus Glas und Stahl

Das große Ganze vor den schönen Panoramafenstern, das die Trader in Werte zerlegten, mit denen sie handeln konnten, blieb ihnen fremd. Die eigenen Deals zuweilen ebenso. Einmal behauptet Voss im Film mit Blick auf den Turm der damaligen Konkurrenz: "Niemand versteht die Rechnungslegung der Deutschen Bank." Voss ist grundpessimistisch. Welcher Staat geht als nächstes pleite? "Frankreich", so der Ex-Finanzjongleur. Und danach? "Game over."

"Der Banker" ist trotzdem keine Fundamentalkritik am Finanzsystem, dafür fehlt dem Film die wirtschaftstheoretische Grundierung, er funktioniert eher als mentalitätsgeschichtliche Studie aus der Zeit, als in Deutschland die Märkte entfesselt wurden. Nur Voss kommt zu Wort, aber der beschreibt sehr gut, wie er komplett in der Glas- und Stahlarchitektur seiner Arbeitswelt aufging. Nachdem der Neunzigminüter auf Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurde, feiert er am Dienstag bei Arte seine Fernsehpremiere. Regisseur Bauder hat zuvor mit aufwühlenden Dokumentationen wie "Jeder schweigt von etwas anderem" die inneren Verwüstungen des DDR-Überwachungsstaats beschrieben, jetzt durchleuchtet er ebenso rigoros die psychologischen und sozialen Wirkungszusammenhänge der Bankenwelt.

Und er zeigt die Macht der Architektur auf die Menschen, die in ihr arbeiten. Konsequent vermisst Bauder durch Fahrstuhlfahrten die Vertikale, die quasi den Aufstieg in den Bienenwaben der Hochfinanz symbolisieren. Und während sein Protagonist Voss mit sich und seiner Branche abrechnet, blitzen die Türme der Deutschen Bank und der Commerzbank in der Wintersonne auf - letzterer ein bisschen höher, weil man eine Antenne draufgesetzt hat, um den Mitbewerber zu piesacken.

Was für ein Bild: Frankfurt, ein Gefängnis aus Glas und Stahl, bei dem der Blick aus den großen weiten Fenstern sich immer nur in den großen weiten Fenstern der Konkurrenz spiegelt. Trotz der Höhe, nirgends ist Sicht auf die Welt unfreier.


"Der Banker - Master of The Universe", Dienstag, 22.50 Uhr, Arte

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insgesamt 35 Beiträge
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1. auf jeden Fall ansehen
dieter_kaufmann 16.06.2014
Zitat von sysopArteMaster of The Universe? Oder doch nur eine arme Sau? In "Der Banker" packt ein Frankfurter Finanzjongleur über seine Branche aus. Eine Mentalitätsstudie aus einer Welt, die sich von der Wirklichkeit längst abgekoppelt hat. http://www.spiegel.de/kultur/tv/der-banker-doku-ueber-finanzhai-in-frankfurt-a-975078.html
Für mich der beste Film, den ich 2013 gesehen habe. Also, ansehen.
2. Beruf, Privatleben ...
a.j.q. 16.06.2014
alles schön und gut. Aber allem Anschein nach hat der Mann auch seinen Körper in einen Zustand gebracht der ihm in Zukunft keine Freude machen dürfte. Da jagen die Leute ihrem imaginären Glück nach und meinen Sie hätten irgendetwas erreicht, derweil nährt sich der Kapitalismus schon längst an ihrem Kadaver und sie merken's nichteinmal. Opfer.
3. und dafür
c_c 16.06.2014
macht man unsere Lebensgrundlage kaputt... Niemals vergessen!
4.
L!nk 16.06.2014
Crashkid im Anzug - soll man jetzt Mitleid mit diesem Superegoisten haben?
5. Mainzer Landstraße
suppenkoch 16.06.2014
Die Dreharbeiten fanden in der Mainzer Landstraße 23 statt. Das Gebäude ist ca. 50 Meter hoch. Von einem "Büroturm" zu sprechen, ist ein wenig gewagt.
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