Wahlkampf in der Provinz Kleinstadt - öde, aber ambitioniert - sucht Bürgermeisterin

Freibier ist nicht alles: Die ZDF-Reportage "Der Bürgermeister-Macher" zeigt, wie junge Selbstvermarkter in der Provinz die alten Platzhirsche mit Parteibüchern verdrängen.

ZDF/ Klaus Stern

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Einen Euro pro Einwohner muss man investieren, um Bürgermeisterin zu werden. Wenn man gegen einen starken Amtsinhaber antritt, kein Parteibuch hat oder die Begleitumstände schwierig sind, vielleicht auch zwei Euro. So die Formel, auf die es die Verwaltungswirtin Carmen Merz bringt, die Bürgermeisterin in Zimmern ob Rottweil werden möchte. 6000 Einwohner hat die Gemeinde, Merz muss also wohl an die 12.000 Euro lockermachen, denn die Begleitumstände sind schwierig. Merz ist nicht nur parteilos, sondern, nun ja, auch eine Frau, und als solche hat sie in der konservativen Schwarzwald-Region schon mal schlechte Karten.

Aber ihr steht zum Glück ja der Politikberater Klaus Abberger zur Seite, der als Wahlkampf-Coach in ganz Baden-Württemberg unterwegs ist. Er trainiert den politischen Clinch auf Kommunalebene, gut 150 solcher Trainingseinheiten hat er schon absolviert, zwei Drittel davon endeten mit einem Wahlsieg. Sogar für Frauen. Sogar für Frauen ohne Parteibuch.

Die Reportage "Der Bürgermeister-Macher" erzählt vom Einbruch modernen Selbstmarketings in den verschlafenen Politikbetrieb der Provinz. Auch wenn dieses moderne Selbstmarketing in Person von Klaus Abberger relativ sanft einbricht, denn der Politikberater spricht im behäbigen Singsang der Region und gibt auch sonst nicht den Radikalerneuerer (Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Klaus Abberger im KarriereSPIEGEL.)

Die Provinz will keine Provinz mehr sein

Und doch steht Abberger für eine für Provinzverhältnisse relativ neue Form politischer Inszenierung: Die Kandidaten werden unter seiner Ägide einerseits als betont heimatverbunden dargestellt, andererseits müssen sie vermitteln können, dass mit ihnen die Gemeinde in größere, möglichst globale Zusammenhänge aufschließen kann. Die Provinz will heutzutage ja längst nicht mehr Provinz sein. Kleinstadt - öde, aber ambitioniert - sucht Bürgermeister. Und eine Zukunft. Provinz 3.0.

Der Kasseler Dokumentarfilmer Klaus Stern, der seinen Film über den Bürgermeister-Macher für die ZDF-Reihe "37 Grad" inszeniert hat, kennt sich mit den Wachstumsträumen und Anschlussängsten in deutschen Randregionen aus. Unvergessen ist sein Grimmepreis-gekrönter Dokumentarfilm "Henners Traum" aus dem Jahr 2010, in dem er einem hessischen Kleinstadtbürgermeister folgt, der internationale Investorengelder einzutreiben versucht, um seine klamme Gemeinde in ein europäisches Tourismusparadies zu verwandeln. Immer wenn es schwierig wird, umschmeichelt der Bürgermeister die Investoren mit regionalen Wurstwaren. Vergeblich, wie man sich denken kann.

Wurst oder Freibier ist eben auch in der Provinz nicht mehr alles. Das zeigt sich jetzt auch noch mal in Sterns "Der Bürgermeister-Macher": Zwei Kandidaten werden dort acht Wochen auf ihrem Weg zum Gemeinde-Boss begleitet, neben der Verwaltungswirtin Merz im Schwarzwald tritt hier der (ebenfalls parteilose) Bauingenieur Thomas Zeilmeier in einer Kleinstadt nahe Pforzheim an.

Beide wagen die Auseinandersetzung mit älteren Platzhirschen, die stolz darauf sind, ihre Reden von kleinen, ungeordneten Zetteln abzulesen und Bürgeranfragen empört als Angriff auf die eigene Person abweisen. Das finden sie selbst authentisch, die Wähler aber dilettantisch.

Die goutieren inzwischen offensichtlich eher das Politikergesamtpaket, zu dem Berater Abberger seine Bürgermeisteraspiranten zusammenschraubt. Internetauftritt mit Familienbildern, Ortsbegehungen mit stadtplanerischem Kennervokabular, Ansprachen mit einstudierten Pointen: Abbergers Kandidaten geben den Kleinstadtwählern das volle, medial und sprachlich durchkomponierte Programm. Da tobt der Gemeindesaal. Na ja, ein bisschen.

Nachdem ihr 12.000-Euro-Privatkampagne zum Wahlsieg geführt hat, ruft Carmen Merz dann doch alle beim Freibierstand zusammen. Die paar Euro sind dann auch noch drin.


"37 Grad: Der Bürgermeister-Macher - Wahlkampf in der Provinz": Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF



insgesamt 2 Beiträge
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cater 24567 09.05.2017
1. Christian Buß
Hurra, auch unter der Woche mal ein Christian Buß! Der Mann beim Spiegel, der dafür bezahlt wird, den Tatort anzuschauen und der bei den meisten Lesern und Kommentatoren dafür bekannt ist, immer genau das Gegenteil dessen zu sehen und zu schreiben, was im Tatort geschieht. Dieser Christian Buß darf noch mehr Fernsehen schauen. Eine Doku. Und er schreibt viele Wörter und sagt - NICHTS. Gottseilobunddank. Ich hatte schon Angst, der Buß findet die Doku gut - das wäre wieder ein Zeichen gewesen, diese dem Thema nach interessante Doku auf keinen Fall anzuschauen. So sagt Buß nichts - also kann man neutral an die Sacher rangehen.
Olaf 09.05.2017
2.
Für Journalisten ist das sicherlich ein interessanter Beitrag. Woher sollen sie auch sonst wissen, was die Menschen in diesem Land so bewegt?
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