ZDF-Krimi zum Fall Metzler: Das Recht und sein Knecht

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Darf die Androhung von Folter das letzte Mittel im Kampf um das Leben eines Kindes sein? Der furiose ZDF-Film "Der Fall Jakob von Metzler", der die Entführung aus dem Jahr 2002 nachstellt, hält eine nüchterne Erkenntnis parat: Der Rechtsstaat braucht keine Helden.

"Der Fall Jakob von Metzler": Im Clinch mit dem Rechtsstaat Fotos
ZDF

Dieser Film lässt den Zuschauer allein. So allein wie die Beamten sich im Angesicht eines Verbrechens fühlen, bei denen alle Mittel der Exekutive ins Leere zu laufen scheinen: Ein Kindesentführer wurde dingfest gemacht, das Opfer muss sich irgendwo alleine in Gefangenschaft befinden, spürt man es nicht in den nächsten Stunden auf, wird es verdursten. Der Entführer schweigt, wie kriegt man so einen zum Reden?

"Der Fall Jakob von Metzler" ist die bislang umfassendste Rekonstruktion des spektakulärsten Entführungsfalls der jüngeren deutschen Geschichte und seiner juristischen Aufarbeitung: Im September 2002 hatte der Jurastudent Magnus Gäfgen den Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler in seine Gewalt gebracht. Der Täter konnte nach kurzer Zeit gefasst werden, das Kind hatte er da bereits umgebracht. Die Polizei aber ließ Gäfgen im Glauben, sein Opfer lebe noch. Weshalb der stellvertretende Polizeipräsident Wolfgang Daschner den Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit beauftragte, den Entführer unter Androhung von Gewalt dazu zu bringen, das Geiselversteck preiszugeben.

Regisseur Stephan Wagner und Autor Jochen Bitzer (hat zuvor das Kohl-Biopic "Der Mann aus der Pfalz" geschrieben) tragen penibel zusammen, die Bewertung überlassen sie den Zuschauern. In ihrem kühlen, schmerzlich detailgenauen Film wird vor allem die verbürgte Aktenlage verarbeitet, strittige Punkte hat man ausgelassen. So sagte der Entführer Gäfgen später aus, sein Verhörer Ennigkeit habe ihm gedroht, "dass ich mit zwei großen Negern in eine Zelle gesperrt würde, welche sich an mir sexuell vergehen könnten". Der Kommissar dementierte das. Im Film wird das Verhör ausgespart.

Kommissar Kumpel hat dienstfrei

An wen oder was also soll sich der Zuschauer in dieser unübersichtlichen Lage halten? Genau in dieser Frage haben die Macher des aufwühlenden ZDF-Krimis für das Genre einen bemerkenswerten Dreh gewählt: Sie geben dem Publikum keinen Helden an die Hand, der sie durch die moralischen oder rechtlichen Grauzonen führt. Kommissar Kumpel hat dienstfrei.

Robert Atzorn als Vizepräsident Daschner bleibt als Vertrauensinstanz brüchig: Wenn er streng die Augenbrauen zusammenzieht, hält er nicht nur die Kollegen, sondern auch die Zuschauer auf Abstand. Nur das Wohl des entführten Kindes im Auge, beruft er sich bei seiner einsamen Entscheidung auf das Prinzip der Nothilfe. Atzorns Daschner ist ein grimmiger Bürokrat, der selbstüberzeugt die Gesetze interpretiert und ordnungsbewusst "Die Anwendung unmittelbaren Zwanges" in den Akten vermerkt. Der Glaube an das eigene Handeln schützt ihn davor, an den Feinheiten des Rechts zu verzweifeln.

Uwe Bohm als Kommissar Ennigkeit taugt ebenfalls nicht als Über-Ermittler: Er springt mit nervöser Energie in die Bresche, als alle Kollegen mit ihren korrekten Methoden versagt haben und der Dienst nach Vorschrift in die Handlungunfähigkeit geführt hat. Wie knackt man einen Unmenschen, um das Leben eines unschuldigen Menschen zu retten? In der juristischen Nachbereitung legt Bohm als Kommissar eine solche Wut an den Tag, dass man ihm die oben beschriebenen Drohgebärden durchaus zutrauen würden.

In den Ruinen des Rechtsstaats

Am Ende, wir schreiben das Jahr 2004, stehen Daschner und Ennigkeit vor Gericht, nehmen erschüttert zur Kenntnis, dass sie schuldig gesprochen werden. Ist das gerecht, dass die einzigen beiden Ermittler, die sich nicht damit abfinden wollten, das Leben eines Kindes den Prinzipien des Rechtsstaats hintenanzustellen, als Kriminelle dastehen?

Im direkten Anschluss an die Urteilsverkündung gegen Daschner und Ennigkeit gab es bereits einige Fernsehkrimis, die das Thema aufgriffen: Nikki Stein etwa drehte schon 2005 die verstörende Frankfurter "Tatort"-Folge "Leerstand", in dem in einem verlassenen Polizeirevier ein Mann der Selbstjustiz nachgeht. Was man als verstörende Allegorie auf den Fall lesen konnte - der Rechtsstaat als Ruine.

Korrekter sollte "Kommissarin Lucas" 2006 mit einem Gäfgen nachempfundenen Entführer auf Tuchfühlung gehen, die TV-Ermittlerin versuchte die Gewaltandrohung zu vermeiden. In Thomas Bohns "Eine Frage des Gewissens" (ebenfalls 2006) indes wird der ermittelnde Cop in Anspielung auf Daschner und Ennigkeit plakativ als tragischer Held in Szene gesetzt - nach dem Motto: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Eine Attitüde, der sich die Macher des neuen ZDF-Films verschließen. Sie folgen Daschner teilnahmsvoll in die Ausweglosigkeit seiner Situation, inszenieren mit wohlwollender Wucht seinen Versuch, in der Ohnmacht gegenüber dem Entführer Handlungsspielraum zu gewinnen. Aber sie zeigen ihn auch halsstarrig, als es darum geht, vor Gericht sein Handeln darzulegen.

Der Rechtsstaat - das zumindest zeigt dieser Film, der sich ansonsten mit einfachen Erkenntnissen zurückhält - ist ein komplexes, fragiles Ding; betont heldenhaftes Auftreten arbeitet der komplizierten, kleinteiligen Wahrheitsfindung entgegen. Atzorn als Daschner aber lebt in seinen eigenen unverbrüchlichen Wahrheiten. So verweigert er die Auskunft, als es darum geht, einen Vorgesetzten zu nennen, der sein Handeln abgesegnet hat. Er will ein Gentlemen sein, obwohl seine Rolle nur eine sein kann: Knecht vom Recht.



"Der Fall Jakob von Metzler", Montag, 20.15 Uhr, ZDF

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 220 Beiträge
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1. Knecht vom Recht?
!rabo! 24.09.2012
Als Polizist ist man in einer ROLLE! - Hinter einer Rolle steht immer der MENSCH! Dass Daschner im entscheidenden Moment über die Rolle des Polizisten hinausgewachsen, nicht "Knecht vom Recht" geblieben sondern zum MENSCHEN geworden ist, ist ungeheuer hoffnungsvoll und tröstlich. Meine Dankbarkeit hat er für alle Zeiten – und je mehr er gescholten und verächtlich gemacht wird, desto mehr. Ralph Boes, Berlin
2. Rechtsstaat?
abominog 24.09.2012
Tut mir Leid, aber wir sind hier im Land Lichtjahre von einem echten "Rechtsstaat" entfernt. Erstens ist der gesamte Justizapparat viel zu umfangreich und teuer geworden, zweitens zu bequem, drittens zu eitel und viertens klagen sowieso nur die Bürger, die sich das leisten können.
3. Recht klar
MartinB. 24.09.2012
Die Sache ist doch eindeutig, oder? *Selbstverständlich* kann sich ein Ermittler dazu entscheiden, durch die Anwendung von Gewalt ein Menschenleben zu retten. Genauso selbstverständlich muß er sich anschließend vor Gericht dafür verantworten, da Folter (und als solches ist auch die Androhung von Gewalt zu werten) in diesem Land glücklicherweise verboten ist.
4. Falscher sendetermin !!!
morpholyte 24.09.2012
Zitat von sysopDarf die Androhung von Folter das letzte Mittel im Kampf um das Leben eines Kindes sein? Der furiose ZDF-Film "Der Fall Jakob von Metzler", der die Entführung aus dem Jahr 2002 nachstellt, hält eine nüchterne Erkenntnis parat: Der Rechtsstaat braucht keine Helden. "Der Fall Jakob von Metzler": ZDF-Krimi zum realen Entführungsfall - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,857227,00.html)
Der Film läuft 20.15 Uhr im ZDF !
5. Unglaubliche Zwickmühle
widower+2 24.09.2012
Auf der einen Seite rechtsstaatliche Prinzipien, denen man als Beamter verpflichtet ist, und auf der anderen Seite ein unschuldiges Kind mutmaßlich in Lebensgefahr, dessen Leben man nur retten zu können meint, wenn man gegen ebendiese rechtsstaatlichen Prinzipien verstößt. Ich bin mir nicht sicher, wie ich als Beamter gehandelt hätte, als Vater ist die Sache jedoch recht eindeutig.
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