Neue Pocher-Show bei Sat.1 Im toten Winkel der Ironie

Selten verging Zeit so zäh: Bei der Moderation der elend langweiligen Sat.1-Show "Der große Führerscheintest" hätte es jeder schwer gehabt. Doch was Oliver Pocher als Arbeitsnachweis ablieferte, war schlimm.

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Es ist gewiss nicht leicht, gegen einen goldenen Sommerabend anzusenden. Oder einer fast vierstündigen theoretischen Führerscheinprüfung so etwas wie Struktur oder Dramaturgie zu geben. Sat.1 hat sich dafür entschieden, es nicht einmal zu versuchen - und als Höhepunkt der kompletten Sendung die schlichte Nachricht zu setzen, dass Jimi Blue Ochsenknecht die Prüfung bestanden hat. Applaus, Hurra. Konfetti. Schwer zu sagen, wie viele Menschen es schon vor diesem furiosen Finale aus der Kurve getragen hat.

Mitspielen durften oder mussten Fernsehbekanntheiten wie Vera Int-Veen, Jeanette Biedermann, Claudia Effenberg und ein paar andere Gestalten, die zu kennen oder sich zu merken man glücklicherweise nicht verpflichtet ist - vor allem wenn sie wie ein gewisser Pascal mit robusten Auffassungen reüssuieren: "Ich habe ein Kind, aber das ist erst drei, da muss ich mich noch nicht drum kümmern." Will man solche Menschen kennen?

Will man wissen, ob die Fußballerfrau Lastwagen, der Schauspielersohn Auto und der lustige Schwule Motorrad fahren lernt? Will man ihnen dabei zusehen? Wo ist das Überholen verboten? Darf man auf dem Seitenstreifen parken? Und wann gilt eigentlich rechts vor links?

Es ist, so oder so, ein Elend

Existentielle Fragen also, um die es an diesem Abend ging. Dazu gab es mal typische, mal bewegte Bilder wie aus dem Lehrbuch für Fahrschüler. Es verging schon zäh genug die Zeit beim sorgfältigen Vorlesen und stummen Ankreuzen der Fragen. Doch dann ging noch mal mehr als eine Stunde drauf mit der Wiederholung zwecks Beantwortung jeder einzelnen der 30 unterdessen nicht eben packender gewordenen Fragen: "Ah, das war diese Videogeschichte. Wir erinnern uns an den Bus, der da gehalten hat…" Nein, Moderator Oliver Pocher war ebenfalls nicht zu beneiden.

Nun ist Pocher der ideale Moderator für Leute, die Pocher nicht zuhören wollen. Hört man nicht hin, klingt es fast, als moderiere da einer. Hört man aber hin, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie der Mann im toten Winkel der Ironie die übelsten Stereotypen stanzt ("Giovanni ist Italiener, der kann sich immer irgendwie einen Führerschein besorgen."). Dabei gibt sich Pocher so überzeugend chauvinistisch, sexistisch und rassistisch, dass es schon keine Rolle mehr spielt, ob er nur eine Rolle spielt. Es ist, so oder so, ein Elend.

Einmal säuberte Pocher zum Gaudium einer Mehrheit sogar die Angehörigen einer ethnischen Minderheit wie nebenbei: Das Publikum war unterteilt in Klischeegruppen wie "Autohändler" mit Goldkettchen, "Bikerbabes" mit Kopftüchern, "Sonntagsfahrer" auf "Pflegestufe 2", darunter Pochers eigener Vater, sowie "Boxenluder" im Minirock.

Er legt dem Mädchen die Prostitution nahe, im Scherz natürlich, haha

Unter den "Ludern" steuerte Pocher gezielt eine Afrodeutsche an: "Ach, bist noch Schülerin? Kein Model? Wie kommt es, dass jemand wie du kein Model ist?" Dann legt er dem Mädchen als Beschäftigung die Prostitution nahe, im Scherz natürlich nur, haha, so macht man das heute wieder, Entschuldigung.

Auch unter den "Brummifahrern" knöpft Pocher sich den einzigen dunkelhäutigen Goldkettchenträger vor: "Dich kenne ich doch vom 'A-Team'!" Haha, kleiner Witz, weißte? Aber im Ernst: "Wenn so'n Brummi geklaut wird, bist du derjenige, der ihn fährt…"

Man weiß nicht, worauf dergleichen zielte, wenn nicht auf das grölende Einvernehmen von Menschen, mit denen man ebenfalls nichts zu tun haben möchte. Auch ungesund, weil fast schon befriedigend war es daher, Pocher bisweilen unter den Tücken der Live-Sendung leiden zu sehen.

Als Helena Fürst ("Anwältin der Armen") mit schwerer Zunge von ihrer Führerscheinprüfung damals erzählte, ließ Pocher sie kommentarlos gewähren. Bis sie bei dieser Geschichte in Amsterdam angelangt war, wo sie, ungelogen, einfach keinen Parkplatz finden konnte, obwohl die Stadt ansonsten, nicht wahr, "man kann da ja auch toll einkaufen, Schuhe zum Beispiel".

"Ich will jetzt 'ne Weinschorle!"

Pocher beklagte, wahrscheinlich von der Regie aus dem Sekundenschlaf geweckt, dass Fürst endlos und "alles gaanz langsam" erzählt. Fürst: "Oliver, wo habe ich das wohl gelernt? Beim Fernsehen!" - "Ja, und da kann man das dann auch rauschneiden, wenn's nicht live ist." Zur Strafe schenkte er der Endreißigerin dann noch ein wenig Schierling ein: "Auf alten Fahrrädern lernt man Fahrradfahren", zwinker, zwinker.

Ein ähnliches Gekeife entspann sich zwischen dem Moderator und Jeanette Biedermann, die offenbar zu früh oder zu spät ihre Ergebnisse in den Computer eingegeben hatte. Die Schauspielerin hatte wegen der vielen "technischen Fehler" bald "keine Lust mehr, ich mach nicht mehr mit, ich will jetzt 'ne Weinschorle!" Sie wirkte aufrichtig eingeschnappt, das hätte man ihr mal vorher sagen müssen, wann genau man da drücken muss! Pocher kühl und nicht ohne Pedanterie: "Sorry, da gab's eine Einweisung vorher, für die ihr extra um sechs Uhr schon im Studio wart."

Nach dieser Sendung war es in Deutschland tatsächlich messbar kälter als zuvor, die Temperatur von 28 Grad um 20.15 Uhr auf 21 Grad um 23.50 Uhr gefallen. Wird an der vorgerückten Stunde gelegen haben. Irgendwann bedankte sich Pocher beim Publikum für den höflichen Applaus anlässlich einer weitere Zote, bevor er seitwärts in die Kamera sagte: "Buchen Sie mich für Ihre Firmenveranstaltung!" Eine gute Idee eigentlich - zumindest für Firmen, die keine Ausländer, Frauen oder Homosexuelle beschäftigen.

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rolantik 20.07.2013
1. Nur peinlich, Pocher kann Nix
Wann erkennt endlich ein Ptogrammverantwortlicher, dass dieser man keine Faehigkeiten besitzt, die es erlauben ihn im TV zu zeigen. Es ist nur peinlich, wenn dieses nichtssagende Gesicht auftritt und sobald der Mund soch oeffnet nur dummes und beleidigendes Zeug herauskommt. Man muss mal den Mut haben solche Leute einfach abzusetzen und in der Versenkung verschwinden zu lassen. Fuer die deutsche Unterhaltungskultur ist Pocher ein denkbar schlechtes Aushaengeschild auch wenn er nur auf SAT 1 zu sehen ist.
experiencedsailor 20.07.2013
2. Tja, es scheint ja wohl so zu sein,
daß Pocher und Co. oft genug für irgendwelchen Schwachsinn im TV gebucht werden und in den Boulevardmedien derart omnipräsent sind, daß sie wahrscheinlich täglich mit einem süffisanten Grinsen auf ihr Bankkonto schauen. In den ÖR wird solcher Dünnsinn zumal noch staatlich subventioniert - s. Cindy aus M. bei Wetten, daß. So mancher Schreiberling fühlt sich da natürlich im Nachteil. Am besten nicht mehr ärgern, AUSSCHALTEN, und mit guten Freunden eine Flasche Wein aufziehen.
pillorello 20.07.2013
3. Was haben Sie nur zu meckern?
War doch gut! So ist das eben beim Debilfunk .
kieler83 20.07.2013
4. Also wie immer...
... deutsches Fernsehen auf höchstem Niveau. Manchmal frage ich mich, ob die Verantwortlichen sich überhaupt die Kritiken zu ihren Sendungen ansehen. Aber dann fällt mir wieder ein, dass sie das ja nicht müssen. Ihre Einschaltquoten beweisen ja, dass es noch mehr als genug Menschen gibt, die sich an diesem Programm erfreuen. Armes Deutschland!
panzerknacker51, 20.07.2013
5. Oh Wunder
Zitat von sysopRTLSelten verging Zeit so zäh: Bei der Moderation der elend langweiligen Sat.1-Show "Der große Führerscheintest" hätte es jeder schwer gehabt. Doch was Oliver Pocher als Arbeitsnachweis ablieferte, war schlimm. http://www.spiegel.de/kultur/tv/der-grosse-fuehrerscheintest-bei-sat-1-mit-oliver-pocher-a-912122.html
Die Sendung wurde ja hinreichend beworben, sodaß man sie rechtzeitig vermeiden konnte. Wo Pocher auftaucht, zappe ich grundsätzlich weg. Was der sich leistet, ist mehr als unterirdisch. Seine Zoten bei Harald Schmidt oder sein "Solo"-Auftritt beim Kachelmann-Prozess, immer wieder überraschend, wie Pocher beim Tieferlegen von soetwas wie Niveau - ein Zusammenhang mit Pocher verbietet sich eigentlich - immer wieder neue Rekorde aufstellt. Bleibt eigentlich nur die Frage, über wen die Existenz solcher Sendungen mehr aussagt: über die Verantwortlichen, die diesem Typen regelmäßig eine Bühne für seine Geschmacklosigkeiten bereiten, oder diejenigen, die das Zeug bei vollem Bewußtsein anschauen.
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