TV-Porträt "Der gute Göring" Retten, was der Bruder zerstört

Während Hermann Göring als "zweiter Mann im Reich" wütet, rettet sein Bruder Albert zahlreichen Menschen Leben und Existenz. Die wenig bekannte Geschichte erzählt der halbdokumentarische Film "Der gute Göring".

NDR/ Beate Wätzel

Albert Göring sitzt bei seinem Bruder Hermann auf dessen Anwesen Carinhall an der reich gedeckten Tafel und erzählt einen Witz: "Hitler schickt von Papen nach Rom, um den Papst für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Doch von Papen hat keinen Erfolg. Auch Goebbels ist nicht sehr erfolgreich und bringt lediglich einen kleinen Beitrag für die Volkswohlfahrt mit. Da wird mein Bruder auf den Weg geschickt. Nach drei Tagen erhält Hitler ein Telegramm von Göring aus Rom: Auftrag ausgeführt. Papst tot. Vatikan brennt. Tiara passt. Dein Heiliger Vater."

Hermann Göring, zu diesem Zeitpunkt noch "zweiter Mann" im Reich und berüchtigt für Machtfülle und Ausschweifungen, kann über diesen Witz nicht lachen. Sein Bruder Albert, eine elegante Erscheinung mit Menjoubärtchen und Zigarettenspitze, steht nicht nur habituell im Gegensatz zu seinem Bruder. Nach 1933 geht der gelernte Ingenieur nach Wien, wo er für den jüdischen Filmproduzenten Oskar Pilzer arbeitet.

Dabei machte er keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Nazis. Er verbat sich den Hitlergruß, spottete über seinen Bruder und rettete unter Ausnutzung seines Namens Dutzenden Menschen Leben oder Existenz. Was weitgehend unbekannt war, bis sich der Brite James Wyllie ("Goering and Goering") und der Australier William Hastings Burke ("Thirty Four") dem ungleichen Paar widmete.

Mit vielen dramaturgische Freiheiten

"Der gute Göring", produziert von Sandra Maischberger und Matthias Martens nach einem Drehbuch von Jörg Brückner und dem SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl, nähert sich dem Thema halb fiktiv, halb dokumentarisch. Neben historischen Archivaufnahmen und Gesprächen mit Zeitzeugen, der Tochter des Helden und den Kindern der von ihm Geretteten lässt Regisseur Kai Christiansen die Brüder und ihre konträren Weltanschauungen bei fünf verbürgten Treffen aufeinanderprallen.

Barnaby Metschurat spielt einen Albert Göring, der seinem säbelrasselnden Bruder anfangs mit der an Arroganz grenzenden Reserviertheit des Lebemanns begegnet. Auf Hermanns leutselige Frage, wann sie sich denn zuletzt gesehen hätten, erwidert Albert: "Das muss 20 oder 30 Orden her sein." Wie Albert sich Freiheiten gegenüber seinem mächtigen Bruder genommen hat, nimmt sich das Drehbuch dramaturgische Freiheiten gegenüber der historischen Akkuratesse.

Niemand weiß genau, welcher Ton zwischen den beiden Männern herrschte und wer wann welche Pointen gesetzt hat. Wenn aber Albert über den Mob lästert und Hermann kontert, das seien "Zukurzgekommene", die sich "für ihr Vaterland" einsetzten, wird deutlich, um welche Parallelen zur aktuellen gesellschaftlichen Lage in Deutschland es Produzenten und Regisseur gegangen ist.

Francis Fulton-Smith und Anna Schudt als Hermann und Emmy Göring
NDR/ Beate Wätzel

Francis Fulton-Smith und Anna Schudt als Hermann und Emmy Göring

Die Methode dient der plastischen Zeichnung von Albert, lässt aber auch Hermann Göring viel, vielleicht sogar zu viel Raum. Francis Fulton-Smith glänzte zuletzt in "Die Spiegel-Affäre" als Franz Josef Strauß und bastelt sich hier einen arg kernigen Reichsmarschall, der selbst auf der Beerdigung seiner Mutter in den Tonfall eines Adolf Hitler verfällt. Ein teuflischer Trampel, der nur genießen und spielen will und dabei alles kaputt macht. "Ich wollte den Scheißkrieg doch gar nicht", wird er am Ende brüllen.

Sein Göring gibt eine lauernde und in Anwesenheit von Frauen lüsterne Bedrohlichkeit niemals auf - ganz gleich, ob er Wachteln schießt oder mit seinem Bruder vierhändig Klavier spielt. In Nebenrollen überzeugen Anna Schudt als großäugige Emmy Göring und Natalia Wörner als Filmstar Henny Porten, die über eine nachgedrehte Passage aus einem frühen Film von Veit Harlan eingeführt wird.

Dankbare Erinnerungen

Leider stehen solche Spielereien in seltsamem Gegensatz zu holzschnittartigen Szenen. Aus dem Off erklärt der Erzähler, dass Göring die Todesurteile für die "Säuberungen" nach dem sogenannten Röhm-Putsch eigenhändig unterschrieben habe: "Papen streicht er in letzter Sekunde von der Liste." Und dann sehen wir Göring, wie er sich noch einmal umdreht und den Namen des ehemaligen Reichskanzlers eigenhändig von der Liste streicht.

Schön eng dagegen werden in einer anderen Szene Morphium und Medaillen geführt. Die Krankenschwester, die dem Süchtigen soeben eine weitere Spritze setzte, gibt sich die Klinke in die Hand mit einem Offizier, der schon das Ehrenkissen mit den Orden hereinträgt. Ein nicht ungebrochener, aber doch im arendtschen Sinne ganz banaler Böser, dessen Eitelkeiten und Grausamkeiten auch in diesem Film leider viel von dem Raum einnehmen, der eigentlich dem "guten Göring" zugestanden hätte.

Über dessen Tätigkeiten, später als Exportdirektor bei den kriegswichtigen Skoda-Werken in Pilsen und Zulieferer für den Widerstand, erfahren die Zuschauer aus den Spielszenen so gut wie nichts. Dafür führt "Der gute Göring" eine Reihe von Gesprächspartnern auf, die das eigentliche Rückgrat der Erzählung bilden.

Neben Albert Görings Tochter ist das vor allem George Pilzer, der Albert Göring sein Leben verdankt. Das Filmteam besucht den 94-jährigen Sohn von Oskar Pilzer in Cannes: "Sie können sich vorstellen, wie wir uns gefreut haben und wie dankbar wir Albert Göring dann waren und heute noch sind."

Ebenfalls dankbar sind Herbert Hohensinn und Erna Kirschner aus Mautendorf, wo Hermann Göring in Österreich eine Burg besaß und deren Vater als Kaufmann ins Visier der Nationalsozialisten geriet. Die beiden alten Leute wirken so unverstellt vor der Kamera, dass man ihnen stundenlang zuhören könnte.

Zuletzt kommt Irena Steinfeldt zu Wort. Die Leiterin der Abteilung der Gerechten unter den Völkern an der Gedenkstätte Yad Vashem lässt seit drei Jahren prüfen, ob Albert Göring diese Ehrung zuteil werden könnte. Sie sagt: "Irgendetwas in diesen Geschichten gibt uns die Hoffnung, dass die Menschheit auch anders handeln kann und dass nicht alles schwarz war."


"Der gute Göring", 10.01.2016, 21.45 Uhr, Das Erste



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Taiga_Wutz 10.01.2016
1. schon wieder so spät!
Würde ich gerne sehen, aber 21:45? Man, ARD ich muss morgen früh raus! könnt Ihr das nicht zur Hauptsendezeit und z.B. unter der Woche bringen? Und dafür irgend nen Quatsch wie "Notruf Hafenkante" oder "In aller Freundschaft" verschieben? Fulton-Smith als Göring, das würde mich wirklich interessieren. Ich hab ihn immer für einen Schmonzetten-acteur gehalten. Dann hat er ziemlich gelungen FJS gegeben! Da war ich echt bass erstaunt.
steueragent 10.01.2016
2. Ist so eine Sache mit Dokumentationen.
Da kommt eben auch nur, was opportun ist. Ist vermutlich vom Ansatz her richtig. Aber trotzdem, waren eben nicht alle Deutschen damals böse. Selbst Himmler (zweifellos ein Bösewicht) hat ja auch nachweislich vereinzelt Leute vor dem sicheren Tod gerettet. Das habe ich bisher auch noch in keiner Dokumentation gesehen. Um keine Zweifel aufkommen u lassen, das macht ihn nicht besser, wäre jedoch auch mal erwähnenswert.
Zaunsfeld 10.01.2016
3.
Mal auf Wikipedia nachlesen! Da gibt's den Artikel seit 2006.
Zaunsfeld 10.01.2016
4.
Zitat von steueragentDa kommt eben auch nur, was opportun ist. Ist vermutlich vom Ansatz her richtig. Aber trotzdem, waren eben nicht alle Deutschen damals böse. Selbst Himmler (zweifellos ein Bösewicht) hat ja auch nachweislich vereinzelt Leute vor dem sicheren Tod gerettet. Das habe ich bisher auch noch in keiner Dokumentation gesehen. Um keine Zweifel aufkommen u lassen, das macht ihn nicht besser, wäre jedoch auch mal erwähnenswert.
In der Wikipedia kann man's seit Jahren nachlesen. Ich erwähne das nur, weil es immer wieder heißt, solche Informationen seien nirgendwo verfügbar. Es ist logisch, dass man sich in Dokumenationen aufgrund der Zeitknappheit auf Wesentliches beschränkt. Nichtsdestotrotz habe ich das in Fernsehdokumentationen auch schon gehört. Und diejenigen unter uns, die ab und zu mal ein Buch kaufen, konnten das auch schon vor 40 Jahren in Büchern namhafter deutscher, britischer und amerikanischer Historiker nachlesen, vor allem in Biographien. Solche Einzelfälle gab es übrigens fast bei jedem Führer des NS-Staates. Selbst Hitler, Göring, Goebbles und andere ließen jeweils vereinzelt Juden und andere Verfolgte des NS-Staates ausreisen, weil sie diese noch aus Kinder- oder Jugendtagen, vom Militärdienst oder aus der Familie kannten. Hitler beispielsweise soll die jüdische Pflegerin, die sich bis zum Tod seiner Mutter um diese gekümmert hatte, geschützt und ihr schließlich die Ausreise aus Deutschland ermöglicht haben. Das alles sind aber letztlich nur nebensächliche Episoden, die belegen, dass diese Leute nicht völlig gefühlslos und ohne Gewissen waren (was ich persönlich auch nicht erwartet hätte) - für Biographen der NS-Führer und für Psychologen sicher interessant. Es ändert aber nichts daran, dass diese Leute für 60 Millionen Tote direkt und indirekt verantwortlich sind. Und es ist logisch, dass man sich in Dokumentationen über geschichtliche Ereignisse am ehesten auf letztere 60 Millionen konzentriert. In Dokumentationen allerdings, die sich mit den Persönlichkeiten der NS-Führer beschäftigen, hört man logischerweise auch ab und zu mal was über die anderen Seiten dieser Leute.
madde81 10.01.2016
5. @treckingerror
Kannten sie Schindler schon vor der Hollywoodverfilmung?
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