RTL-Talk "Der heiße Stuhl" Mangelnder Anstand als Sendungskonzept

Nach 22 Jahren bringt RTL den Talk "Der heiße Stuhl" zurück. Auf dem sitzt beim Comeback Thilo Sarrazin. Doch nicht der Populist wird gegrillt, sondern seine muslimische Kontrahentin - vom Publikum.

Thilo Sarrazin
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Thilo Sarrazin


Spätgeborene werden es nicht wissen und Frühgeborene sich nur ungern erinnern, aber von 1989 bis 1994 lief bei RTL (damals noch RTLplus) das Talkformat "Der heiße Stuhl". Darauf hockte jemand, der sich für eine steile These oder strenge Forderung von Kontrahenten "grillen" lassen muss. In seinen besten Momenten erinnerte der "heiße Stuhl" an hitzige Bundestagsdebatten der Sechzigerjahre, in seinen schlechteren Momenten an eine gerade noch abgewendete Kneipenprügelei. Die Quote kam vom Krawall, und der Krawall kam vor der Erkenntnis.

Seinerzeit moderierte Ulrich Meyer und später ein gewisser Olaf Kracht, wobei deren Moderation eher darin bestand, die allgemeine Empörung durch flinken Wechsel der Positionen immer schön am Kochen zu halten. Heute kocht es angeblich überall, während die meisten Talkshows wie mediale Kühltürme eher darum bemüht sind, die gesellschaftliche Betriebstemperatur möglichst niedrig zu halten.

Da hält RTL bewusst dagegen und steigt nach 22 Jahren wieder ins Talkgeschäft ein - nicht serienmäßig wie damals, nur anlassbezogen. Nun ist "Der heiße Stuhl" so lange her, dass das Möbel selbst im Bonner "Haus der Geschichte" steht. Auf dem Nachbau, einem Hocker vor spitzer Gitterpyramide, lässt sich in der ersten Folge der "unbequeme" Gesellschaftskritiker Thilo Sarrazin nieder.

Sarrazin wischt alles beiseite

Eine gute Besetzung - anders als Moderator Steffen Hallaschka (u.a. "Stern TV"). Denn Hallaschka stellt zwar immer die denkbar provozierendste Frage, moderiert aber wirklich und will wissen: "Ein Jahr nach Köln - wie sicher ist Deutschland?" Sarrazin, das zeigen schon seine verschränkten Arme und Beine, hält Deutschland für unsicher.

Kein Wunder, denn "wenn eine Million muslimischer Männer ins Land kommen, ohne Zugang zu Frauen, dann ist das ein Problem". Er wird im Laufe des Abends nichts anderes sagen als nur diesen einzigen Satz, freilich in zahlreichen Variationen und immer wieder gestützt durch seine offenbar exzessive Lektüre "aller verfügbaren statistischen Unterlagen" - auch wenn er fälschlicherweise behauptet, wir hätten seit dem 1. Januar 2015 insgesamt 1,3 Millionen neue "muslimische Männer im Land", die Zugang zu Frauen suchten.

Hinweise auf seine fragwürdigen Zahlen wischt er beiseite: "Muslime im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungsgruppe sind häufiger gewalttätig, das ist ein Fakt." Worauf ihm Kai Gehring von den Grünen vorhält, er sei ein "postfaktischer Angstmacher". Die Journalistin Khola Maryam Hübsch bedauert, Sarrazin reduziere sexuelle Gewalt "auf ein kulturelles Problem".

Der kontert: "Sie wollen an die Fakten nicht ran, damit Sie weiter in ihrer Scheinwelt leben können!" Er lebe zwar nicht "im Kopf muslimischer Männer", feixt der Connaisseur und räumt generell ein: "Wenn man jung ist und ein Mann, möchte man gerne auch etwas haben mit Mädchen." Und ohne "Zugang zu muslimischen Frauen", tja.

"Sie, Herr Gehring, haben einfach keine Ahnung!"

300.000 Muslime lebten in Berlin, so Sarrazin weiter, und 300.000 Polen - die allerdings keine solchen Probleme machten. "Das ist Rassismus in Reinform", braust Hübsch auf, "nur zu ihrer Information." Was er denn damit sagen wolle? Sarrazin zuckt mit den Schultern und lächelt, nix, er stellt das eben mal fest. Verfügbare statistische Unterlagen.

An Sarrazins aufreizend passiver Haltung des "Ich hocke hier auf dem heißen Stuhl und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen" prallen alle Gegenargumente, die guten wie die schlechten, einfach ab. Wenn Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei NRW betont, man dürfe doch nicht alle Muslime in "dieses Raster" stecken. Wenn Gehring doziert, sexuelle Gewalt habe "keinen Pass". Wenn die Schauspielerin Annabelle Mandeng allen Ernstes "einen Konsens finden" will, "damit wir uns alle mit dieser Problematik anfreunden können".

Nur als der freche Grüne ihm vorwirft, in seiner Zeit als Senator in Berlin bei der Polizei "den Rotstift" angesetzt zu haben, fährt Sarrazin kurz aus der Haut: "Sie, Herr Gehring, haben einfach keine Ahnung!" Nur die Planstellen für "Sesselfurzer", also Verwaltungsangestellte, habe er gekürzt.

Gegrillt wird die Kontrahentin - vom Publikum

Ansonsten hockt er seelenruhig auf allen verfügbaren statistischen Unterlagen und erweckt den Eindruck, auch alle nicht verfügbaren Unterlagen zu kennen, lässt seine Gegner einfach kommen - und ins Leere laufen.

Als Hübsch endlich wissenschaftliche Forschungen ins Feld führt und erläutert, die soziale Frage spiele bei Migranten auch eine Rolle, wird sie ausgebuht. Vom Publikum. "Aufhören!", rufen die Leute, und: "Raus!" Die hässlichen Szenen wiederholten sich nach Hübschs Vorwurf, Sarrazin habe "ganz entschieden dazu beigetragen, dass dieses Land gespalten wurde, vergiftet wurde". Die Feststellung, dass hässliche Dreiviertelwahrheiten in noch hässlichere Politik münden, wurde ebenfalls mit Murren und Buhrufen aufgenommen.

Da hatte es Sarrazin auf seinem heißen Stuhl auf einmal ganz kommod. Gegrillt wurde seine muslimische Kontrahentin - vom Publikum.

Der geübte Moderator reagierte darauf nicht. Mit keiner Silbe, keiner Geste. Man darf also annehmen, dass mangelnder Anstand zum Konzept der Sendung gehört. Ein Krawall, mit dem neben der Quote neuerdings auch Politik gemacht werden kann. Und so klang wie eine Drohung, was Hallaschka zur Verabschiedung sagte: "Wenn Deutschland wieder streitet, sind wir zugegen."



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