Zum "Tatortreiniger"-Abschied Der Wisch-und-weg-Philosoph

Fußball mit dem Tod, blitzende Dialoge zwischen blubbernden Blutblasen: Mit vier neuen Folgen verabschiedet sich Bjarne Mädel vom "Tatortreiniger". Eine Würdigung zum Finale furioso.

NDR/ Thorsten Jander

Erst vor einer Woche hatte der NDR zur Preview in ein Hamburger Kino geladen, um "die Crème de la Crème des norddeutschen Humors" (Intendant Lutz Marmor) zu präsentieren. Gezeigt wurden je eine neue Folge der Serien "Neues aus Büttenwarder", "Der Tatortreiniger" und "Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres". Die drei Formate, so Marmor, seien "das allerbeste Plädoyer dafür, dass Unterhaltung zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehört".

Kein Wort darüber, dass ausgerechnet "Der Tatortreiniger", die innovativste und am höchsten dekorierte Serie des Dreierpacks, mit den kommenden vier neuen Folgen endet. Dies gab der Sender heute bekannt.

Wie schmerzlich der Verlust ist, wurde indes schon in der Kino-Preview deutlich: Während "Neues aus Büttenwarder" betulich-volkstümliche Typen-Komik für die Ü-60-Zielgruppe bietet, kommt die Friseur-Comedy "Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres" etwas jünger und frecher daher. Doch wie der ach so lustige Grammatikfehler im Titel ahnen lässt, wird hier weniger mit den Protagonisten gelacht als über sie.

Es geht nicht um den nächsten lauten Lacher

Wie ungleich reicher ist doch da der "Tatortreiniger"-Kosmos! Geradezu beispielhaft führen die neuen Episoden, wie immer inszeniert von Arne Feldhusen ( "Stromberg" , "Deutschland 86") nach Drehbüchern von Mizzi Meyer, noch einmal vor, was dieses zum Kult gereifte Nischenformat von Beginn an ausgezeichnet hat: dass es eben nicht zwingend um den nächsten lauten Lacher geht, sondern dass die Stimmung auch mal hintersinnig, melancholisch oder makaber sein kann. Oder alles zugleich.

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Comedy-Highlight: Bye-bye Schotty!

In der Auftaktfolge zur letzten Staffel, "Currywurst", muss Heiko "Schotty" Schotte (Bjarne Mädel), der unverwüstliche Wisch-und-weg-Philosoph, zum Beispiel in einer Galerie die letzten Spuren eines verkannten Malers beseitigen. Im Dialog mit der Kuratorin (Pia Hierzegger) gewinnt er Einsichten in die Verlogenheit des kommerziellen Kunstbetriebs, wie sie Banksys jüngste Schredder-Aktion auch nicht plastischer vermittelt.

In der Episode "Der Kopf" soll Schotty nebenbei auf einen Wachkomapatienten (Thomas Niehaus) aufpassen. Als der Putzmann ausrutscht und stürzt, landet er im Gehirn des Bewegungsunfähigen und findet sich unversehens in einem Fußballspiel gegen den Tod wieder. Mit "surreal" ist diese Folge noch zurückhaltend beschrieben - Schenkelklopf-Kalauer gehen anders.

Besuch von Olli Schulz

Dass die Macher auch völlig losgelösten Nonsens können, zeigt wiederum "Rebellen": Da rückt der Tatort - eine überdimensionale, vor sich hin blubbernde Blutblase - völlig in den Hintergrund. Schotty bekommt bei der Arbeit Besuch von zwei alten Freunden (Olli Schulz, Jan Georg Schütte) und verliert sich mit ihnen in einem absurd funkelnden Diskurs über die Bedeutung von Filzgleitern, also vermeintlich belanglosen Kratzschutz-Applikationen unter Sitzmöbeln.

Das Finale trägt den schlichten Titel "Einunddreißig" - eben diese Folgenzahl haben Feldhusen, Mädel und Meyer, die kreative Keimzelle des Formats, seit 2011 realisiert. Dass es überhaupt so viele werden konnten, war zu Beginn nicht abzusehen: Zunächst ohne Promotion im Nachtprogramm versendet, dann schleppend fortgesetzt, benötigte "Der Tatortreiniger" die Gefolgschaft einer treuen Fangemeinde und diverse Auszeichnungen (u. a. Grimme-Preise 2012 und 2013), bis auch der NDR erkannte, welches Kleinod ihm da zugewachsen war.

Das Ende ist dem Sender allerdings nicht anzulasten: Es war die Autorin Mizzi Meyer alias Ingrid Lausund, die beschloss, an dieser Stelle aufzuhören. Und so bedauerlich das für die Zuschauer und die Programmvielfalt des NDR auch ist, so sehr gilt es, ihre Entscheidung zu respektieren, sich den Mechanismen der endlosen Ausbeutung eines Stoffes zu widersetzen (zum Vergleich: "Neues aus Büttenwarder" läuft seit 1997).

Fürs Finale furioso hat sie sich noch mal ein ganz spezielles Setting ausgedacht: In einem unheimlichen Bürogebäude trifft Schotty bei unklarer Auftragslage auf zahlreiche Weggefährten aus früheren Fällen (u. a. Jule Böwe, Florian Lukas, Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Olli Dittrich). Aber kennen sie ihn überhaupt noch? Und wo ist er hier eigentlich gelandet? Schließlich saust er in einem Fahrstuhl in die Tiefe, immer weiter, immer weiter. Schotty, wir werden dich vermissen!


"Der Tatortreiniger": je zwei neue Folgen am 18. und 19.12., jeweils ab 22.00 Uhr, NDR. Ein Best-of mit 13 Episoden aus den vergangenen Jahren startet am 13.12. um 22.30 Uhr; eine lange "Tatortreiniger"-Nacht gibt es am 15.12. ab 23.10 Uhr.

insgesamt 13 Beiträge
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jens109 11.12.2018
1. Ich mochte ihn
aber kann auch gut verstehen warum jetzt aufgehört wird. Eine mutige Entscheidung. Am schönsten war für mich die Folge mit dem "Nazimuseum". Vielleicht kommt er ja nach einer Pause doch noch mal wieder?
bicyclerepairmen 11.12.2018
2. Schade...
...was ich allerdings immer sehr nervig fand war das allgemeine hochjazzen dieser Kleinkunstperle seitens aller Beteiligten beim gleichzeitigem Verbleib auf derart grottigsten Sendeterminen.
hektor2 11.12.2018
3. Waaa?
Schotty, was ist da los? - Du kannst nicht kündigen, wenn wir Dich am dringendsten brauchen! Tu das nich'!
3daniel 11.12.2018
4. Mund zu Mund Propaganda
Natürlich habe ich erst über einen Freund Tatortreiniger kennengelernt. Die Folge mit den Nazis empfand ich allerdings schon fast als Körperverletzung, bin vor Lachem vom Sofa gefallen. Björne Mädel ist einfach der BESTE. Ich werde die Serie vermissen, mir einen Komplettpack zulegen wenn er erhältlich ist und alle Folgen nochmal durchgucken.
pfeiffffer 11.12.2018
5. Schade drum
Und ja, der Sendeplatz ist/war besch....eiden. Aber immer, wenn ich Schotty mal sehen konnte, habe ich mich köstlich amüsiert :)
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