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Deutscher Comedypreis 2010: Wie man Satire verkatzenbergert

Von Reinhard Mohr

Früher hießen Comedians noch Kabarettisten, hätten sich Sarrazin oder Stuttgart 21 vorgeknöpft. Heute muss man bei Veranstaltungen wie dem von RTL ausgestrahlten Comedypreis 2010 noch dankbar sein, wenn wenigstens die Branche - ein bisschen - durch den Kakao gezogen wird.

Deutscher Comedypreis 2010: "You took my Schlüpper away!" Fotos
DPA

Der Aufschwung ist da, die Wirtschaft brummt, die Löhne steigen - jetzt darf auch wieder gelacht werden, ganz ohne Reue und Systemkritik. So präsentierte sich am späten Freitagabend bei RTL auch der Humorstandort Deutschland in bester Feierlaune.

Eine Woche nach der fast industriellen Massenabfertigung der deutschen Fernsehpreise hatte man allerdings das Gefühl, dass auch die Preise in Kategorien wie "Beste Comedyserie", "Beste Komikerin" und "Bestes Comedy-Event" unter den immergleichen fünf bis sieben Darstellern ausgemacht werden.

Annette Frier, Cindy aus Marzahn, Johann König und Olaf Schubert schienen, jedenfalls gefühlt, beinah ununterbrochen auf der Bühne zu stehen, das eine Mal als Preisträger, das andere Mal als Laudator. Dazwischen sah man ihre Gesichter noch bei den verschiedensten Nominierungen und als Teil des Publikums nach dem Motto: Und ewig grüßt die Cindy aus Marzahn, der sprechende Fleischklops aus Ost-Berlin.

Immerhin sorgte Moderator Dieter Nuhr, auch er später Preisträger als "Bester Komiker", dafür, dass ein unabdingbares Mindestniveau der Veranstaltung gehalten werden konnte, die am Donnerstag im Kölner Coloneum aufgezeichnet worden war.

Wie peinlich war das denn!?

Mit einem Glanzstück aber begann der Abend: Es war der Auftritt von Daniela Katzenberger, der Karikatur einer Karikatur einer Karikatur. Ausgerechnet das blonde "Bild"-Busenwunder mit einem äußerst diskussionswürdigen Intelligenzquotienten übergab den ersten Preis für den besten Schauspieler an Christoph Maria Herbst ("Stromberg"). Das hatte der Mann, der seit Jahren mit herausragenden Leistungen glänzt, nicht verdient. So glaubte man.

Selbst hartgesottene Comedy-Kollegen im Saal mussten sich zusammenreißen, um ihre Mimik nicht vollends entgleisen zu lassen. Wie peinlich war das denn?!

"You took my Schlüpper away!", sang das pfälzische Gesamtkunstwerk, die Dolly Buster aus Ludwigshafen, und war damit noch lange nicht am Ende: "Trage nie einen Tanga, wenn du schwitzt. Dann läuft er ein und sitzt im Arsch." Minutenlang perlte derart das rasende Geschwätz der 25-jährigen Berufsblondine aus dem Raum zwischen den aufgespritzten Lippen, und erst allmählich, gegen Ende des Auftritts, wurde klar: Die Dame hieß gar nicht Katzenberger, sondern Hill, Martina Hill, Ensemblemitglied bei "Switch Reloaded", inzwischen auch Akteurin der "heute-show" im ZDF. Kompliment, Chapeau!

Die Satire dürfte alles, aber sie will gar nicht mehr

Auch Kaya Yanar ließ sich bei der Übergabe des Preises für die "Beste Sketchcomedy" an Anke Engelke ("Ladykracher") vom inszenierten Pennälerniveau anstecken. Immerhin war sein Bekenntnis "Ich hab mich sogar in einige Frauen bei Euch integriert" eine der ganz wenigen Anspielungen auf jene große Diskussion, die seit Monaten in Deutschland geführt wird.

In alten Zeiten, als Comedy noch Kabarett hieß, hätte die flächendeckende Islam- und Integrationsdebatte noch zu heißem Funkenflug auf dem Brettl der Nation geführt.

Heute spürt man kaum einen Hauch all der politischen Auseinandersetzungen zwischen Sarrazin und Stuttgart 21.

Die Satire dürfte zwar (beinah) alles, aber sie will gar nicht mehr. Ihr genügt weithin ein programmatisches Kraft durch Freude, eine humoristische Ertüchtigung der deutschen Lachkultur, die unpolitischer ist als jede schwäbische Hausfrau.

Gewiss trägt dazu die Televisionierung der Satire bei: Wer im Fernsehen, vor allem bei den kommerziellen Sendern, nur oft genug präsent ist, ob in Comedyserien oder Sketchparaden - Paradebeispiel Annette Frier, die gleich zwei Preise abräumt - auf den rollt die Preislawine irgendwann wie von selbst zu. Ausnahmekönnerinnen wie die bayerische Kabarettistin Monika Gruber, nominiert in der Kategorie "Beste Komikerin", haben da schon strukturell nur Außenseiterchancen.

Weg vom Fernsehen - "Ich hab's überlebt"

Immerhin gab es ein paar weitere Lichtblicke, die zeigen: Es ist immer wieder gutes Hand-, pardon, Sprechwerk, das große Kleinkunst hervorbringt. Max Giermann etwa, ebenfalls Mitglied der Combo von "Switch Reloaded" (ProSieben), machte aus seiner Preisübergabe in der Kategorie "Beste TV-Komödie" eine hinreißende Parodie der inzwischen mit Kultstatus versehenen Wettkampfsendung "Schlag den Raab!". Am Ende seiner wunderbaren Vorstellung lag er mit blutverschmiertem Gesicht am Boden, und der Saal lachte.

Harald Schmidt weiß genau, warum er Giermann 2011 in seine neue Show bei Sat.1 holt.

Zu einem letzten Höhepunkt wurde Bastian Pastewkas Laudatio auf Herbert Feuerstein, den Groß- und Altmeister einer Nonsens-Kultur, die sich, in grauer Vorzeit, noch nicht brav an die Vorgaben des quotenkompatiblen TV-Entertainments gehalten hat.

Der 73-jährige Feuerstein, der in den neunziger Jahren zusammen mit Harald Schmidt Maßstäbe gesetzt hat, bedankte sich artig und hatte noch einen sachdienlichen Hinweis an seine jüngeren Kolleginnen und Kollegen im Publikum parat. Seit Jahren sei er "weg vom Fernsehen", und o Wunder: "Ich hab's überlebt."

Das konnten die Fernsehzuschauer nach der zweieinhalbstündigen Sendung kurz vor Mitternacht auch sagen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
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1. OhGottohGott....................
lemming51 16.10.2010
Ich habe mir diese Preisverleihung eine satte Viertelstunde angeschaut..............! Dass Dieter Nuhr sich für sowas zur Verfügung stellt......!!
2. Ja
Tanja Krienen 16.10.2010
Es gibt wirklich dummme und oberflächliche Comedians, aber bisweilen kommt die harte Satire, die oft in der fast 1:1 Darstellung der "Realität" besteht, letztlich krtischer daher, als die rein politische Betrachtung. Die nämlich macht es uns einfach. "Die da oben" seien schuld, "wir" aber nicht. Nein, alles ist dumm, oder wie HD Hüsch es schon einst sagte: Alles ist komisch auch anatomisch und ökonomisch".
3. ja leider traurig, aber wahr!
hans a. plast 16.10.2010
Zitat von lemming51Ich habe mir diese Preisverleihung eine satte Viertelstunde angeschaut..............! Dass Dieter Nuhr sich für sowas zur Verfügung stellt......!!
habe mich schon nach ein paar Minuten verabschiedet, Cindy aus Marzahn,.........etc. aber wenigstens gibts ja bald wieder Neues aus der Anstalt!! Viel Spass!
4. nicht verstanden?
SkyNet_SO 16.10.2010
Kann es sein, dass SPON es nicht so ganz verstanden hat? Das war nicht die echte Daniela Katzenberger, die da den Preis vergeben hat, sondern eine Darstellerin aus Switch (Name weiß ich gerade nicht), die die Rolle "der Katzenberger" parodiert hat. Die Parodie war aber scheinbar recht glaubwürdig... :) Nur zur Info: es war auch übrigens nicht der echt "Lodda" als Laudator.... :D
5. Lebt er auf dem Mond?
rosarinimara 16.10.2010
Wenn man auf ein Lady Gaga Konzert geht beschwert man sich hinterher auch nicht, dass die Musik nur laut und nicht anspruchsvoll und tief war. Was stellt er sich so doof. Kann ja nicht sein dass er keine Kabarettisten kennt.
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