Deutscher Fernsehpreis Selbstkritik mit Volksmusik

Reich-Ranickis Schatten lag über der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2009. Nach der Fundamentalkritik des Literaturpapstes im vergangenen Jahr bemühte sich die TV-Branche bei ihrer Jubelgala um Qualität. Das gelang erstaunlich gut - auch dank eines frechen Moderatorenpärchens.

dpa

Von Peter Luley


Ob Marcel Reich-Ranicki die diesjährige Verleihung des Deutschen Fernsehpreises besser gefallen hätte als die im vergangenen Jahr, auf der er wutschnaubend den Ehrenpreis abgelehnt hatte? Eher nicht. Zu schrill und krawallig wäre dem greisen Literaturpapst wohl auch die jüngste Vergabe des von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gestifteten Plexiglas-Obelisken gewesen, die am Samstagabend turnusgemäß von Sat.1 präsentiert wurde.

Dabei war die von ihm mehr oder weniger versehentlich ausgelöste Debatte über die Qualität des deutschen Fernsehens im Kölner Coloneum allgegenwärtig - nicht nur, weil sie gerade durch den Drehbuch-Skandal um die gekündigte NDR-Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze neue Nahrung erhalten hat. Mit Anke Engelke und Bastian Pastewka hatten sich zwei Conférenciers gefunden, die sich mit Lust auf die TV-Krise stürzten.

In ihren bereits mit dem Grimme-Preis gekrönten Inkarnationen als Volksmusikanten Wolfgang und Anneliese (erstmals dargeboten 2007 in der Satire-Show "Fröhliche Weihnachten") führten die beiden durch den Abend - im Zeitalter der realen Kunstfiguren von Brüno bis Horst Schlämmer schon für sich genommen ein treffender Kommentar.

Nach einem Einspieler mit Prominenten-Lobhudeleien und Bildern von einer Fake-Pressekonferenz begannen sie mit einem krachledernen Gesangs-Medley, das mit Spitzen gegen die eigene Branche nicht geizte. In zu Polka-Rhythmus vorgetragenen Schüttelreimen und mit bayerisch gerolltem "r" beschrieben sie die Programm-Realität so derbe wie zutreffend: "ProSiebens Giulia Siegel, die sucht 'nen neuen Schniedel"; "Zwischen allen Sendern, da sehen wir sie schlendern/ Pilawa, Pocher, Kerner, für Geld tun sie's noch gerner"; "Die Doris Heinze schreibt so schön/beim NDR mit Pseudonym".

Lispelnder Gottschalk

Aber auch in der ersten Preisvergabe steckte noch viel Reich-Ranicki: Die Ehrung von Thomas Gottschalk für die beste Moderation einer Unterhaltungssendung bezog sich zwar formal auf "Wetten, dass…?". Tatsächlich aber war sie natürlich vor dem Hintergrund seiner Rettungstat als Moderator der letztjährigen Veranstaltung zu sehen, als er den randalierenden Großkritiker virtuos wieder eingefangen hatte. Niemand wusste das besser als Gottschalk selbst, der sich denn auch im lispelnden MRR-Idiom bedankte: "Dieser Preis wird eine Katastrophe für mich, aber hätte ich ihn nicht bekommen, wäre die Katastrophe noch größer." Weil er dankenswerterweise darauf verzichtete, seine gesamte Rede auf diese Weise zu halten, und auch weil seine Auszeichnung die Prämierung des Brachialkomikers Mario Barth verhinderte, erschien dieser Auftakt in mildem Licht.

Ohnehin hatte die Jury (der neben der Vorsitzenden Bettina Böttinger unter anderem der Springer-"Public Affairs"-Geschäftsführer Christoph Keese und die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel angehörten) einige Entscheidungen getroffen, die dem Rest-Renommee des Branchen-Preises durchaus zuträglich waren, nachdem etliche Nominierungen Fragen aufgeworfen hatten.

Unstrittig etwa die Trophäe für "Mogadischu" als besten Fernsehfilm - dass Roland Suso Richters ARD-Inszenierung der "Landshut"-Entführung von 1977 bereits den Bayerischen Fernsehpreis und die Goldene Kamera gewonnen hat, spricht eher für ihre Ausnahmestellung in diesem Jahrgang. In Ordnung auch, dass die erstmals ausgelobte Kategorie Bester Mehrteiler an das Sat-1-Melodram "Wir sind das Volk" ging; Die ZDF-Nachkriegs-Saga "Die Wölfe" durfte sich mit einem Förderpreis für das junge Schauspieler-Ensemble sowie den Preisen für Ausstattung und Schnitt trösten. Und immerhin kam nicht die länglich-lächerliche Hausfrauen-Mafiastory "Die Patin" (RTL) mit Veronica Ferres zum Zuge. Ebenfalls erfreulich: die Auszeichnung des Lutz-Hachmeister-Werks "Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend" (ARD) anstelle der ZDF-Dröhn-Doku "Die Deutschen".

Eine nette Geste war auch die Krönung der quotenmäßig gescheiterten RTL-"TV Helden" Jan Böhmermann, Caroline Korneli und Pierre M. Krause - nicht nur, weil das Satire-Team derzeit erfolgreich die "Harald Schmidt"-Show aufmischt, sondern auch, weil es den seit langem ums Fernsehen verdienten Friedrich Küppersbusch als Produzenten mit auf die Bühne brachte. Der Film "Ein halbes Leben" (ZDF/ORF) wurde für die beste Regie (Nikolaus Leytner ) genauso ausgezeichnet wie für den besten Schauspieler (der österreichische Kabarettist Josef Hader, der Matthias Schweighöfer als Reich-Ranicki in dem ARD-Biopic "Mein Leben" ausstach). Den österreichischen Triumph komplettierte Senta Berger als beste Hauptdarstellerin (für "Schlaflos").

Zweifelhaft war allenfalls die Würdigung der RTL-Pauker-Comedy "Der Lehrer" als beste Serie - doch in dieser Kategorie war die Not besonders groß: Als Konkurrenz waren lediglich die Kampfsport-Klamotte "Lasko" und die bayerische ARD-Komödie "Franzi" nominiert. Die Prämierung der Reportage "Die Bombe" von ZDF-Zampano Claus Kleber war genauso wenig zwingend wie die Belobigung der Leichtathletik-WM-Berichterstattung im ZDF und des "ZDF-Wahlforums" - zwischenzeitlich gab es eben doch ziemlich viele Kompromisse zugunsten des Zweiten, die mit herausragender TV-Qualität eher weniger zu tun hatten.

Mit insgesamt zehn Preisen geht das ZDF ohnehin als Gewinner aus der diesjährigen Show hervor. Die ARD bekam acht Fernsehpreise, drei bekam Sat.1, zwei RTL.

"Eigentlich muss ich pullern"

Immerhin steuerte Kleber noch eine leidenschaftliche Dankesrede bei. Mit erregtem Timbre hielt der Nachrichtenmann ein Plädoyer für den streitbaren, von Polit-Rankünen bedrohten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (der werde bleiben, "wenn das Gute gewinnt"). Ähnlich systemerhaltendes Engagement legte Produzent Nico Hofmann an den Tag, der für mehr Solidarität in der Branche warb.

Erfrischend frech dagegen der Heinze-Seitenhieb der Drehbuchautorin Silke Zertz ("Wir sind das Volk", "Woche für Woche"), die ihren Preis mit den Worten "Mich gibt's wirklich" entgegennahm. Eine weniger glückliche Vorlage lieferte die an sich grundsympathische Nachwuchs-Aktrice Anna Fischer (beste Nebendarstellerin für "Die Rebellin" und "Wir sind das Volk"): Ihr Dankessatz "Eigentlich muss ich pullern" wurde in der Folge gleich zweimal aufgegriffen.

Trotz der beherzten Gastgeber, die auch noch ein ketzerisches Potpourri von Filmausschnitten beitrugen, und Jan Delay als nicht minder subversivem Live-Act ("Geh los und verkauf Crack, Mann/ Quäl Tiere und schau Beckmann") hatte die Show natürlich wie immer ihre Längen. Vor dem Fernseher war sie mit sechs ausgedehnten Werbeunterbrechungen ohnehin schwer genießbar; die Einblendung des Wortes "Live" musste als Farce erscheinen. Da die Preise für Ausstattung, Kamera, Schnitt und Musik dem TV-Zuschauer nur verknappt per Off-Kommentar mitgeteilt wurden, konnte man leicht verpassen, dass ausgerechnet das jüngste Doris-Heinze-Werk "Die Freundin der Tochter" für die beste Musik prämiert wurde.

Um etwa 23.15 Uhr - zumindest für den TV-Zuschauer - verkündete Anke Engelke alias Anneliese dann anspielungsreich ihre Freude darüber, "dass der Ehrenpreisträger noch da ist", und die ewige "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer bescheinigte Alfred Biolek in einer etwas holprigen Laudatio "eine undeutsche Mischung aus Seriosität und Ausgeflipptheit". "Verehrter Marcel Reich-Ranicki, ich bitte um Verständnis - ich nehme diesen Preis an", verkündete daraufhin der 75-jährige TV-Veteran. "Ich stehe zu diesem Medium." Versöhnliche Worte zum Ende eines durchaus kratzbürstigen Abends. Schon jetzt ist indes eines klar: Engelke und Pastewka müssen als heißeste Anwärter auf einen Fernsehpreis im nächsten Jahr gehandelt werden.

Fraglich ist allerdings, ob die Show dann noch viele Zuschauer haben wird: Die Fernsehpreis-Verleihung stieß beim TV-Publikum auf äußerst wenig Resonanz. Lediglich 1,34 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 5,2 Prozent) schalteten ab 20.15 Uhr ein. Die höchste Quote hatte parallel die ZDF-Show "Willkommen bei Carmen Nebel" mit 4,55 Millionen Zuschauern (17,3 Prozent) vor Frank Elstners ARD-Sendung "Verstehen Sie Spaß?" mit 4,49 Millionen (16,4 Prozent) und der RTL-Show "Die 25 schrägsten Dokusoap-Helden" mit 2,37 Millionen (8,6 Prozent). Stefans Raabs "TV total Bundestagswahl" erreichte auf ProSieben 2,20 Millionen (8,2 Prozent).

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