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Agenten-Serie "Deutschland 83": "Gute Menschen tun böse Dinge"

Ein Interview von

"Deutschland 83": Horizontales Erzählen in Deutschland Fotos
SundanceTV/ RTL

Die RTL-Produktion "Deutschland 83" wird schon jetzt als beste deutsche Serie überhaupt gefeiert - geschrieben wurde sie von der Amerikanerin Anna Winger. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Produktionssystemen.

Zur Person
  • Getty Images
    Anna Winger, 45, ist eine amerikanische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Journalistin. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann in Berlin. Winger arbeitet für das amerikanische National Public Radio und die "New York Times". 2008 erschien mit "This Must Be the Place" ihr Roman-Debüt. Das Drehbuch für "Deutschland 83" schrieb sie zusammen mit ihrem Mann Jörg, der die Serie auch produzierte.
SPIEGEL ONLINE: "Deutschland 83"? erzählt ein deutsch-deutsches Spionagedrama. Woher stammt die Idee?

Winger: Mein Mann hat seinen Militärdienst in den Achtzigerjahren in der Eifel geleistet, als Funker. Er hörte auch die russischen Truppen ab, die in der DDR stationiert waren. Manchmal haben die Russen ihn namentlich gegrüßt - sie wussten also, dass er zuhört. Es gab anscheinend einen Maulwurf in seiner Truppe, aber er hat nie herausgefunden, wer das war. Wir sollten die Geschichte aus Sicht dieses Maulwurfs erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso hatte die Serie umgehend Erfolg im Ausland, allen voran den USA, wo sie der Sundance Channel bereits im Sommer zeigte?

Winger: Ich glaube, dass Nischen das neue globale Ding sind: Ein spannender Plot in einer spezifischen Welt, der von den Figuren vorangetrieben wird, hat eine universale Bedeutung. Anders herum sind Geschichten, die versuchen, alles und jeden gleichzeitig zu erreichen, leicht etwas verwaschen. Je spezieller, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Worin unterschiedet sich die Serie von den meisten deutschen Serien - strukturell und dramaturgisch, aber auch in der Produktion?

Winger: Das Arbeiten in Deutschland hat einen Vorteil: Man ist in viel kleineren, intimeren Konstellationen unterwegs. Bei "Deutschland 83" haben nur ungefähr eine Handvoll Menschen Entscheidungen getroffen. Bei internationalen Koproduktionen und einigen US-Produktionen haben viel mehr Menschen Mitspracherecht, und viele Köche verderben eben manchmal auch den Brei. Auf einen kreativen Konsens zu kommen, kann so schwieriger werden. Ansonsten: Fernsehserien werden in Deutschland einfach noch nicht so stark entwickelt. Horizontal erzählte Serien wie "Deutschland 83" sind eine langwierige Angelegenheit - das müssen also Autoren entwickeln. Und die deutschen Autoren sind immer noch unterbezahlt und stehen in der Wertehierarchie viel zu weit unten.

SPIEGEL ONLINE: War es leicht, eine deutsche Produktionsfirma und den deutschen Sender von Ihrer Idee zu überzeugen?

Winger: Ich hatte aus meiner Idee mit meinem Mann einen Pitch entwickelt, mit dem er bei der UFA und bei RTL vorsprach. Die waren zwar direkt begeistert, hatten aber ein bisschen Sorge, weil ich als amerikanische Autorin eben auf Englisch schreibe. Das Drehbuch zum Piloten schrieb ich darum noch ohne Vertrag - als sie das gelesen hatten, trauten sie mir auch den Rest zu.

Agenten-Serie "Deutschland 83"
SPIEGEL ONLINE: Können Sie etwas mehr zu den Unterschieden in der Arbeit von deutschen und amerikanischen Drehbuchautoren und -autorinnen sagen?

Winger: In den USA und Dänemark werden Fernsehserien von Autor-Produzenten gemacht, die jeden Aspekt der Produktion bestimmen - von der Story über Kostüme bis zur Musik. Junge Autoren lernen ihr Handwerk, indem sie zuerst nur Episoden schreiben, dann Showrunner sind und am Ende eigene Serien kreieren. Diese Aufstiegsmöglichkeiten gibt es so in Deutschland nicht: Jede Produktionsstufe wird separat gehalten, die Autoren schreiben, die Regisseure inszenieren und die nicht-schreibenden Produzenten haben normalerweise den Hut auf. Mit ein paar Ausnahmen von TV-Autoren, die auch inszenieren, haben die meisten so gut wie keine Mitspracherechte daran, wie ihre Ideen ausgeführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Und wann ändert sich die Rolle der Autoren in Deutschland?

Winger: Ich glaube, Produktionsfirmen merken langsam, dass man die Art und Weise ändern muss, wie Fernsehserien gemacht werden. Die UFA hat mich jedenfalls sehr unterstützt. Aber vor allem muss der Wandel von den Sendern mitgetragen werden: Dänemarks öffentlich-rechtlicher Sender DR hat vorgemacht, dass das Showrunner-Modell auch in Europa hervorragende Serien hervorbringt.

SPIEGEL ONLINE: Haben horizontal erzählte Serien im deutschen Rundfunksystem mit seinen festen Sendezeiten überhaupt eine Chance - wenn das Publikum seine Lieblingsprogramme ohnehin längst streamt?

Winger: Das stimmt, der durchschnittliche deutsche Fernsehzuschauer hat sich noch nicht an das horizontale Erzählen gewöhnt. Andererseits ist eine Serie wie "Club der Roten Bänder" bei Vox enorm erfolgreich und hat unglaubliche Quoten. Also: Es ist möglich!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben alle Figuren in "Deutschland 83" ambivalent konzipiert, dazu noch mit Maria Schraders Charakter eine "böse" Frauenfigur geschaffen - immer noch ungewöhnlich im deutschen Fernsehen...

Winger: In unserer Show ist niemand "böse". Sondern gute Menschen tun böse Dinge, weil sie denken, sie hätten einen guten Grund dafür. Sie sind also nicht wirklich ambivalent - aber sie stehen definitiv auf verlorenem Posten.


"Deutschland 83", ab Donnerstag, 20.15, RTL

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Na ja, Maulwurf
bcpmoon1 25.11.2015
Ich habe auch in den 80ern die Russen und die Grenztruppen abgehört (nicht aus der Eifel, aus Niedersachsen) und auch bei uns hat man die Storys von den namentlichen Grüssen gehört. Habe ich zwar nicht live erlebt, aber zumindest die Grüsse "an unsere Kollegen in Rotenburg" habe ich bekommen. Ich fand das eigentlich ganz gut, wenn das Gegenüber weiss, was man so treibt. Als vertrauensbildende Massnahme.
2. Na ja
Grammatikfreund 25.11.2015
Ich war in den USA, als die Serie dort lief, habe zwei, drei Folgen gesehen und kann die Begeisterung überhaupt nicht nachvollziehen. Aber ich fand auch "Im Angesicht des Verbrechens" stinklangweilig, obwohl sich die Kritiker damals schier überschlagen haben.
3. ...
Newspeak 25.11.2015
Man darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß das gebühren- bzw. werbefinanzierte deutsche Fernsehen es immer wieder hervorragend schafft, grandiose Serien zu versenken, weil man sie in der falschen Reihenfolge zeigt, kürzt, mittendrin abbricht oder vor allem gerne auf wechselnden Programmschienen gerne auch spätnachts "versendet". Solange sich an dieser Form der "Wertschätzung" nichts ändert, wird sich auch am Rest des Fernsehens nichts ändern. In Deutschland machen mittelmäßige Manager mittelmäßiges Programm für mittelmäßige Zuschauer.
4.
Sleeper_in_Metropolis 25.11.2015
---Zitat--- Die RTL-Produktion "Deutschland 83" wird schon jetzt als beste deutsche Serie überhaupt gefeiert ---Zitatende--- Gefeiert von wem ? Also "RTL-Produktion" und "beste deutsche Serie" widerspricht sich doch schon Prinzipbedingt. Des weiteren kann es eigentlich nur Journalistischer Größenwahn sein, wenn man eine aktuelle Serie des deutschen Privatfernsehens mal eben so als "beste deutsche Serie überhaupt" bezeichnet. Das deutsche Fernsehen insgesamt hat seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bestimmt schon einiges produziert, was besser ist. Sag' ich jetzt mal einfach so, ohne die besagte Serie überhaupt gesehen zu haben.
5. Nett gemeint ...
prinzparadox 25.11.2015
... der kleine Abgesang auf das deutsche Fernsehen. Wer aktuelle Qualitätsserien wie True Detective, Fargo oder meinetwegen auch Homeland kennt, wird wissen wie groß die Kluft ist zwischen jenen, die es verstehen, interessante Geschichten zu erzählen, und jenen, die dank Gebührenzwangsfinanzierung in ihrer eigenen Scheinwelt leben und die sich jedes Jahr bei der Bambi-Verleihung selbst abfeiern. Daran wird sich auch nichts ändern, nur weil die Autorin einen amerikanischen Hintergrund hat.
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