Spionageserie "Deutschland 86" Der Prolet trägt Poppertolle

Beischlaf mit dem Klassenfeind, Beistand für Rassisten: Die Serie "Deutschland 86" treibt das Ideologiechaos der späten DDR auf die Spitze - jetzt nicht mehr bei RTL, sondern bei Amazon.

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Bei der Spionage zählt Flexibilität, auch wenn Gefühle involviert sind. Lenora Rauch (Maria Schrader) ist eine gute Spionin, die Mitarbeiterin des DDR-Auslandsnachrichtendienstes Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) organisiert sich emotional und sexuell, wie es ihr aktueller Auftrag in Südafrika erfordert: Sie unterhält eine romantische Beziehung mit einer Anti-Apartheid-Aktivistin (Florence Kasumba), aber wenn es die Arbeitsumstände zulassen oder erfordern, geht sie auch mal mit einem rassistischen weißen Arschloch ins Bett, der seinen Hund auf Schwarze abgerichtet hat. Der Zweck heiligt die Lust.

Ihr Neffe Martin (Jonas Nay), ebenfalls bei der HVA involviert, legt in Kapstadt eine ähnliche Wendigkeit an den Tag. Der Kämpfer für das Proletariat trägt zur Tarnung Poppertolle und Pullunder. Um an wichtige Informationen zu kommen, beginnt er auf dem Tennisplatz eine Affäre mit einer westdeutschen Unternehmerfrau, die sich als Agentin des westdeutschen BND entpuppt. Nach der Ekstase droht die Eliminierung.

Bröckelnde Ideologien, geöffnete sexuelle Identitäten: Die Serie "Deutschland 86" verdichtet den Wettstreit von Ost und West kurz vor Ende des Kalten Krieges bis in intimste Kampfzonen. Das war schon so in der ersten Staffel "Deutschland 83", die von Spionage und Gegenspionage an der deutsch-deutschen Grenze erzählte, und das wird nun in der Fortsetzung "Deutschland 86", die Unterdrückung und Widerstand in Afrika thematisiert, auf die Spitze getrieben.

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Lenora und Martin befinden sich am Kap, um zweifelhafte Geschäfte einzufädeln. Sie sollen Waffen an die South African Defence Force verkaufen, die Armee des weißen Apartheid-Regimes, die gegen die schwarzen Befreiungsbewegungen auf dem ganzen Kontinent vorgeht. Es werden also heimlich die Feinde sozialistischer Bruderstaaten beliefert; dass die Rüstungsprodukte aus westdeutscher Fabrikation stammen, macht die Sache noch fragwürdiger.

Harte Devisen, weiche Ideale

Da tränen den Funktionären in Ost-Berlin natürlich die Augen. Aber nur ein bisschen. Denn die DDR steht 1986 kurz vor der Pleite, für harte Devisen weicht man gerne ein paar sozialistische Ideale auf. Eine Sonderkommission (Sylvester Groth, Anke Engelke und Uwe Preuss als tragikomischer Apparatschik-Haufen) entwickelt in den letzten Tagen des Realen Sozialismus bemerkenswerten Geschäftssinn.

Man übernimmt zum Beispiel drei Millionen Kubikmeter Abfall aus Westdeutschland und kassiert dafür eine Milliarde D-Mark Entsorgungsgebühren. Einwand eines Genossen: "Wir schaufeln den Westmüll zu uns, um unsere Konten auszugleichen? Ist das nicht unter unserer Würde?" Dialektische Antwort im Sinne des Sozialismus: "Warum sollten wir nicht vom exzessiven Konsum des Westens profitieren?"

Eine weitere Idee, wie West-Luxus und Ost-Nöte positiv zusammengehen können: Es soll das alte ZDF-"Traumschiff" erworben werden, um Kreuzfahrten für verdiente Arbeiter in Partnerstaaten zu ermöglichen, "natürlich ohne Landgang." Im Schiffsbauch, so der Plan, sollen westdeutsche Waffen trotz UN-Embargos nach Südafrika geschmuggelt werden.

Ein Reigen durch die Systeme

Das damalige ZDF-"Traumschiff" wurde 1985 tatsächlich von der DDR erworben, und ostdeutsche Devisenbeschaffer waren auch an Geschäften mit westdeutschen Waffen mit Südafrika beteiligt. So weit die Fakten. Die "Deutschland 86"-Showrunner Anna und Jörg Winger weben diese nun in einen Plot, der solche Widersprüche fiktional, lustvoll und sarkastisch auf die Spitze treibt und in die Figuren einschreibt. Ein zuweilen grausam komischer Reigen durch die Systeme.

Die Serie selbst ist ebenfalls eine Reise durch bislang eher undurchlässige Systeme angetreten - von dem des linearen deutschen Free-TV in das der kostenpflichtigen internationalen Streamingdienste. Die erste Staffel lief 2015 bei RTL, holte in der ersten Ausstrahlung nur mäßige Quoten, wurde jedoch als erste neuere deutsche Serie im Ausland respektvoll aufgenommen. Die zweite Staffel (Regie: Florian Cossen, Arne Feldhusen) ist nun ab Freitag bei Amazon abrufbar.

Hintergrund des außergewöhnlichen Transfers: Sowohl RTL als auch die Produktionsfirma Ufa sind Töchter des Bertelsmann-Konzerns. Das Mutterunternehmen machte offenbar bei RTL Druck, "Deutschland 86" zu Amazon ziehen zu lassen, damit das für die Ufa so wichtige Serienprojekt bei Amazon weiterhin einen Glanz entwickeln kann, der weltweit strahlt.

In diesem Herbst startet bei unterschiedlichen Anbietern gleich ein ganzes Dutzend von Serien, die auch für den internationalen Vertrieb gedacht sind. Die Grundfrage ist: Wie schärft man das Erzählprofil , ohne ein internationales Publikum zu verschrecken?

Die Verantwortlichen von "Deutschland 86" entschieden sich dafür, den Action-Aspekt stärker in den Vordergrund zu stellen. In einer Folge gibt es allerdings zu viele Explosionen und zu viel Maschinengewehrfeuer, da gehen die feinen Ambivalenzen der Figuren flöten, die sich für ihr nachrichtendienstliches Treiben mal als westdeutsche Popper, mal als ostdeutsche Punks verkleiden, die mal zu Peter Schilling, mal zu Feeling B tanzen.

In den meisten Folgen treibt die Action das Tempo jedoch angenehm hoch - auf dass sich das irre deutsch-deutsche Identitäten-Karussell noch schneller dreht.


"Deutschland86": ab Freitag bei Amazon. Voraussichtlich ab Herbst 2019 bei RTL. Zeitgleich zum Amazon-Start ist die Begleitdokumentation "Comrades & Cash" über die Devisengeschäfte der DDR abrufbar.

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