US-Sitcom "Modern Family": Abstieg in die Familien-Hölle
Sie schlagen und sie küssen sich - mit dem Mehr-Generationen-Chaos-Spaß "Modern Family" gelingt die Wiederbelebung der guten alten Familien-Sitcom. Auch dank eines alten Bekannten: Als Patriarch hält Ex-Al-Bundy-Darsteller Ed O'Neill seine Pockennase in die Kamera.
Natürlich ist er für immer Al Bundy. In 259 Folgen spielte Ed O'Neill den prolligen Schuhverkäufer mit der vollbusigen Ehefrau und den verlotterten Kindern. Das deutsche Privatfernsehen versendete die Sitcom "Eine schrecklich nette Familie" jahrzehntelang zu allen erdenklichen Tages- und Nachtzeiten. Das ging nicht spurlos am Zuschauer vorbei und brannte sich ins kollektive Gedächtnis: Bundy war ein Held des White Trash - und O'Neill sein Knautschgesicht.
Nun kehrt O'Neill mit "Modern Familiy" wieder auf deutsche TV-Bildschirme zurück - als Familienvater mit einer vollbusigen Ehefrau. Das war es aber auch mit den Ähnlichkeiten zu Al Bundy. Ein Glück.
In der Serie "Modern Family", die ab Montag auf RTL Nitro zu sehen ist, darf O'Neill als Jay Pritchett die angenehmen Seiten des Lebens genießen. Der reiche Unternehmer geht nur noch sporadisch zur Arbeit und ist seit sechs Monaten mit der sehr viel jüngeren kolumbianischen Sexbombe Gloria (Sofia Vergara) verheiratet. Die bringt nicht nur reichlich südamerikanisches Temperament ins riesige Haus, sondern auch ihren elfjährigen Sohn Manny (Rico Rodriguez). Jays Kinder aus erster Ehe sind längst erwachsen und haben selbst schon Familie.
Tochter Claire (Julia Bowen) ist seit 16 Jahren mit dem treudoofen Makler Phil Dunphy (Ty Burell) verheiratet, hat drei Kinder im schulpflichtigen Alter und versucht, als Vorstadt-Hausfrau nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Jays schwuler Sohn Mitchell arbeitet als Anwalt, lebt seit fünf Jahren mit Freund Cameron zusammen. Soeben hat das Paar ein vietnamesisches Baby adoptiert.
Selbstüberschätzung als Lebensprinzip
Das klingt alles noch nicht besonders lustig. Ist es aber. Etwa wenn Cameron die kleine Adoptivtochter der versammelten Sippschaft broadwayreif mit Begleitklängen aus "König der Löwen" präsentiert, die Dunphys ihren Valentinstag auf einer Rolltreppe verbringen oder Gaststar Edward Norton als angeblich ehemaliger Bassist von Spandau Ballet eine verstörende Darbietung von "True" abliefert.
Darüber hinaus haben die "Modern Family"-Erfinder Christopher Lloyd und Steven Levitan ein paar der derzeit amüsantesten TV-Charaktere erschaffen. Allen voran der kleine Manny, der als "alte Seele" mehr Lebenserfahrung an den Tag legt als der Rest der Familienbande. Oder der gute Phil, der in seiner grenzenlos komischen Selbstwahrnehmung und -Überschätzung eine liebenswerte Stromberg-Version abgibt.
Auch der Produktionsstil von "Modern Family" erinnert an "Stromberg" - die Serie kommt im Mockumentary-Format daher. Mit wackeliger Handkamera, vielsagenden Blicken der Darsteller in ebendiese und klassischen Interview-Sequenzen soll der Eindruck entstehen, es könnte sich auch um eine Dokumentation handeln. Da "Modern Family" allerdings perfekt ausgeleuchtet mit reichlich Aufwand gedreht wird und über bekannte Gesichter verfügt, ist das ganze Gewackel eher für die Katz.
Auch bei der Handlung von "Modern Family" ging ABC als produzierender Fernsehsender kein großes Wagnis ein. Jede Folge hat in der Tradition der Sitcoms ein versöhnliches Ende, das die berühmten US-amerikanischen Familienwerte beschwört. Gleichzeitig wird das schwule Paar dem Publikum beinahe asexuell präsentiert. Erst in der zweiten Staffel von "Modern Family" dürfen sich Cameron und Mitchell küssen - dann jedoch nur im Hintergrund, und auch nur in einer einzigen Folge.
Trotzdem: Die Serie wurde in den USA zu Recht mit Preisen überhäuft. Die aktuelle dritte Staffel wartet dort mit noch besseren Einschaltquoten auf als die ersten beiden. Die prominentesten Fans von "Modern Family" sitzen übrigens im Weißen Haus. Barack Obama bekannte in einem Interview, dass er die Serie immer mit seinen Mädels gucken würde.
"Modern Family", Montag, 20.15 Uhr, RTL Nitro
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