"Deutschland-Saga" mit Christopher Clark Liebe Germans, ihr seid so geil

Geschichte als Wohlfühlprogramm: Mit Cabrio und Fliege saust der australische Star-Historiker Christopher Clark durch die deutsche Historie, zitiert Goethe und Göring, trällert Heine und Volkstümliches. Ja, der darf das!

Von Peter Luley

ZDF

Ein bisschen erschrickt man schon, wenn da im Vorspann ein Mann im Käfer-Cabrio an animierten Neandertalern und Märchenfiguren vorbeifährt und ein Comic-Luther seine Thesen anschlägt - ganz im Rhythmus des stakkatohaft "Deutsch, deutsch, deutsch" hämmernden Soundtracks (aus dem Prinzen-Song "Das alles ist Deutschland"). Meinen die das ernst?

Das Schöne an der ZDF-Reihe "Deutschland-Saga", die sich in sechs mal 45 Minuten an einer Erkundung unserer nationalen Identität versucht, ist dann aber, dass man zumindest die Frage schnell beantworten kann: nein, jedenfalls nicht bierernst. Und das liegt vor allem an dem Mann im roten Käfer: Es ist der Historiker und Bestseller-Autor Christopher Clark ("Die Schlafwandler"), der als Moderator durch die Folgen führt und sich als humoriger Conférencier erweist.

Natürlich ist das Format, das unter der Dachmarke "Terra X" gezeigt wird und in der Tradition von Mainzer Histotainment-Hits wie Guido Knopps "Die Deutschen" steht, populär gestaltet. Es kommt nicht ohne Reenactment aus, also das berüchtigte Nachspielen historischer Szenarien durch zottelige Halbschauspieler. Und es setzt auf durchgängige Musikuntermalung. Das Ergebnis dieser Kombination schwankt nicht selten zwischen ungewollter Komik und schwülstigem Pathos. Clark aber verhindert das - und beschert dem Zuschauer einen kurzweiligen Trip durch die Jahrtausende.

Grüße an die Bunga-Bunga-Gesellschaft

Hier geht die Idee des Filmemachers Gero von Boehm auf, mit Clark einen angelsächsischen Historiker auf die Deutschen blicken zu lassen - das wirkt entkrampfend. Außerdem sind, wenn es wie im ersten Teil ("Woher wir kommen") von der Erdplattenbewegung, die Europa entstehen ließ, bis zur Krönung Karls des Großen gehen soll, gute Überleitungen gefragt. Die weiß Clark zu liefern.

Die Cro-Magnon-Menschen von der Schwäbischen Alb bezeichnet er wegen ihres Erfindungsreichtums schon mal als "frühe Cleverles"; die Verbindung der Spezies Neandertaler und Homo sapiens kommentiert er nonchalant mit Goethe: "Sonne kann nicht ohne Schein, Mensch nicht ohne Liebe sein." Zum Werk "Germania" des Geschichtsschreibers Tacitus fällt ihm die Frage ein: "Wollte er der römischen Bunga-Bunga-Gesellschaft etwas als Vorbild entgegensetzen?" Er ruft in Erinnerung, dass Germanien ein Vielvölkerstaat war, und er ordnet den Ursprung des Wortes "Heil" sowie dessen Missbrauch durch die Nazis ein.

Musikalisch gelingen ein paar Pointen: Zur Sesshaftwerdung von Nomaden am Bodensee wird "Going up the country" von Canned Heat eingespielt, zur Untermalung des Leidens der Römer am schlechten germanischen Wetter "Over the rainbow". So kontrastiert, lässt sich sogar Reenactment aushalten. Die Flapsigkeit ist hier kein Versuch der Anbiederung, sondern leitet sich aus Souveränität im Umgang mit dem Material ab. Bei allem Schmunzeln fühlt man sich stets kenntnisreich durch die Geschichte geführt.

Mallorca statt Mosel - warum eigentlich?

Im zweiten Teil ("Wovon wir schwärmen") verlässt die Reihe dann das Konzept des chronologischen Abarbeitens der Zeitgeschichte und wendet sich der Frage zu, "warum die Deutschen lieben, was sie lieben". Da streift der Gentleman mit der gepunkteten Fliege durch deutsche Wälder, zitiert Eichendorff und informiert darüber, dass hierzulande mehr Menschen in der Forst- als in der autoverarbeitenden Industrie arbeiten.

Gleich zweimal zeigt sich Clark auch als beherzter Sänger: "Das Wandern ist des Müllers Lust" gibt er genauso unerschrocken zum Besten wie Heines "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", als es um den Mythos Rhein und die Loreley geht. Er gibt dem jüdischen Dichter Elias Canetti das Wort ("Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude") und beschreibt, wie die Wald-Propaganda unter dem Reichsforstmeister und Reichsjägermeister Hermann Göring groteske Züge annahm.

Gelegentlich gesteht Clark auch Ratlosigkeit ein: Warum der Volksschriftsteller Karl May die Deutschen so in seinen Bann gezogen hat? "Das werde ich nie verstehen", bekennt er freimütig. Und auch die teutonische Mallorca-Begeisterung kann er nicht recht nachvollziehen. Wo es doch tolle Alternativen gibt: Warum nicht mal an die schöne Mosel fahren?

Erst gegen Ende des zweiten Teils, wenn der Bogen über Turnvater Jahn zu König Fußball geschlagen wird, wenn die aktuell hohen Sympathiewerte der Deutschen und der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft thematisiert werden, wird das Ganze dann doch ein wenig lobhudelig. Alles in allem aber hat Regisseur Gero von Boehm recht, wenn er seinem Moderator "bestes BBC-Niveau" bescheinigt und ihn in eine Reihe mit Peter Ustinov und oder Michael Palin stellt.

Für den freien Posten des langjährigen ZDF-Geschichtslehrers Guido Knopp wäre Christopher Clark jedenfalls keine schlechte Neubesetzung.


"Deutschland-Saga", ab Sonntag, 30.11., 19.30 Uhr, ZDF. Teile zwei und drei: 2.12., 20.15 Uhr / 7.12., 19.30 Uhr. Teile vier bis sechs: März 2015



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
yast2000 30.11.2014
1. Tolle Sendetermine!
Also heißt es mal wieder warten, bis es komplett ist und dann irgendwo herunterladen oder eben vergessen: Das ist halt mein zwangsfinanziertes Fernsehen! Wer ist für diese verbraucherfeindliche Ausstrahlungs-Organisation eigentlich verantwortlich...?
curiosus_ 30.11.2014
2. Sechs mal 45 Minuten zur Erkundung der deutschen nationalen Identität?
Da reichen doch 3 Fragen: A: Deutsch ist, wer deutsch spricht. B: Deutsch ist, wer einen deutschen Pass hat. C: Deutsch ist, wer deutsche Vorfahren hat. Und die Sache ist klar: A (96,8%) (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wann-sind-einwanderer-deutsche-laut-umfrage-soll-sprache-entscheiden-a-1005767.html) Hat Bertelsmann ganz klar herausgefunden.
jogola 30.11.2014
3. Nach der Kritik
auf fr-online http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik--deutschland-saga-geschichte-fuer-klippschueler,1473344,29194852.html wollte ich meine "Schlafwandler" eigentlich verbrennen, jetzt muss ich mir das wohl doch selber antun ?
SanchosPanza 30.11.2014
4. Lesenswert!
Als bekennender TV-Verweigerer möchte ich auf Herrn Clarks fantastische Bücher über den Ausbruch des 1. WK sowie über Preussen hinweisen. Wer's kann, am besten in der englischen Originalversion lesen.
brendan33 30.11.2014
5. Histotainment
Natürlich genügt "Histotainment" nicht allerhöchsten wissenschaftlichen Ansprüchen. Aber es ist doch ok, wenn die etwas leichter verdauliche, aber gesunde Kost eine Menge Leute vom Konsum des RTL2-Fastfood abhält und so ein wenig für historische Themen gewinnt. Trotz der Unterhaltsamkeit waren ja auch Knopps Filme niemals so einseitig und propagandistisch wie einige History-Dokus aus dem angelsächsischen Fernsehen.
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