"Deutschland sucht den Superstar": Im Ozean des Elends

Von Arno Frank

Dieter Bohlen ist wieder in seinem Element: Er gibt sich diabolisch, zeigt sich mal ordinär, mal gnädig. Zum neunten Mal hoffen bei "Deutschland sucht den Superstar" junge Menschen auf ihre Chance - doch einen Sieger wird es nicht geben.

"Deutschland sucht den Superstar": Sie singen und sie tanzen wieder Fotos
RTL

Irgendwann fragt man sich ernsthaft, warum RTL diesen Aufwand betreibt. Wäre die Verfütterung lebendiger Wirbeltiere nicht verboten, RTL könnte auch den einstündigen Todeskampf eines Meerschweinchens senden, das von einer Schlange gefressen wird - und damit immer noch erfolgreicher sein als die Konkurrenz.

Nicht verboten und überdies viel lustiger ist es, verängstigte Gestalten in die soziale Vernichtung stolpern zu lassen. Denn eigentlich funktioniert "Deutschland sucht den Superstar" nicht anders als ein Fischkutter. Die Sendung navigiert die Oberfläche unserer Gesellschaft und durchkämmt mit ihrem Grundnetz in lichtlosen Tiefen den Schlamm nach allem, was im Bodensatz so kreucht und fleucht.

Dort kreucht und fleucht einiges, acht Staffeln haben den Ozean des Elends nicht leerfischen können. Beute bleibt Beute. Sie wird aufgescheucht, eingefangen und mit der hydraulischen Kraft der Ruhmsucht zu Tage gefördert, um oben, noch zappelnd und nach Luft schnappend, auf der Schlachtbank der öffentlichen Schande ausgekippt zu werden.

Nummer 10446 beispielsweise, ein großes Kind mit Wampe, X-Beinen und einem Hintern, auf den die Kamera einfach draufzoomen muss, so entzückend adipös ist der. Der Junge singt ganz passabel und "performt" durchaus heldenhaft "Highway To Hell", indem er vor dem Tisch der Juroren auf den Boden springt. In der Nachbehandlung sieht es dann so aus, als hüpfe der Tisch von der Wucht des Aufpralls in die Höhe. Nummer 10446 wird durchgewinkt, kommt also in den sogenannten Recall.

Sieger sehen anders aus und werden vor allem anders präsentiert. So wie die in Mauritius geborene Nummer 9534, ein smarter Jüngling mit Gitarre und dem Talent, "Somewhere Over The Rainbow" auf die Note genau so zu spielen wie Israel Kamakawiwo'ole, der damit 2010 in Deutschland einen Nummer-1-Hit hatte. Im Gegenschnitt wird Dieter Bohlen gezeigt, wie er leer und alt ins Nichts starrt, wegen "Somewhere Over The Rainbow" aber irgendwie gerührt wirkt, fast ergriffen. Während nebenan Bruce Darnell tut, wozu er wahrscheinlich vertraglich verpflichtet ist, nämlich ein paar mechanische Tränen abzudrücken im Angesicht der musikalischen Offenbarung. Uuuund weiter ist Nummer 9534, ganz so, wie Bruce Darnell es verspricht: "Au du kannste schaffe, wenn du fest an dir glaubst". Dazu erklingen, quasi als akustische Rührungsverstärker, die sämigen Streicher aus "Jenseits von Afrika".

In ihrem Element ist diese Sendung aber dann, wenn sie diabolisch wird. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die blanke Gemeinheit. Sie unterscheidet das Original von konkurrierenden Formaten wie "X Faktor" (Vox) und dem ganz besonders herzlichen "The Voice Of Germany" (ProSieben). Aber wer wollte sehen, wie Meerschweinchen und Schlange sich anfreunden? Nein, bei "DSDS" wird Häme in Zeitlupe wiederholt und Erniedrigung in Großaufnahme gezeigt - Schadenfreude als parapornografisches Erlebnis. Deshalb denkt sich Dieter Bohlen, der das verstanden hat, auch immer entsprechend ordinäre Sätze aus: "Du hast weniger Töne getroffen als ein peruanischer Nackthund Haare am Arsch hat". Wie zum Beweis eingeblendet wird das tatsächlich haarlose Scrotum des peruanischen Nackthundes.

Exemplarisch kommt der vulgäre Sozialdarwinismus zum Vorschein, als Nummer 7456 zur Gitarre greift. Der Kandidat aus der Schweiz ist süß, aber Maurer von Beruf. Bohlen: "Also, Maurer sind doch die, die so die Steine aufeinandersetzen, oder? Warst du so scheiße in der Schule?" War er womöglich, singt dann aber mit der schluchzenden Soulstimme, die man bei "DSDS" so liebt, und kommt weiter. Anders als die offensichtlich geistig leicht behinderte Nummer 12456, die mit Knopfkopfhörern im Ohr irgendwas darbietet und dabei den Fehler kleiner Kinder macht, die Stimme im Ohr mit der eigenen zu verwechseln. Nummer 12456 fliegt raus, bekommt aber von Bohlen generös die Hand gereicht - mit der Zärtlichkeit des Scharfrichters.

Zur Hinrichtung am Galgen gehört indes mindestens ein Stuhl, den man wegtreten kann. Für die nötige Fallhöhe sorgen die Einspielfilmchen, in denen die Delinquenten noch hoffnungsvoll ungelenk herumalbern, intime Geständnisse ausplaudern oder die sterbenskranke Mutter vorführen dürfen, bevor es ihnen an den Kragen geht, weil: an den Kragen geht es ihnen immer. Das muss jedem klar sein, der hier eintritt. Höhnischer als mit den Verlierern geht man bei "DSDS" nur mit den Gewinnern um. Die Preisfrage für das obligatorische Telefonquiz (50 Cent die SMS) lautet diesmal: "Wer gewann die letzte DSDS-Staffel? a) Peter Pan oder b) Pietro Lombardi".

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insgesamt 153 Beiträge
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1. So lange
ordoban 08.01.2012
Zitat von sysopDieter Bohlen ist wieder in seinem Element: Er gibt sich diabolisch, zeigt sich mal ordinär, mal gnädig. Zum siebten Mal hoffen bei "Deutschland sucht den Superstar" junge Menschen auf ihre Chance - doch einen Sieger wird es nicht geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807799,00.html
es noch genügend Minderbemittelte und Unterbelichtete gibt, die bereit sind, sich von diesem Menschen (Bohlen) öffentlich erniedrigen und demontieren zu lassen, wird diese «Show« immer wieder aufs Neue inszeniert werden. Nicht zu vergessen die Einschaltquoten. Das geistige Level der Couchpotatoes, die sich regelmäßig mit diesem Schwachsinn berieseln lassen, muss auch ziemlich weit im Untergrund angesiedelt sein. Ohne die beiden Voraussetzungen -Kandidaten und Quoten- würde diese »Show« sang- und klanglos im Nirvana enden.
2.
Ambermoon 08.01.2012
Zitat von sysopDieter Bohlen ist wieder in seinem Element: Er gibt sich diabolisch, zeigt sich mal ordinär, mal gnädig. Zum siebten Mal hoffen bei "Deutschland sucht den Superstar" junge Menschen auf ihre Chance - doch einen Sieger wird es nicht geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807799,00.html
Da versucht der Herr Frank doch, sich distinguiert und distanziert lustig zu machen über Trash-TV, das sich über seine Kandidaten und Zuschauer lustig macht. Passt!, denk' ich mir, denn was ist denn SPON mittlerweile? Ein Boulevardmagazin, mit schnell hin- oder abgeschriebenen Artikelchen über alles, was die offenbar anvisierte Zielgruppe auf dem Klos oder im Bus so gerne liest. Schade. War mal besser. Und es gibt keine Alternative. Sehr schade.
3.
SURE 08.01.2012
Zitat von sysopDieter Bohlen ist wieder in seinem Element: Er gibt sich diabolisch, zeigt sich mal ordinär, mal gnädig. Zum siebten Mal hoffen bei "Deutschland sucht den Superstar" junge Menschen auf ihre Chance - doch einen Sieger wird es nicht geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807799,00.html
Was für eine geile Line. " Mit der hydraulischen Kraft der Ruhmsucht zutage gefördert", köstlich!!!!!
4. .
kuddel37 08.01.2012
Zitat von sysopDieter Bohlen ist wieder in seinem Element: Er gibt sich diabolisch, zeigt sich mal ordinär, mal gnädig. Zum siebten Mal hoffen bei "Deutschland sucht den Superstar" junge Menschen auf ihre Chance - doch einen Sieger wird es nicht geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807799,00.html
Wen interessiert der Sieger dieser Comedysendung? Den kennt nach einem Jahr eh keiner mehr. Interessant sind doch die Vorrunden, wo sich irgendwelche "Möchtegern-Talente" freiwillig zum Affen machen. Da bietet die Sendung halt immer genug Lacher so das die Einschaltquote stimmt.
5. Sieger
emantsol 08.01.2012
---Zitat--- ... doch einen Sieger wird es nicht geben. ---Zitatende--- Doch, RTL!
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