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ARD-Fernsehfilm "Die Akte General": Er schwitzt, flucht, schwäbelt und raucht

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"Die Akte General": Querkopf, Getriebener, Held Fotos
Hardy Brackmann/ SWR

Ein Held, der lange ungewürdigt blieb: Fritz Bauer machte Nazis den Prozess. Nun widmet die ARD ihm mit "Die Akte General" einen Film, der das Porträt eines Getriebenen zeichnet.

70 Jahre kann es dauern, bis hierzulande ehemaligen SS-Offizieren der Prozess gemacht wird. Mehr als 50 Jahre wiederum müssen in unser schönes Land gehen, bis der Mann ausreichende Würdigung erfährt, dem diese Prozesse wesentlich zu verdanken sind. Dann aber sind Fritz-Bauer-Festspiele.

"Im Labyrinth des Schweigens" (2014) spielte der Generalstaatsanwalt eine Nebenrolle, "Der Staat gegen Fritz Bauer" (2015) endlich adelte den maßgeblichen "Querkopf" (Konrad Adenauer) hinter den Auschwitz-Prozessen zum Helden. Beide Filme zusammen lockten keine 400.000 Zuschauer ins Kino.

Möglich also, dass die TV-Variante nun sogar ein größeres Publikum findet. Zu wünschen wäre es, muss sich "Die Akte General" doch nicht hinter den aufwendigeren Produktionen verstecken.

Was vor allem an Ulrich Noethen liegt, der dem mürrischen Juristen die Intensität eines Getriebenen verleiht. Sein Fritz Bauer schwitzt, flucht, schwäbelt, raucht, schluckt seine Herzpillen und wirft jungen Männern in der Oper zärtliche Blicke zu. Seine Homosexualität spielt, anders als in "Der Staat gegen Fritz Bauer", nur insofern eine Rolle, als sie ihn erpressbar macht. Darüber hinaus bleibt das Thema seine Privatangelegenheit: "Ich wünschte", seufzt er einmal, "die Richter hätten vor den Nazis genauso viel Angst wie vor den Homosexuellen".

Die Stimmung im Nachkriegsdeutschland ist spürbar

Wirksamer als gegen den Paragraphen 175 kämpft Bauer ab 1959 gegen das Netzwerk alter Nazis an entscheidenden Schaltstellen der jungen Bundesrepublik - und damit gegen die offizielle Propaganda, der Faschismus sei nur ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte gewesen und längst überwunden. Tatsächlich sind seine Ermittlungen gerade gegen Adolf Eichmann, um die der Film kreist, der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Bauers größter Widersacher ist der NS-Verwaltungsjurist Hans Globke, der in Adenauers Kanzleramt die Fäden zieht und von Bernhard Schütz mit imposanter Schmierigkeit dargestellt wird.

Weil er vom BND beschattet wird und den eigenen Kollegen nicht trauen kann, arbeitet Bauer mit dem Mossads zusammen - und zieht den jungen Kollegen Joachim Hell (David Kross) ins Vertrauen. Hell avanciert zum wichtigsten Mitarbeiter des Generalstaatsanwalts. Hell ist es aber auch, der für den BND mit wachsendem Widerwillen die "Akte General" anlegt und damit ausgerechnet jene vom Stand der Ermittlungen in Kenntnis setzt, gegen die ermittelt wird.

Auf diese Weise wird nebenbei die politische Stimmung im erstarkenden und westgebundenen Nachkriegsdeutschland spürbar, das über seine Kredite bereits wieder beginnt, eine hegemoniale Politik zu betreiben. Da ist die Angst vor dem Kommunismus und das Misstrauen gegenüber Israel, der Stolz auf das bisher Erreichte und die uneingestandene Schuld gegenüber dem Geschehenen.

Nur Bauer, den Juden, ficht das Verschwiemelte nicht an. Wird sein Haus mal wieder mit Hakenkreuzen beschmiert, bemerkt er nur so lakonisch wie doppeldeutig: "Auf die Art weiß ich wenigstens immer, wo ich zu Hause bin".

Bauer trägt keine ideologischen Manschetten und nimmt Amtshilfe auch von ostdeutschen Kollegen entgegen, ohne sich mit dem Sozialismus gemein zu machen. Und er liefert dem Mossad die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung von Eichmann, der als einzige historische Figur niemals richtig gezeigt - ein wenig dämonisiert und damit der Banalität beraubt wird, die Hannah Arendt ihm einst bescheinigt hatte.

Nicht die Szenen in Argentinien machen "Die Akte General" zu einem echten Politthriller, sondern die Szenen in Tel Aviv und - als dramaturgischer Höhepunkt - der Eichmann-Prozess in Jerusalem. Dort belauern sich die Agenten aus Ost und West und lauschen auf jedes Wort des Angeklagten, das gegen Globke und Konsorten verwendet werden könnte. Wie das Finale endet, das gehört zur Geschichte der Bundesrepublik und muss hier nicht verraten werden, zumal der Film die Spannung bis zuletzt hält.

"Die Akte General" stellt uns einen der wenigen "Helden" der Bundesrepublik vor, deren Schattenseiten hier in herrlich kräftigen Farben ausgemalt werden. Es ist ein Held, der an die Zukunft glaubt und verzagten jungen Kollegen rät: "Feiern Sie den Rechtsstaat". Und es ist kein Zufall, dass die mit Abstand beunruhigendste Figur ausgerechnet der Wunderminister der Wohlstandsdeutschen ist. Mal sehen, wie lange es dauert, bis dessen Wirken angemessen gewürdigt wird.


"Die Akte General", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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