ARD-Doku zum Moschee-Bau: Kölle Allah!

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Kriegserklärung an die Mehrheitsgesellschaft? Dummer Multikulti-Traum? Oder Zeichen gelungener Integration? Die ARD-Langzeit-Doku "Allah in Ehrenfeld" beleuchtet die Entstehung der Kölner Zentralmoschee. Ein Film, der auf grandiose Weise zeigt: Demokratie muss auch wehtun.

ARD-Doku: Gottes Haus und Teufels Wortbeitrag Fotos
WDR

Dies ist ein Film über das Reden. Über das Hochreden und Niederreden, über das Herbeireden und Kaputtreden. Wer am Dienstagabend die ARD-Doku "Allah in Ehrenfeld" sieht, muss stramme Polit-Verlautbarungen, süßliche Multikulti-Hymnen und strunzdumme rassistische Verunglimpfungen ertragen. Ein Kraftakt, nicht nur für Feingeister. 90 Minuten dauert der Film, er ist voll von zornig krakeelenden, stolz verkündenden und erschöpft argumentierenden Köpfen.

Über mehrere Jahre begleitete die Filmemacherin Birgit Schulz die Planungen und den Bau der größten deutschen Moschee in Köln-Ehrenfeld. Ein Prozess, der dem Viertel und der Stadt spätestens seit 2007 den einen oder anderen Ausnahmezustand bescherte. Es geht um Spaltung, Einigung und erneute Spaltung, es geht um sich ständig verschiebende Allianzen, um schmerzhaft gelebte und schmerzhaft dokumentierte Demokratie.

Am Anfang und am Ende von "Allah in Ehrenfeld" (Co-Autor: Gerhard Schick) stehen zwei große öffentliche Sitzungen. Die eine ist eine Art Bürgersprechstunde, in der die Bewohner von Ehrenfeld im Jahr 2007 Fragen und Meinungen zur geplanten Zentralmoschee äußern dürfen. Die Polizei überwacht den überfüllten Saal, immer wieder führt sie Pöbler aus dem Saal. Bis zum Schluss alle ordnungsgemäß eingereichten Wortbeiträge abgearbeitet sind, hat man über sechs Stunden diskutiert.

Die Sitzung am Ende ist eine Pressekonferenz der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Sie hat den Bau der so hart umkämpften Zentralmoschee in Auftrag gegeben, kündigt aber 2011 abrupt dem Architekten. 2000 Fehler seien ihm angeblich nachgewiesen worden. Als die versammelten Journalisten nachhaken, ob der ursprüngliche Entwurf der Ditib eventuell zu modern geworden sei, blockt die Pressesprecherin ab. Dafür ergeht sich der Nachfolger des gekündigten Architekten in zermürbenden Detailfragen. Transparenz bis zum Einschlafen.

Koloss von Gebetshaus

Der Film gibt keine abschließende Antwort darauf, ob die Ditib Druck wegen des eher untraditionellen Bauwerks von der Religionsbehörde der Türkei bekommen hat oder ob wirklich bauliche Mängel zur Kündigung des Architekten geführt haben. Er gibt auch keine abschließende Antwort darauf, ob die Zentralmoschee sich tatsächlich harmonisch ins Stadtbild fügt oder ob dieser Koloss von Gebetshaus mit seiner 37 Meter hohen Kuppel und seinen zwei 55 Meter hohen Minaretten gewachsene multikulturelle Strukturen unter sich begräbt.

Stattdessen kommen ganz viele Akteure des Kölner Kulturkampfes zu Wort. Akteure aus unterschiedlichen politischen Lagern, die durch die Sache geeint werden. Akteure mit gleicher Gesinnung, die durch die Moschee auseinandergetrieben sind. Das macht den Kölner Kulturkampf so unübersichtlich: Wer kämpft hier eigentlich gegen wen?

Da ist zum Beispiel der SPD-Bezirksbürgermeister Josef Wirges, der seinen Bezirk als altes sozialdemokratisches Arbeiterviertel mit multikulturellem Mehrwert lobt - der als Vorantreiber des Moschee-Projekts jedoch bald von den Bewohnern geschmäht wird: Drei Aktenordner Hassbriefe hat er in seinem Büro stehen, viele davon offen rassistisch. Oder der damalige CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma, der überall wortreich für die Zentralmoschee streitet und dafür eine Ohrfeige nach der anderen erhält. Erst drohen seine Kölner Parteifreunde, ihm die Gefolgschaft zu kündigen, dann muss er sich bei öffentlichen Auftritten bepöbeln lassen. Einmal schreit ihn ein älterer Mann in rabiatem Kölsch an: "Wer hat in Deutschland was zu sagen? Wir oder die Türken und Juden?"

Sonderbare Allianzen, brüchige Frontverläufe

Doch auch von ganz anderer Seite regt sich Kritik an der Moschee. Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano sieht in ihr das "Wahrzeichen einer schleichenden Islamisierung", sogar eine "Kriegserklärung". Immerhin, Giordano lässt sich vor der Kamera auf Diskussionen mit der türkischen Gemeinde von Ehrenfeld ein. Im Gespräch mit offensichtlich moderaten Muslimen sagt er: "Ihr müsst euch auch mal Gedanken machen, welches Problem ihr für die Mehrheitsgesellschaft seid."

Was für ein Ausspruch des Autors, der mit "Die Bertinis" ein aufrüttelndes Werk über eine jüdische Familie geschrieben hat, die während des Dritten Reichs an einer ganz anderen "gesellschaftlichen Mehrheit" zerbricht. Giordanos Mahnung könnte so auch von einem Vertreter der "Bürgerbewegung pro Köln" gesagt werden, einem rechtspopulistischen Zusammenschluss, der überall dort aufläuft, wo Türken es wagen, im Stadtbild in Erscheinung zu treten.

Selten hat man im deutschen Fernsehen eine Reportage gesehen, die derart detailliert einen gesellschaftlichen Verhandlungsprozess nachzeichnet - samt all seinem erbaulichen Mit- und schlauchenden Gegeneinander, samt unvorhersehbarer Allianzen und brüchiger Frontverläufe, samt bedenklicher verbaler Verkürzungen und ausufernder Diskussionen.

Und? Wird der Zuschauer nach dieser aufreibenden Spät-Doku, die bis nach Mitternacht dauert, denn wenigstens mit einem versöhnlichen, demokratischen Schlussbild ins Bett geschickt? Eben nicht. Die Eröffnung des Gebetshauses wurde erst mal auf 2013 verschoben.

Wo es enden wird mit dieser Moschee, weiß nur Gott. Oder Allah.


"Allah in Ehrenfeld - Der Bau der Kölner Moschee", Dienstag, 22.45 Uhr, ARD

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