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12. August 2018, 08:26 Uhr

"Die beste Show der Welt" auf ProSieben

Selbstverhackfleischung mit Schmackofatz

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Flutschballturnier, Besserwisserquiz - und dazu heimlich verabreichte, bittere Pillen: "Die beste Show der Welt" ist das TV-Format, das sich selbst verneint. Klingt anstrengend, aber das ist ja auch mal schön.

Es ist der alte Trick mit der Leberwurst-Verspacheltung: Will man einem Hund eine Tablette verabreichen, die dieser aber nicht fressen möchte, weil das Medikament kalkig oder sonst wie unlecker schmeckt, umkleidet man den wirksamen Kern einfach mit einer täuschenden Schmackofatzschicht: Der Hund schluckt die Pille, ohne es zu merken, und sie beginnt, heimlich zu wirken.

In ihren besten Momenten funktionierte "Die beste Show der Welt" von ProSieben genau so: Eine harmlose Musikshow, in der Max Mutzke und Wincent Weiss ihre größten Hits zu sabotierendem Tröt-Keyboard, Blecheimer-Drums und Sabine-Grölbackgroundgesang performen mussten, und ein slapstickhaftes Flutschball-Turnier, bei dem die Spieler durch eine eingeseifte Hüpfburg glibschten, bildeten dabei die trügerisch-feistsahnige Leberwursthülle, in der sich eine bittere Pille versteckte: unangenehm zu schluckende Medien- und Zuschauerkritik, die schon im Magen schäumte, als man merkte, was einem da serviert worden war.

"Hart aber unfair" heißt ein Showkonzept, dasKlaas Heufer-Umlauf schon in einer früheren Ausgabe vorgestellt hatte, nun präsentierte er sie in der Promi-Edition. Das Konzept: Helena Fürst, Sarah Knappik, Aurelio Savina und weitere Dschungelcamp-Veteranen müssen sich selbst gegenseitig in höchst unangenehmen Kategorien evaluieren: Wer ist der dümmste? Wer hat bisher am wenigsten geleistet? Wer verdient am wenigsten? Quasi Neoliberalismus, aber als Talkshow.

Das Perfide daran: Eigentlich sollen die Teilnehmer nur einschätzen, wie das Publikum diese Fragen beantwortet, sich also nicht als reale Personen bewerten, sondern nur ihre Trash-Persona, die ja im Idealfall eine gesunde Distanz zum Rest- und Realwesen hat. Aber natürlich gerät die Show zur Selbstverhackfleischungsrunde, bei der Sarah Knappik den verständigsten Satz spricht: "So gesehen sind wir alle dumm, weil wir hier sitzen."

Restanspannung noch schnell ablachen

Es ist gleichzeitig faszinierend wie eklig, bei dieser Eigendemolierung zuzuschauen, "nicht auszuhalten", findet Joko Winterscheidt - und Heufer-Umlauf gibt schlau zurück, "Hart aber unfair" sei doch tatsächlich nur "eine Kompression dessen, was Fernsehen heute leider ist." Zack, Pille schon geschluckt, darüber denkt man dann noch nach, während Winterscheidt das Publikum in seinem nächsten Showvorschlag, dem onkeligen Besserwisserquiz "Bares für Wahres", durch lächerliche Kleinstgewinne für alle zu einem "Euro, Euro"-skandierenden Konsumdödelchor hochpeitscht.

Heufer-Umlauf schiebt mittendrin noch ein Zäpfchen gallige Instagram-Kritik hinterher, dort würde der Fokus stets auf Hübschdetails wie niedliche Hunde und nackte Füße gelenkt: "Die Welt drumherum ist scheißegal, ob wir gerade in der Krise sind oder nicht", dann serviert er eine Umstylingshow, bei der die Kandidaten nicht mehr von vermeintlich sachkundigen Experten optimiert werden, sondern sich praktischerweise selbst Haare und Ehre abschneiden, die Köderangel mit der als Preis verheißenen New-York-Reise fest im Blick. Abschließend darf das Publikum mögliche Restanspannung noch schnell ablachen, indem es sich über Winterscheidt und Palina Rojinski ergötzt, die sich furchtbar erschrecken, weil sie Anzüge tragen, an denen plötzlich Knallkörper explodieren.

"Die beste Show der Welt" sei immer auch in Diskurs darüber, was wir im Fernsehen sehen wollen, fasst Klaas Heufer-Umlauf am Ende zusammen, und genau darin besteht der Wert dieses Formats, das immer dann am besten funktioniert, wenn es Produktions- und Rezeptionsbedingungen durchscheinen lässt, seine eigene Kommentierung wie in einer Synchronübersetzung gleich mitliefert und sich mitunter dabei naturgemäß auch selbst ad absurdum führt: die Spektakelkritik, aber als Spektakel.

Am Ende wählen die Zuschauer "Hart aber unfair" zum schlechtesten Showentwurf, es gewinnt die schnuffige Musiksendung "Earn your Song" von Winterscheidt, bei der die prominenten Musikkandidaten sich ihre Instrumente für den finalen Auftritt in Spielrunden erkämpfen müssen - nett, aber eben auch lullig bedeutungslos. ProSieben will diese Idee im September tatsächlich produzieren.

Und "Die beste Show der Welt" darf gerne die Dosierung noch ein bisschen hochfahren.

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