"Die beste Show der Welt" auf ProSieben Selbstverhackfleischung mit Schmackofatz

Flutschballturnier, Besserwisserquiz - und dazu heimlich verabreichte, bittere Pillen: "Die beste Show der Welt" ist das TV-Format, das sich selbst verneint. Klingt anstrengend, aber das ist ja auch mal schön.

Show-Master Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf
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Show-Master Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf

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Es ist der alte Trick mit der Leberwurst-Verspacheltung: Will man einem Hund eine Tablette verabreichen, die dieser aber nicht fressen möchte, weil das Medikament kalkig oder sonst wie unlecker schmeckt, umkleidet man den wirksamen Kern einfach mit einer täuschenden Schmackofatzschicht: Der Hund schluckt die Pille, ohne es zu merken, und sie beginnt, heimlich zu wirken.

In ihren besten Momenten funktionierte "Die beste Show der Welt" von ProSieben genau so: Eine harmlose Musikshow, in der Max Mutzke und Wincent Weiss ihre größten Hits zu sabotierendem Tröt-Keyboard, Blecheimer-Drums und Sabine-Grölbackgroundgesang performen mussten, und ein slapstickhaftes Flutschball-Turnier, bei dem die Spieler durch eine eingeseifte Hüpfburg glibschten, bildeten dabei die trügerisch-feistsahnige Leberwursthülle, in der sich eine bittere Pille versteckte: unangenehm zu schluckende Medien- und Zuschauerkritik, die schon im Magen schäumte, als man merkte, was einem da serviert worden war.

"Hart aber unfair" heißt ein Showkonzept, dasKlaas Heufer-Umlauf schon in einer früheren Ausgabe vorgestellt hatte, nun präsentierte er sie in der Promi-Edition. Das Konzept: Helena Fürst, Sarah Knappik, Aurelio Savina und weitere Dschungelcamp-Veteranen müssen sich selbst gegenseitig in höchst unangenehmen Kategorien evaluieren: Wer ist der dümmste? Wer hat bisher am wenigsten geleistet? Wer verdient am wenigsten? Quasi Neoliberalismus, aber als Talkshow.

Das Perfide daran: Eigentlich sollen die Teilnehmer nur einschätzen, wie das Publikum diese Fragen beantwortet, sich also nicht als reale Personen bewerten, sondern nur ihre Trash-Persona, die ja im Idealfall eine gesunde Distanz zum Rest- und Realwesen hat. Aber natürlich gerät die Show zur Selbstverhackfleischungsrunde, bei der Sarah Knappik den verständigsten Satz spricht: "So gesehen sind wir alle dumm, weil wir hier sitzen."

Restanspannung noch schnell ablachen

Es ist gleichzeitig faszinierend wie eklig, bei dieser Eigendemolierung zuzuschauen, "nicht auszuhalten", findet Joko Winterscheidt - und Heufer-Umlauf gibt schlau zurück, "Hart aber unfair" sei doch tatsächlich nur "eine Kompression dessen, was Fernsehen heute leider ist." Zack, Pille schon geschluckt, darüber denkt man dann noch nach, während Winterscheidt das Publikum in seinem nächsten Showvorschlag, dem onkeligen Besserwisserquiz "Bares für Wahres", durch lächerliche Kleinstgewinne für alle zu einem "Euro, Euro"-skandierenden Konsumdödelchor hochpeitscht.

Heufer-Umlauf schiebt mittendrin noch ein Zäpfchen gallige Instagram-Kritik hinterher, dort würde der Fokus stets auf Hübschdetails wie niedliche Hunde und nackte Füße gelenkt: "Die Welt drumherum ist scheißegal, ob wir gerade in der Krise sind oder nicht", dann serviert er eine Umstylingshow, bei der die Kandidaten nicht mehr von vermeintlich sachkundigen Experten optimiert werden, sondern sich praktischerweise selbst Haare und Ehre abschneiden, die Köderangel mit der als Preis verheißenen New-York-Reise fest im Blick. Abschließend darf das Publikum mögliche Restanspannung noch schnell ablachen, indem es sich über Winterscheidt und Palina Rojinski ergötzt, die sich furchtbar erschrecken, weil sie Anzüge tragen, an denen plötzlich Knallkörper explodieren.

"Die beste Show der Welt" sei immer auch in Diskurs darüber, was wir im Fernsehen sehen wollen, fasst Klaas Heufer-Umlauf am Ende zusammen, und genau darin besteht der Wert dieses Formats, das immer dann am besten funktioniert, wenn es Produktions- und Rezeptionsbedingungen durchscheinen lässt, seine eigene Kommentierung wie in einer Synchronübersetzung gleich mitliefert und sich mitunter dabei naturgemäß auch selbst ad absurdum führt: die Spektakelkritik, aber als Spektakel.

Am Ende wählen die Zuschauer "Hart aber unfair" zum schlechtesten Showentwurf, es gewinnt die schnuffige Musiksendung "Earn your Song" von Winterscheidt, bei der die prominenten Musikkandidaten sich ihre Instrumente für den finalen Auftritt in Spielrunden erkämpfen müssen - nett, aber eben auch lullig bedeutungslos. ProSieben will diese Idee im September tatsächlich produzieren.

Und "Die beste Show der Welt" darf gerne die Dosierung noch ein bisschen hochfahren.



insgesamt 12 Beiträge
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e.pudles 12.08.2018
1. Es geht tatsächlich
Nieveaumässig noch tiefer. Eigentlich kaum zu glauben, aber man wird immer wieder überrascht. Habe mich gezwungen 15 min. durchzustehen, und bin in die Runde gefallen, wo sich die verschieden Teinehmer selbst beurteilten, punkto der/die Dümmste, am wenigsten Einkommen, oder geleistet hat. Betreffend, der / die Dümmste will ich niemandem der Teilnehmer den Vorzug geben, denn alle sind auf gleiche tiefen intelektuellem Stand. Wenn ich richtig gehört habe, sollen 700, oder 800 Zuschauer vor Ort gewesen sein. Diese können sich rühmen mit den Kandidaten punkto Dummheit gleich zu ziehen, haben sie doch bei jeder Antwort gejohlt und applaudiert. Diese Sendung lässt für mich den Schluss zu, dass es anscheinend doch noch immer dümmer und einfältiger geht und auch gehen wird.
Proserpin de Grace 12.08.2018
2. Seid umschlungen
Am Totenbett eines sterbenden Mediums gibt es öffentlich-rechtliche Trostsendungen und solche, die ihren Nutzen aus dem Sterben ziehen. Es ist also alles exakt so wie im wirklichen Leben. Manche möchten bei der letzten Party dabei sein, andere suchen die Flucht. Der multmorbide Patient röchelt: I did it my way. Das Publikum tobt. Letzte Ehren im Duktus einer einübenden Seminararbeit in einer unbekannten Disziplin. Dies- und jenseits des Screens, in Broadcast und Besprechung. Und auch im Kommentar: Selfies auf der Intensivstation. Seid umschlungen.
frank.huebner 12.08.2018
3. Schade, verpasst
Naja, eher nicht schade. Denn ich schaue lieber File auf Netflix oder Prime, anstatt mir solchen Müll anzutun. Aber die Leute schauen es, es gibt Werbeeinnahmen, also wird es produziert. Mir egal, solange es Alternativen gibt.
dasfred 12.08.2018
4. Die Sendung war jeden Euro wert,
wenn sie es schafft, dass Frau Rützel uns mit ihrer Kolumne den Sonntagmorgen erheitert. Diese Wortspiele brauchen keine Leberwurstumhüllung, um appetitlich angerichtet zu werden.
Kanalysiert 12.08.2018
5. Das letzte Aufbäumen des Schrott-TVs
Die dort moderierenden sowie vorgeführten Nicht-wirklich-Stars haben in keinem anderen modernen Medium noch eine Chance - denn im Netz wird angesehen, was den Zuschauern gefällt und nicht das, was ein Sender glaubt, uns vorzusetzen. Auf Wiedersehen Fernsehen, du wirst mit der Generation unserer Eltern verschwinden. Einfach viel zu schlecht und ideenlos, genauso fad wie Schlagerhitparaden, Volksmusikstadl und eben genau diese "Unterhaltungs-Shows" - was ein Müll. Ihr TV-Planer und Programmausdenker - noch nie mal auf youtube.com gespickt, wie erfolgreiche Shows heute funzen? ^^
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