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Überraschend guter Münster-"Tatort": Liebesgrüße aus dem Leichenkeller

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Münster-"Tatort": Erotik als Freakshow Fotos
ARD

Ermitteln mit Mörderkater: Im neuen "Tatort" schlagen sich Boerne und Thiel nach gescheiterten Balzversuchen mit dem chinesischen Geheimdienst rum - und liefern den ersten starken Fall seit Jahren. Schwarzer Humor und Polit-Thrill gehen hier zusammen.

Dein ist mein ganzes Herz: Was im Schlager blumige Metapher ist, wird im Labor des Pathologen blutrote Realität. Professor Boerne (Jan Josef Liefers) hat die chinesische Aktionskünstlerin Songma (Huichi Chiu) für einen romantischen nächtlichen Streifzug durch Obduktionstische und Vitrinen eingeladen. Und während die furchterregend schöne Künstlerin das eine oder andere Organ aus dem Formaldehyd hebt, um es lasziv in ihren Händen zu wiegen, beschlagen Boerne die Brillengläser. Als Songma ein tadellos erhaltenes Menschenherz liebkost, wird der Professor ganz wuschig.

Kommissar Thiel (Axel Prahl) gibt sich derweil einer eher volkstümlichen Form des Flirts hin. Im Vollrausch versucht er die junge Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zu becircen; nach einer Zechtour serviert er ihr zu Hause auf der Couch als Absacker Rotwein aus Maßkrügen und grinst dazu debil.

Erotik als Freakshow, das passt sehr gut in den Münsteraner "Tatort". Das Vorspiel zur aktuellen Episode "Die chinesische Prinzessin" entspricht der bisherigen Strategie der Verantwortlichen, Klamauk mit Krankem zu paaren. Und doch markiert dieser "Tatort" nun einen Richtungswechsel im Münsteraner TV-Revier: Das genussvoll gegengeschnittene Gebalze von Boerne und Thiel führt geradewegs in einen (fast) seriösen Themen-Thriller.

Pathologe mit Koks im Blut

Quotentechnisch gab es bislang ja keinen Anlass zur Neuausrichtung des WDR-"Tatort"; ein Zuschauerrekord jagte den nächsten Zuschauerrekord. Die Verantwortlichen nahmen das als Bestätigung und ließen die immer gleichen Autoren und Regisseure die immer gleichen Beömmelungskrimis liefern.

Doch irgendwann schien dem WDR das alte Erfolgsrezept selbst auf die Nerven gegangen zu sein. Für "Die chinesische Prinzessin" engagierten sie zwei neue Kreative, die gerade durch ihre unterschiedliche Herkunft vielversprechend für den Neustart erscheinen mussten: Drehbuchautor Orkun Ertener entwickelte einst mit dem ZDF-Projekt "KDD - Kriminaldauerdienst" einen aufreibend ernsten Krimi nach US-Serienprinzip, Regisseur Lars Jessen hat sich mit Kinofilmen wie "Am Tag als Bobby Ewing starb" und "Fraktus" als Meister des Ironischen etabliert. Nebenbei dreht er sympathische Folklore-Krimis. In dem ersten gemeinsamen "Tatort" von Ertener und Jessen halten sich nun thematische Präzision und schwarzer Humor die Waage.

Songma, die chinesische Aktionskünstlerin, die Boerne in seinem Labor zu verführen gedachte, wird am nächsten Morgen spärlich bekleidet und ermordet auf dem Obduktionstisch gefunden. Der Pathologe selbst liegt derangiert unter dem Tisch und hat bedenkliche Kokswerte im Blut. Gibt es einen politischen Hintergrund?

Ai Weiwei lässt grüßen

Die Künstlerin und Bürgerrechtlerin wollte offensichtlich am nächsten Tag ein Pamphlet gegen die Unterdrückung der Uiguren in der autonomen chinesischen Provinz Xinjiang verlesen. Ein Plan, der sowohl die deutsche Diplomatie als auch chinesische Spione auf den Plan gerufen hatte. Münster als Hotspot internationaler Geheimdienste, auch mal interessant.

Und so schlagen sich Boerne, der die chinesische Künstlerin dann offensichtlich vor ihrem Tod doch nicht verführen konnte, und Thiel, der wiederum nicht mehr weiß, ob er die Kollegin verführen konnte oder nicht, vollverkatert durch einen gekonnt politisch aufgeladenen Fall. Das Material wird leichthändig, aber niemals fahrlässig ausgebreitet.

Die Menschenrechtsverletzungen Chinas spielen hier genauso eine Rolle wie die Vermarktung des Widerstands gegen diese Menschenrechtsverletzungen. Vieles an der Aktionskunst des Opfers erinnert an das Schaffen des chinesischen Dissidenten Ai Weiwei - und wie sich der Kunstmarkt an dieses heranhängt. Dass sich Feingeist Boerne auf diesem Markt auskennt und dass der olle St.-Pauli-Fan Thiel prinzipiell ein Herz für Entrechtete und Geknechtete hat, kommt den Ermittlungen natürlich zugute.

Fast hätten wir ja nach all den Kalauern und Fäkalien, nach all den müden Schlagern und billigen Gags der letzten Jahre vergessen: Boerne und Thiel sind richtig gut, wenn man sie lässt.


"Tatort: Die chinesische Prinzessin": Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Der letzte Abgsang oder mehr???
spon-facebook-10000172069 18.10.2013
Normalerweise erwarte ich vom Münster-Tatort ja nichts mehr: Erst recht, wenn es doch gerade in den Mediatheken und fernsehstrom.de vor Hannibal, Homeland und Nordlicht nur so wimmelt. Das sind moderne Krimis, die Facetten beleuchten, für die deutsche Fernsehmacher die Scheinwerfer noch nicht erfunden haben. Wenn hier der Rezensent aber so begeistert ist, muss ich mir den Sonntag wohl doch mal freihalten. Live dabei ist ja doch auch was Schönes.
2. Mal gucken
lini71 18.10.2013
Zitat von sysopARDErmitteln mit Mörderkater: Im neuen "Tatort" schlagen sich Boerne und Thiel nach gescheiterten Balzversuchen mit dem chinesischen Geheimdienst rum - und liefern den ersten starken Fall seit Jahren. Schwarzer Humor und Politthrill gehen hier zusammen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-chinesische-prinzessin-tatort-aus-muenster-mit-axel-prahl-a-927940.html
Damit sind wieder 90 Minuten am Sonntag blockiert. :-) Klingt als ginge es wieder aufwärts mit Thiel/Boerne...
3. Spiegel Tatort Rezension
sinasina 18.10.2013
Zitat von sysopARDErmitteln mit Mörderkater: Im neuen "Tatort" schlagen sich Boerne und Thiel nach gescheiterten Balzversuchen mit dem chinesischen Geheimdienst rum - und liefern den ersten starken Fall seit Jahren. Schwarzer Humor und Politthrill gehen hier zusammen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-chinesische-prinzessin-tatort-aus-muenster-mit-axel-prahl-a-927940.html
Ein Forenmitglied hatte vor einiger Zeit geschrieben: "Immer, wenn die Tatort-Rezension im Spiegel einen schlechten Tatort beschreibt, ist es ein guter Tatort". Oh je.
4. Vielversprechend
j4np5 18.10.2013
Oft habe ich mich (als münsteraner Lokalpatriot) über die negative Rezensionen im Vorfeld der neuen Münster Tatorte aufgeregt und jedes mal lag ich im Unrecht. Die letzten 3 Münster Tatorte waren allenfalls ein guter Grund zum fremdschämen. Da SPON die letzten Male recht hatte hoffe ich, dass es dabei bleibt und freue mich auf Sonntag!
5. Unrealistisch?
movfaltin 18.10.2013
Der Tatort, so war bisher immer meine Mutmaßung, ist komplett überdramaturgisiert, unrealistisch und platt. Bis ich irgendwann auf eine Folge von Reality-TV namens "Ärger im Revier" meines Lieblingssenders RTL2 gestoßen bin, in dem Polizisten aus Zwickau ein Opfer häuslicher Gewalt von einer Anzeige abzubringen versuchen, eine Ohrfeige sei voll in Ordnung, und den mutmaßlichen Täter in der Gewaltanwendung bestärken. Nein, die Polizeirealität in Deutschland ist bisweilen wirklich bizarr und asozial - wenn das keine geskriptete Realität ist... Mittlerweile bin ich der Ansicht, der Tatort ist mit seinen oftmals (allerdings leider nur im Dienste "der guten Sache") rechtbrecherischen Protagonisten sehr nah an der Realität. Selbst der Münsteraner. Dass dort jetzt chinesische Geheimdienstler mitspielen, gibt sicherlich einen guten Plot her. "Unrealistisch" rufe ich da nicht mehr zwischen (außer vielleicht bei den penetrant sozialkitschigen Odenthal-Trauerspielen).
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.


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