TV-Serie "Zeit der Helden": Eine Woche Glücksfernsehen

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Ab Montagabend jeden Abend: Die TV-Serie "Zeit der Helden" schildert das Leben strunznormaler Deutscher in der Provinz. Geht's noch öder? Falsche Frage. Das Echtzeit-Format ist ernsthaft und unterhaltsam zugleich - ein Glücksfall fürs Fernsehprogramm. Gerade zu Ostern.

Midlfe Crisis in Echtzeit: Fast wie im richtigen Leben Fotos
SWR/ zero one film

Es wird ja überhaupt viel zu viel gejammert. Was hätte man nicht alles anders machen sollen. Besser machen können. Hätte man sich nicht öfter mal etwas trauen sollen? Konsequenter sein müssen? Jetzt stehen wir da und müssen damit leben, wie es ist. Zum Beispiel mit dem deutschen Fernsehen.

Genug gejammert, sehen wir doch auch einmal das Gute: Am Montagabend startet auf arte und dem SWR "Zeit der Helden", eine Serie, die so viel Gutes vereint, dass sie all das Schlechte, all die Fehler der Vergangenheit vergessen macht. Für eine Woche, immerhin.

Mai und Arndt Brunner sind zwar nicht reich, aber haben doch eigentlich alles: ein Haus. Eine Tochter und einen Sohn. Arndt ist Elektroinstallateur, Mai kümmert sich um Haushalt und Familie. Und doch gärt es unter der Oberfläche. Ebenso bei ihren Nachbarn, der Managerin Sandra Schmidt und dem selbständigen Lichtgestalter Gregor Anders: keine Kinder, dafür Wohlstand. Großzügige Wohnlandschaft statt Ikea-Gemütlichkeit wie bei den Brunners. Keine selbstgebackenen Plätzchen, dafür an Ostern in den Ski-Urlaub. Doch auch hier: Krise. Und dann ist da noch Christoph Herrmann, der erfolgreiche Eventmanager. Hat keine Partnerin, dafür einen Porsche und genügend Kohle, sich eine professionelle Begleitung für das geplante Ski-Vergnügen zu mieten. Glücklich ist auch er nicht.

Die Fußnägel-Gefahr

Man möchte meinen, es gäbe nichts öderes, als im krisenhaften deutschen Fernsehen zwei Paaren und einem Single aus der Provinz live bei der Durchlebung ihrer Midlife Crisis zuzusehen, aber das kann man nur, wenn man "Zeit der Helden" nicht kennt. Dass die Darstellung von fiktiver Normalität tatsächlich zu einem Fernsehereignis werden kann, ist dem Zusammentreffen von fünf Faktoren zu verdanken. Jeder einzelne von ihnen würde andere TV-Produktionen schon abheben von der Masse, dass in "Zeit der Helden" alle zusammenkommen, ist ein großes Glück.

Zunächst ist da erstens die Idee, sich unterhaltend und ernsthaft mit so einem spröden Thema wie der Sinnsuche und den Zweifeln von Erwachsenen beschäftigen zu wollen, ihren verzweifelten und manchmal lächerlichen Versuchen, aus ihren scheinbar bis zum Lebensende geordneten und vorgezeichneten Lebensverläufen auszubrechen - und das zweitens mit einem Stilmittel, das man aus actiongeladenen Krimis kennt: Die "Zeit der Helden" erleben wir in Echtzeit.

Jeden Abend, von Montag an über die Karwoche des Jahres 2013, sehen wir ab 20.15 Uhr im Fernsehen, was bei den Brunners und ihren Nachbarn ab 20.15 Uhr genau in diesem Moment in der Karwoche des Jahres 2013 geschieht, nach einer Pause dann um 22 Uhr noch mal für eine halbe Stunde. Das könnte schnell langweilig werden, im echten Leben der Provinz werden um diese Zeit Biere geleert oder Fußnägel geschnitten. Doch "Zeit der Helden" wird nicht langweilig. Weil sich die Serie nicht in Zeitsprünge oder Rückblenden retten kann, ist der Ortswechsel das einzige Mittel, um das nötige Tempo zu erzeugen. Regisseur Kai Wessel scheint das mühelos zu gelingen.

Glaubhaft, schmerzhaft

Dass die Produktionsfirma Zero One Film nicht nur stilsicher, sondern auch erfahren ist im Umgang mit Echtzeit, ist der dritte Glücksfaktor: Zero One produzierte bereits das Monumentalprojekt "24 h Berlin" (bloß nicht zu verwechseln mit dem RTL2-Machwerk "Berlin - Tag und Nacht"), einer Langzeitdokumentation, die mit 80 Drehteams über 50 Protagonisten durch den 5. September 2008 in der Hauptstadt begleitete. Zero One zeichnete auch verantwortlich für die innovative Erzähl-Doku "Schwarzwaldhaus 1902" (2002) und darauf folgende Formate. Hier arbeiten offensichtlich Menschen, die nicht nur mit Fernsehen Geld verdienen, sondern auch etwas Neues schaffen wollen.

Viertens haben Thomas Kufus und Volker Heise, die Produzenten von Zero One, bei arte und dem SWR mutige Senderverantwortliche gefunden, die bereit waren, ihr ambitioniertes Konzept auf den Schirm zu bringen. Das ist nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, wie sklavisch sich TV-Anstalten normalerweise an ihre festgefügten Abläufe halten. Die spezielle Feiertagssituation um Ostern mag ihnen die Entscheidung erleichtert haben, dennoch verdient es Respekt, dass hier offenbar begriffen wurde, dass heutiges Fernsehen nur noch als Ereignis funktionieren kann, wenn es tatsächlich ein Ereignis ist. Echtzeit ist dafür eine Möglichkeit. Zusätzlich wird den Zuschauern ein umfangreiches Begleitprogramm im Internet geboten: Auf der Webseite zur Serie kann man Hintergründe der Figuren erfahren, der SWR umrahmt "Zeit der Helden" zudem mit einem umfangreichen Angebot zum Thema Midlife Crisis.

Der fünfte und wohl wichtigste Faktor für die Qualität von "Zeit der Helden" ist jedoch das hervorragende Darstellerensemble der Serie: Oliver Stokowski als hilflos nach Anerkennung suchender Familienvater Arndt, Julia Jäger als in Heimeligkeit eingesperrte Hausfrau, Jasna Fritzi Bauer als selbstbewusste Altenpflegerin, Karl Alexander Seidel als Teenager auf Identitätssuche, Thomas Loibl und Inka Friedrich als verkrampft wohllebendes Erfolgspaar und Patrick Heyn als verzweifelter Erfolgsmensch - für jeden Zuschauer bietet "Zeit der Helden" eine schonend überzeichnete, dabei doch glaub-, weil schmerzhafte Identifikationsfigur.

Diese Ostern gibt es keinen Grund zum Jammern. Jedenfalls nicht über das Fernsehprogramm.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Schlimmer als RTL..
orthos 25.03.2013
& Co. kanns auch nicht sein.
2. Nicht schon wieder
gosub72 25.03.2013
Zitat : "hilflos nach Anerkennung suchender... - in Heimeligkeit eingesperrte... -Teenager auf Identitätssuche... - verkrampft wohllebendes Ehepaar... - verzweifelter Erfolgsmensch..." Es gibt (keinen) Grund zum Jammern ---> über deutsches Fernsehen ?! Jede Menge sogar, eine ganze Woche lang.
3. Realistisch
inhabitant001 25.03.2013
Wo in Deutschland kann man als angestellter Elektroinstallateur noch als Alleinverdiener eine Familie mit Kindern ernähren und ein haus haben? ALso hier nicht.
4. Zeit der Helden
drews-bernstein 25.03.2013
Ach, und Drehbuchautoren brauchte die Serie nicht? Das ist ja höchst erstaunlich. Oder werden die neuedings nicht mehr genannt?
5. Zeitreisende?
w b a 25.03.2013
Zitat von sysopAb Montagabend jeden Abend: Die TV-Serie "Zeit der Helden" schildert das Leben strunznormaler Deutscher in der Provinz. Geht's noch öder? Falsche Frage. Das Echtzeit-Format ist ernsthaft und unterhaltsam zugleich - ein Glücksfall fürs Fernsehprogramm. Gerade zu Ostern. Die Echtzeit-Serie "Zeit der Helden" ist ein Glücksfall im deutschen TV - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-echtzeit-serie-zeit-der-helden-ist-ein-gluecksfall-im-deutsche-tv-a-890767.html)
Wow, läuft heute Abend aber schon 4 Foristen erdreisten sich eine Kritik abzugeben. Wirklich erstaunlich. Deutsches Schubladendenken macht aber auch vor nix halt!!
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