NS-Drama "Die Freibadclique" in der ARD Der Sex und der Krieg

Lust aufs Leben inmitten des Sterbens: Der ARD-Film "Die Freibadclique" erzählt von fünf Jungs der Flakhelfergeneration, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs schneller erwachsen werden, als es gut ist.

SWR/ Ivan Maly

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Der Tod schaut ihnen immer über die Schulter, auch beim Sex. Einer der Jungs (Jonathan Berlin) lernt im Kino, während die "Deutsche Wochenschau" von der Leinwand tönt, eine Kriegswitwe kennen, die ihn wortlos mit nach Hause nimmt. Im Ehebett schlafen die beiden miteinander, die Frau hält dabei sehnsüchtig das Gesicht zum Nachttisch gewendet, von wo aus der tote Ehemann aus einem Bilderrahmen mit schwarzer Schleife zuschaut. Treue, irgendwie.

Der Junge, so sagte man früher, wird also zum Mann. Genau zur selben Zeit verliert ein Freund das Leben: Es sind die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs in der schwäbischen Provinz, in der Ferne hört man die Geschütze an der Westfront. Der Freund hat Durchfall, eine Folge der Mangelernährung, als er sich hinter einem Heuhaufen erleichtert, wird er von den Maschinengewehrsalven eines amerikanischen Jagdfliegers getroffen.

Wie wächst man in einem Umfeld auf, wo die Chancen, zum ersten Mal mit einer Frau im Bett zu landen, eher kleiner sind, als unter der Erde zu landen? Das NS-Drama "Die Freibadclique", das diesen Mittwochabend in der ARD Premiere feiert, fängt die Situation ohne Melodramatik ein: Aus Sicht von fünf Jungs des Jahrgangs 1929, Teil der sogenannten Flakhelfergeneration, erzählt der Film lakonisch vom Aufbruch in einer Zeit des Zusammenbruchs.

Das Werk basiert auf dem gleichnamigen Buch von Oliver Storz, das dieser 2008 veröffentlicht hat, drei Jahre später starb er. Der Schriftsteller und Regisseur, wie seine jungen Helden selbst Jahrgang '29, berichtet im unaufgeregten Duktus von schwülen Tagträumen im Schwimmbad, während am Himmel die Bomber surren, von der Lust aufs Leben inmitten des Sterbens.

Wie die Bundesrepublik wurde, was sie ist

Storz war einer der eigenwilligsten deutschen Fernsehregisseure, in Filmen wie "Das tausendunderste Jahr" oder "Drei Schwestern made in Germany" behandelte er aus ungewöhnlichen Perspektiven die Umbrüche zwischen Krieg und Frieden, die mythische Stunde Null, in der in Deutschland angeblich alles anders wurde, obwohl doch durchaus alte Kräfte weiterwirkten. Storz interessierten die Reste an Menschlichkeit im untergehenden Dritten Reich - genauso wie die Überreste an Unmenschlichkeit in der jungen Bundesrepublik.

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ARD-Drama über Flakhelfergeneration: Sonne, Wasser, Gewalt

Auch Regisseur Friedemann Fromm, der nun Storz' späten Jugendroman verfilmt hat, hat bereits 2009 eine starke eigene Arbeit über die Nachkriegszeit vorgelegt: das dreiteilige, mit dem International Emmy gekrönte ZDF-Epos "Die Wölfe". Es erzäht davon, wie ein Gruppe unterschiedlicher Halbwüchsiger aus den Trümmern des Krieges kleine eigene Wirtschaftsreiche errichteten. Wie Storz in seinen Filmen und Büchern, zeichnet Fromm ein sinnenfreudiges Psychogramm jener Flakhelfer, die später die Geschicke der Bundesrepublik bestimmen sollten.

Das ist auch der politische Subtext des Coming-of-Age-Dramas "Die Freibadclique": Der Überlebenswille, die Selbstbezwingbarkeit und die saloppe Pragmatik, jene Eigenschaften, die auch die Halbstarken am Schwimmbeckenrand auszeichnet, bildeten im gewissen Sinne die Grundlagen dafür, Trümmerdeutschland in kürzester Zeit zur Wirtschaftsmacht aufzubauen.

Das Pubertätsdrama wird zum Gangsterfilm

Es gibt aber auch kleine Mängel in Fromms Auslegung von Storz' Roman: Die Musik ist streckenweise klebrig und das Gegenteil vom lässigen Storz-Sound. Die Darsteller sind etwas zu alt und zu kerlig für 15-Jährige; zumindest am Anfang. In der zweiten Hälfte des Filmes, wo auf die mit amerikanischen Zigaretten und anderen US-Zuwendungen vorangetriebene Frühform der deutschen Wirtschaftswundergesellschaft fokussiert wird, kommt diese Reife der Schauspieler der Geschichte entgegen.

Da verwandelt sich das Pubertätsdrama in einen Gangsterfilm über die Verteilungskämpfe nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs. Fromm inszeniert diesen Teil stilsicher mit Jazzmusik, Gewaltausbrüchen und verbotenen Lieben als fatalistisches Krimidrama.

Einer der Jungs (Theo Trebs) macht krumme Geschäfte mit US-Offizieren, nähert sich dabei der falschen Frau und verheddert sich in seine Arrangements. Im ewigen Regen und im sehr guten Anzug ähnelt er Humphrey Bogart bei einem letzten Gefecht. Vom Bubi zum Bogey in nur einem Jahr - auch das sagt in diesem verwegen verdichteten Zeitgeschichtsdrama viel über das schnelle Älterwerdenmüssen der Flakhelfergeneration.


"Die Freibadclique", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Mittelalter 28.03.2018
1. Das ist doch
alles schon mal erzählt und verfilmt: Dieter Noll „Die Abenteuer des Werner Holt“ Mehr, intensiver, einprägsamer und nah an der Wirklichkeit der Generation 1928 geht nicht mehr. Kann man in Endlosschleife senden und als Schulbuch ausgeben:
dachhase 28.03.2018
2. Es war Pflichtlektüre
und genau das war das Problem. Ich hab es Jahre später noch einmal in die Hand bekommen und seit dem wenigstens fünf mal gelesen. Genau so, wie " Im Westen nichts neues"! Man sollte es zur Pflicht für Staatsoberhäupter machen- die sind so geschrieben, daß jeder kapiert, worum es geht!
streckengeher 28.03.2018
3. #1
Genau das war auch mein erster Gedanke. Der Holt ist ein unerreichtes Meisterwerk, wenn es um das Verständnis des Lebensgefühls der Jugend im dritten Reich geht. Dieses Buch und Robert Merles "Der Tod ist mein Beruf" haben mir all das verständlich gemacht, was bis dahin für mich am dritten Reich und der Haltung der Deutschen völlig unverständlich war und mir auch der Geschichtsunterricht nicht zu erklären vermochte.
mitch72 29.03.2018
4. Exakt
Zitat von Mittelalteralles schon mal erzählt und verfilmt: Dieter Noll „Die Abenteuer des Werner Holt“ Mehr, intensiver, einprägsamer und nah an der Wirklichkeit der Generation 1928 geht nicht mehr. Kann man in Endlosschleife senden und als Schulbuch ausgeben:
Auch der zweite Teil von Werner Holt - welcher exakt diesen Umbruch widerspiegelt (Werner in Hamburg und dann wieder zurück) - ist sehr tiefgehend und zeigt den Zwiespalt und Korrumpierbarkeit der Generation. Einfach Klasse! Ein MUSS für die Geschichte!
Timo Schöber 29.03.2018
5.
Mir persönlich hat der Film nicht gefallen. Ich habe da schon Besseres gelesen/gesehen, das sich mit dieser Zeit und vergleichbaren Ereignissen beschäftigt.
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