Blutrache-Doku "Die Gejagten": Gott will Mord sehen

Von Christoph Twickel

Hier kommt der Tod aus Tradition: Im Norden Albaniens bekämpfen sich verfeindete Familien noch heute über Generationen hinweg. Die Blutrache-Fehden treffen Jugendliche besonders hart, viele verschanzen sich über Jahre im Elternhaus. Eine düstere ARD-Doku erzählt von ihrem Schicksal.

Dokumentation "Die Gejagten": Das Phantom der Angst Fotos
SWR

Es gibt zwei Götter in dieser finsteren und sehenswerten Dokumentation. Der eine ist der Allmächtige im Gewohnheitsrecht der mittelalterlichen Familienclans im abgeschiedenen Norden Albaniens. Er will Blut sehen. "Zwei Fingerbreit Ehre auf die Blume der Stirn gab uns Gott", zitiert ein Mann am Lagerfeuer den Kanun, den Kanon der Ehre, der bis heute in manchen Gegenden des Landes gilt. "Die geraubte Ehre kennt keine Buße. Sie kann nicht verziehen werden. Die geraubte Ehre wird nur durch das Vergießen des Blutes gerächt."

Der andere Gott ist der Gott von Christina Färber. Die deutsche Ordensschwester kämpft von einer Missionsstation im albanischen Shkodra aus gegen das blutige Gesetz des Kanun - und ihr stehen die Tränen der Ergriffenheit in den Augen, wenn sie vor dem Papst niederkniet. In einer improvisierten Zeremonie legt sie ihren Schutzbefohlenen - Jugendlichen, deren Leben von Blutrache bedroht ist - die Bibel und den Kanun zur Auswahl vor, damit sie ihre Entscheidung für den richtigen Gott symbolisch vollziehen. "Ihr habt euch entschieden, einen sehr großen, sehr mutigen Schritt zu gehen", sagt sie. "Ihr wagt einen Schritt, bei dem ich euch nur beistehen kann."

Die Dokumentation begleitet albanische Jugendliche auf einer Deutschlandreise, die die Ordensschwester mit ihnen im Frühjahr 2012 unternimmt, um sie wenigstens für zwei Wochen aus dem grausamen Blutrache-System zu befreien. Viele von ihnen haben seit Jahren nicht das elterliche Haus verlassen. Es ist der einzige Ort, in dem sie vor den "Rächern" aus der verfeindeten Sippe sicher sind. "Ich kannte nichts anderes, als eingesperrt zu sein", berichtet Christian, der ein Kleinkind war, als das Leben seiner Familie "in Blutrache fiel", wie es im Film immer wieder heißt.

Keine Vergebung, niemals

Was war geschehen? 1994 waren Christians Vater und sein Onkel bei einem Fest betrunken in Streit mit einem entfernten Verwandten namens Simon geraten. Simon stieß den Vater zu Boden, die beiden holten Waffen und erschossen ihn. Seither darf Christian das düstere Wohnzimmer des elterlichen Hauses nicht mehr verlassen. Täte er es, wäre er Freiwild für die Sippe des Ermordeten. "Wenn ich durch diese Tür gehe, erschießen die Rächer mich" sagt Christian. "Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals mit einem Ball da draußen gespielt zu haben."

Die Filmemacher besuchen Angehörige des Ermordeten. "Ich kann mich nicht versöhnen", sagt dessen Schwester. Der Großvater raucht mit finsterer Miene Zigaretten: "Sie finden weder vor uns noch vor Gott Vergebung, so lange ich lebe." Die Regel ist ehern: Wenn in der Familie jemand ermordet oder beleidigt wird, muss jemand aus der Familie des Täters sterben.

Auch die Mörder kommen zu Wort: "Das war eine Beleidigung", sagt Christians Vater, ein trauriger Mann, der im Muskel-Shirt auf dem Gefängnishof steht. "Deshalb ist der Mord geschehen. Ich weiß schon, dass das vielleicht ein Fehler war. Aber ich musste es tun. Es gilt der Kanun."

"So wurde es von Gott geschrieben", ergänzt der Onkel.

Der Film von Marc Wiese im Auftrag des SWR ist mit 45 Minuten etwas zu kurz geraten. Um zu zeigen, wie Christian und seine Leidensgenossen auf ihrer Fahrt durch das sichere Deutschland ihre Angst abstreifen und über ihre traumatische Welt zu reden beginnen, hätte man mehr Zeit gebraucht. Auch die historischen und sozialen Zusammenhänge, in denen der Kanun seine religiöse Macht und Zwangsläufigkeit entfalten kann, fehlen in "Die Gejagten" weitgehend. Etwa die Frage, wie die Blutrache nach dem Ende des Realsozialismus wieder eine solche Bedeutung hat entfalten können - oder ob sie überhaupt jemals verschwunden war.

Es ist die große Stärke der Dokumentation, dass sie die Tragödien der albanischen Blutrache-Fehden nicht im einfachen Opfer-Täter Schema verhandelt, sondern als Glaubenssystem, das die Opfer zu Tätern und die Täter zu Opfern werden lässt. So entsteht eine vermeintlich unentrinnbare Rachelogik, unter der alle leiden, die aber keinen entlässt. "Es ist schwer für uns Gejagte, in Blutrache zu leben. Doch es ist auch schwer für den Rächer, das Blut zu nehmen", sagt Christian.

Am Ende fahren die albanischen Jugendlichen zurück in die Heimat, zurück in die Verliese ihrer Wohnungen. Das Morden wird weitergehen. Doch ebenso der Kampf gegen das "Phantom der Angst", wie die unermüdliche Schwester Färber die Blutrache nennt.


Die Gejagten. Ferien von der Blutrache: 1. August 2012, 23:30 Uhr, ARD

 

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Selbstjustiz!
flieder2 01.08.2012
So nennt man das in unserem Kulturkreis. Wo aber der Staat, bzw. der Rechtsstaat kaum existiert, werden eben zu solch archaischen Methoden gegriffen! Nicht das ich das gut heisse und auf gar keinen Fall akzeptiere ich Sippenhaft! Da wird als Racheakt wohlmoeglich der Tod eines Kindes angesehen. Was fuer ein Drama! Aber wenn Regierungen nicht durchgreifen, wird das sinnlose Toeten weitergehen. Scheinbar hat die albanische Regierung kein Interesse, das zu unterbinden.
2. Sehr traurig und ein Hindernis für die Entwicklung Albaniens
greece2012 01.08.2012
Eine sehr traurige Geschichte! Ich kenne viele Albaner, die ich in Griechenland traf und ich lernte sehr herzliche und gastfreundliche Menschen kennen. Aber auch si eerzählten mir von dieser Tradition, die es übrigens nicht nur in Albanien gab/gibt...
3. yo
Layer_8 01.08.2012
Zitat von greece2012Eine sehr traurige Geschichte! Ich kenne viele Albaner, die ich in Griechenland traf und ich lernte sehr herzliche und gastfreundliche Menschen kennen. Aber auch si eerzählten mir von dieser Tradition, die es übrigens nicht nur in Albanien gab/gibt...
Gibts zum Teil auch in Griechenland, z.B. auf Kreta. Das zieht sich weiter nach Osten bis nach Afghanistan und Pakistan. Die Leute leben heute noch in der Steinzeit, weil Bildungsmangel herrscht. Achja, in Italien gibts sowas auch noch. Das nennt sich dort Mafia und so
4. Gott gewollt ?
allereber 01.08.2012
Wo die Religion regiert, herrscht die Gewalt und Dummheit. Alte Weißheit.
5. Jaja!
eumenes 01.08.2012
Zitat von Layer_8Gibts zum Teil auch in Griechenland, z.B. auf Kreta. Das zieht sich weiter nach Osten bis nach Afghanistan und Pakistan. Die Leute leben heute noch in der Steinzeit, weil Bildungsmangel herrscht. Achja, in Italien gibts sowas auch noch. Das nennt sich dort Mafia und so
Es geht um einen Beitrag über Albanien und sie, werter Mitforist, versuchen den Bogen nach Griechenland zu ziehen... Es wird langsam durchsichtig.
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