"Die Geschichte eines Abends" Was sich Annalena Baerbock und Tim Wiese zu sagen haben

Sprechen, nicht talken: In "Die Geschichte eines Abends" treffen sich fünf einander fremde Prominente und unterhalten sich. Das klingt banal, ist aber eine große Leistung.

NDR/ Daniel Bremehr

Von


Forellenausnehmen als Teambuilding-Maßnahme, irgendwo in einer Waldhütte, stochern im Fischgekröse. "Du tust das Messer in das Poloch, bleibst aber mit dem Messer oben an der Bauchdecke und gehst auf keinen Fall rein in die Gedärme", hatte Gastgeberin Charlotte Roche gerade erklärt. Sie ist vor Kurzem von der Stadt raus aufs Land gezogen und kennt sich aus mit solch handfest ruralen Angelegenheiten, und dann sticht Ex-Torhüter Tim Wiese doch sofort mittenrein, dorthin, wo es wehtut.

"Ich hab so'n bisschen gelesen über dich", sagt er.
"Jaja, weil man liest so, ne?", sagt Roche freundlich.
"Was ich krass find - wo ich das gelesen hab… mit deinen Brüdern", sagt Wiese, und Bündnis 90/Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die nichts gelesen hat und wohl eine muntere Roche'sche Familienschnurre erwartet, sagt vergnügt: "Das musst du jetzt erzählen!".

Und dann erzählt Charlotte Roche, wie vor sechs Jahren auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ihre drei Geschwister tödlich mit dem Auto verunglückten. Da ist "Die Geschichte eines Abends" gerade mal ein paar Minuten alt. Das Eingemachte wird aufgeschraubt, da liegen die Fische noch auf dem Grill.

Tacheles im Wald: Baerbock, Wiese
NDR/ Daniel Bremehr

Tacheles im Wald: Baerbock, Wiese

Als "Anarcho-Talk" wird dieses besondere NDR-Format gern bezeichnet, bei dem ein prominenter Gastgeber (bislang war das Dirk Stermann, nun wechseln die Hosts) vier ihm bislang unbekannte Prominente an einen besonderen, für sie persönlich wichtigen Ort einlädt.

Dabei ist das Besondere daran womöglich, dass es sich hierbei eben nicht um einen wie auch immer gearteten "Talk", sondern um ein wirkliches Gespräch handelt. Kein konzertiertes Reihum-Abfragen, sondern eine tatsächliche Kommunikation, bei der man sich eben auch einmal in ungemütliche, raue Momente manövrieren kann. Alle sind natürlich betreten, als Roche diese Geschichte erzählt, und dann stellt Tim Wiese die sonderbarste aller in diesem Kontext möglichen Fragen, nämlich eine zur Routenführung: "Wo kamen die her? Aus Köln oder was?"

So laufen Gespräche ja wirklich, nur meistens nicht im Fernsehen.

Das Setting, das sich Roche für ihren Abend ausgesucht hat, erinnert äußerlich und szenisch ein wenig an eines dieser schönen Fernsehfilm-Kammerspiele, bei denen sich fünf ehemalige Klassenkameraden nach 30 Jahren in irgendeinem Hüttenkontext wiedersehen und sich dann aus einer Laune heraus gegenseitig umbringen oder sonstig ernsthaft verletzen. Über allem schwebt stets ein leichtes Alles-kann-Passieren, nicht gruselig, aber ungewohnt unbestimmt. Der Abend verläuft wunderbar, man würde sich sofort dazusetzen wollen, auch das ist ja eher selten bei TV-Talkrunden.

Echt ist echt gut

Roche, Fisch, Stadlober: Filetiert wird nicht nur Forelle
NDR/ Daniel Bremehr

Roche, Fisch, Stadlober: Filetiert wird nicht nur Forelle

Roche filetiert für Schauspieler Robert Stadelober den Fisch, weil das zu Hause bei ihm immer seine Frau macht, für Schauspielerin Christine Neubauer auch, weil die sonst ihre Brille holen müsste, und dann sprechen sie über die Angst vor dem Tod und das Sterben der Eltern.

Es sind die großen, schweren Themenklopper, die in der Waldhütte verhandelt werden, aber auf Normalmenschengröße heruntergebrochen. Zwischen den Gesprächssequenzen bekommt jeder Rundenteilnehmer seinen eigenen kurzen Solo-Talk im Halbdunkel, in dem er ein Thema anspricht, an dem er oder sie zu knacken hat.

Baerbock erzählt, dass sie vor lauter Sachzwängen Angst hat, das eigene Leben zu verpassen: Wie oft macht man eigentlich das, was einem richtig Spaß macht? Zwischendurch wird Holz gehackt, Bizepse werden befühlt, Tim Wiese weiß nicht, wer Markus Söder ist und erzählt, dass er "Schiss" vor Terroranschlägen hat, vor Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, "um hier Unfug zu machen".

Und selbst bei diesem Thema kippt das Gespräch nicht ins Plakative, sondern bleibt ein echter Austausch. Ein Abend im Wald mache aus niemandem einen neuen Menschen, summiert Gastgeberin Roche später aus dem Off, aber vielleicht öffne man hier für einen kleinen Moment sein Visier, "wir schauen auf uns selbst und sind überrascht". Und der Zuschauer schaut gern mit.

"Die Geschichte eines Abends" mit Gastgeberin Charlotte Roche kann man hier in der Mediathek anschauen. Nächsten Freitag ist Schauspieler Lars Eidinger der Gastgeber, auch diese Folge ist bereits online verfügbar.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 01.12.2018
1. Nicht mein Fall
Ich habe mir gerade einige Szenen reingezogen. Der Stil der Sendung passt zum NDR. Sowas ähnliches hatten wir schon mal. Als Zuschauer komme ich mir vor, wie jemand, der bei einer intimen Party in der Ecke steht und die Gäste beobachtet, die einerseits als kleine Runde um den Tisch sitzen, sich aber trotzdem bewusst sind, dass rundherum dutzende Leute mit Kamera und Mikrofon stehen. Inszenierte Betroffenheit. Gespräche über Dinge, die nicht wirklich interessant sind. Auf dem Sendeplatz verbrät der NDR in letzter Zeit so einige Personality Konzepte, von denen ich nicht eines gelungen fand. Ist ähnlich wie Kabarett und Comedy. Das kann der NDR auch nicht. Immer der Anspruch, das muss nordisch unterkühlt rüberkommen.
stefanmargraf 01.12.2018
2. Uups, Frau Rützel, Sie können ja auch "normal"
Scheinbar war die Sendung tatsächlich so gut, dass ich sie mir ansehen werde....ich habe sie ja eh schon bezahlt.
schlemo 01.12.2018
3. Die Erkenntnis des Abends...
Tim Wiese kann lesen.
Alexis_Saint-Craque 02.12.2018
4. Dot_tot
Man müsste schon am Gewäsch anderer Leut interessiert sein. Aber auch dort wird nur gewaschen, was überall gewaschen wird. Absolut uninteressant. | Und die Abstinenz vom mühsam zelebrierten Ritus der Litter-Signature ist nur der Gastgeberin zu verdanken, was zu begrüßen ist. Ansonsten hätten wir uns durch einen wahren Dschungel an wild wuchernder Rosettenfloristik kämpfen müssen. Für das Self-Marketing ist das natürlich Gift - wo sind denn die sonst üblichen Ovationen der Made-my-day-Heloten? Nun, das Antidot wird in Kürze publiziert werden.
hansfrans79 06.12.2018
5.
Zitat von stefanmargrafScheinbar war die Sendung tatsächlich so gut, dass ich sie mir ansehen werde....ich habe sie ja eh schon bezahlt.
Das glaube ich nicht, dass Sie für die Sendung bezahlt haben. Sie zahlen einfach nur GEZ. Das Geld ist dann nicht mehr das Ihre. Der Sender bezahlt. Ich zahle ja auch nicht, damit andere Leute mit über 120 km/h auf der Autobahn rasen, ich wäre ja verrückt. Nein, ich zahle Steuern, nach dem Bezahlen gehört mir das Geld nicht mehr und Behörden zahlen damit den Erhalt von Autobahnen, die ich gar nicht nutze. Und das ist auch gut so. Solidarprinzip, Sie wissen schon..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.