Sat.1-Doku-Soap über Kleinwüchsige: Inklusion mit Megafon

Von Arno Frank

Nach den Fettleibigen sind die Kleinwüchsigen dran: Sat.1 probt nach "Schwer verliebt" die Integration von Menschen unter Normgröße. Und wie haben die "Kleinen" Zugang zur großen Welt? Indem sie kaufen, kaufen, kaufen! Jedenfalls könnte man das aus der Doku mit Ulla Kock am Brinck schließen.

Leben als Kleinwüchsiger: Sat.1, dein Freund und Helfer Fotos
Sat 1

Inklusion ist in der Pädagogik ein wichtiges Thema. Es geht um die Einbindung körperlich oder geistig eingeschränkter Menschen in die Welt uneingeschränkter Menschlichkeit. Auch das Privatfernsehen, nie um eine gute Tat verlegen, sorgt sich um Aufklärung. Wie leben beispielsweise...Kleinwüchsige?

Zwerge? Nein, Kleinwüchsige! RTL II marschierte da mutig voraus und präsentierte im März mit "Kleine Leute, große Welt!" zwei kleinwüchsige junge Frauen auf Männersuche. Nach offenbar endlosen Sitzungen und Klausurtagungen nannte Sat.1 sein eigenes Format "Die große Welt der kleinen Menschen". 100.000 davon gibt es in Deutschland, und sie meistern ihren Alltag perfekt. Alles sitzt, passt, funktioniert und klappt wie am Schnürchen. Zumindest ist das der Eindruck, den die vierteilige Doku-Soap erweckt.

Wir begleiten ganz normale Familien, die in ganz normalen Häusern wohnen, bei der spielerischen Bewältigung ihres ganz normalen Alltags. Denn auch Kleinwüchsige sind manchmal zu Hause, im Garten, in der Fußgängerzone, im Urlaub, auf dem Weg zur Freundin oder beim Klamottenkaufen. Alltag ist auch hier Konsum, warum auch nicht?

Gar so groß scheint die Welt der kleinen Menschen halt nicht zu sein. Der Geldautomat ist zu hoch angebracht? Dafür haben wir immer einen Hocker dabei. Die Arme sind zu kurz, um an Gaspedal und Lenkrad zu kommen? Lässt sich umbauen, das Auto. Im Möbelhaus können Kleinwüchsige sogar geschmacklosen Nippes kaufen. Und wenn der Brokkoli im Supermarkt unerreichbar ist, hilft die Einzelhandelskauffrau gerne aus. Freunde sind freundlich, Verkäufer zuvorkommend.

Mit spitzen Fingern und Samthandschuhen

Da wollen auch die Leute vom Fernsehen mal nicht so sein und verzichten darauf, das Watscheln der Kleinwüchsigen mit einer lustigen "Benny Hill"-Musik zu unterlegen. Damit erfahren Kleinwüchsige sogar eine etwas fairere Behandlung als etwa Bauern auf Brautschau oder Prominente im Dschungel, wo zu jeder Szene immer eine Beömmelungsanleitung mitgeliefert wird.

Um die übliche musikalische Geschmacksverstärkung kommt aber auch "Die große Welt der kleinen Menschen" nicht herum. Dass das mit dem Autofahren klappt, wird mit "Baby You Can Drive My Car" von den Beatles untermalt. Und als ein anderer Held halbwegs in die Kühltruhe klettern muss, um sich eine Tiefkühlpizza zu angeln, läuft tatsächlich "Step by step, oh, gonna get to you" von den New Kids on the Block. Gute Laune muss sein. Oder, wie Ulla Kock am Brink so schön sagt: "Lebensfreude ist keine Frage der Körpergröße". Sondern halt eine des Geldbeutels. "Wie bei normalen Familien auch, stehen bei Ulf und Elke ständig Veränderungen an", heißt es, und man ahnt: Gleich wird das Wohnzimmer renoviert.

Die große Warenwelt der kleinen Menschen zeigt nur an zwei Stellen feine Risse. Einmal wird bei der kleinwüchsigen Tochter eine Fehlstellung des Fußes diagnostiziert, die eines Tages eine Operation zur Beinverlängerung erfordern könnte. Der Vater weiß nicht, wie er sich eine solche Operation leisten soll, weil die Krankenkasse wahrscheinlich nicht zahlen würde. In einer anderen Szene schiebt ein eher zupackender Kleinwüchsiger im Baumarkt einen Wagen vor sich her und wird von einem anderen Kunden scherzhaft angepöbelt: "Stell dich doch drauf, dann siehste besser". Thematisiert werden diese Probleme natürlich nicht wirklich - sie werden immerhin aber auch nicht rausgeschnitten.

Sat.1 packt das Thema also mit spitzen Fingern an, die überdies in Samthandschuhen stecken. Was man mutig nennen könnte, erwartet das Sat.1-Publikum auf diesem Sendeplatz doch eher die fiesen Freaks von "Schwer verliebt" oder "Auf Brautschau im Ausland". Umso löblicher, dass der Sender hier sein trashfixiertes Stammpublikum ein wenig zur Vernunft und Nächstenliebe bringen will. Nicht auszuschließen trotzdem, dass sich dabei doch der eine oder andere Zuschauer wie früher im Zirkus wähnt, wo er ungeniert und mit offenem Mund das Fremde begaffen durfte. Falls das der Fall sein sollte, dann hat Sat.1 das sicher nicht gewollt.

Schließlich sagt "Moderatorin" Ulla Kock am Brink ihre Sprüchlein am Anfang und am Ende nicht alleine auf - sondern im Dialog mit einem in der Doku begleiteten Kleinwüchsigen. Wegen der Inklusion und so.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
netri 20.08.2012
Das nur noch Müll im fernsehen kommt ist ja wahrlich keine neuigkeit mehr.. Man darf gespannt sein wer als nächstes drann ist.. Wobei saufende hartz IV eltern die ihre kinder schlagen und untertitelt werden müssen laufen bestimmt noch ein paar jahre..
2. optional
Knarzi 20.08.2012
Im Privatfernsehen könnte man glatt das Gefühl bekommen, es gebe unter Behinderten nur Kleinwüchsige und QS-Unfallopfer. Da fühl ich mich als Spastiker ja mal richtig benachteiligt... :)
3.
hartmutdortm 20.08.2012
Leute, schmeisst euren Fernseher aus dem Fenster. Der Beginn eines neuen Lebens.
4.
glen13 20.08.2012
Zitat von hartmutdortmLeute, schmeisst euren Fernseher aus dem Fenster. Der Beginn eines neuen Lebens.
Aber das Ende des Lebens für den da unten....
5.
hartmutdortm 20.08.2012
Zitat von glen13Aber das Ende des Lebens für den da unten....
So ein Flachbildschirm wiegt doch nichts mehr :) Aber so eine alte Röhre, ja. Boah die waren richtig schwer die Klopper.
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