Start der neuen Staffel Das Genöle der Löwen

Die Investoren-Großkatzen sind zurück - und die neue Staffel von "Die Höhle der Löwen" bietet dank neuen Jurymitglieds nicht nur schräge Geschäftsideen, sondern auch Einblicke in die Botanikerseele von Carsten Maschmeyer.

Die Jury: Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen und Jochen Schweizer
VOX

Die Jury: Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen und Jochen Schweizer

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In irgendeiner Schublade müssen sie doch noch liegen, die hastig auf einen Bierdeckel gekritzelten Entwürfe für "Boozn": ein BH mit individuell befüllbarem, beidseitigem Flüssigkeitsreservoir, mit dem man heimlich Schnapsreserven für den Eigenbedarf in teure Klubs schmuggeln kann, diskret wegpichelbar über ein mit dem bloßen Auge kaum sichtbares, hinter dem Ohr zum Schnütchen verlaufendes Trinkschläuchlein.

Man hatte diese Weltidee längst wieder vergessen, bis nun die neue Staffel von "Die Höhle der Löwen" anlief, der Sendung, die jedem das Gefühl verleiht, sich trotz bisherigen Holperwegs doch noch Trump-artig zum Mega-Entrepreneur aufschwingen zu können. Lässig Sätze rauszuhauen wie "Besonders erfolgreich sind wir im Barbecue-Bereich" und ohne zu zucken, Bizarro-Bewertungen in Millionenhöhe daherzufantasieren.

Zumindest für die paar Minuten Präse, die sie haben, bevor die sogenannten Löwen ihr Urteil zur Geschäftsidee abgeben, scheinen die Teilnehmer der Sendung das wirklich zu glauben. Bis die potenziellen Investoren beginnen, die Idee zu entbeinen. Und "Die Höhle der Löwen" plötzlich zeigt, dass die Sendung eigentlich "Goodbye Deutschland" ist, nur ohne umständliche Auslandsreisen.

Auch in der neuen Staffel sind das immer noch die schönsten Momente des Formats: Die Fassungslosigkeit in den Löwen-Gesichtern, das offenmäulige Staunen, die für ein paar entgleiste Momente komplett unverhohlene Angewidertheit von so viel Simpeltum. Und natürlich das dann folgende Genöle in der Höhle, die stufenlose Eskalation von "Du argumentierst wieder total falsch" über "Bitte hört auf damit, das tut allen weh" bis zu "Sie kommen wohl aus dem Fantasialand".

Die beiden Neuen in der Investorenjury fügen sich gut ein in das Rudel - so sehr man die plumpe, niedergenudelte Löwen-Metaphorik der Moderation hasst, so schnell lässt man sich doch hineinziehen in eine Gedankenwelt, in der man Carsten Maschmeyer gänzlich ironiefrei raubtierhafte Qualitäten zuschreibt, das ist die große Leistung der Sendung.

Carsten Maschmeyer, das rätselhafte Wesen

Natürlich ist es schade um Lencke Steiner, zu lustig war das kleine Sofaspielchen mit ihr: Wer schaffte es beim Zuschauen daheim als Erstes, "Ich bin raus!" zu plärren, wenn nach einem Pitch ihr Gesicht eingeblendet wurde? Auch die bräsige Scheinautorität von Vural Öger war amüsant. Dafür kam nun Handelsmogul Ralf Dümmel, der durch leicht geckige (rote Socken zum schwarzen Anzug!) Verbindlichkeit und milde optische Reminiszenzen an Udo Jürgens gefiel. Und natürlich der gar nicht mal so unumstrittene Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer, das rätselhafte Wesen.

Carsten Maschmeyer
FoTe Press / Intertopics

Carsten Maschmeyer

Bei seinem ersten Auftritt erfuhr man nun direkt, dass er eine "Gartenpraktikantin" hat. Hach, die Schrullen der Reichen! Maschmeyer liiiiebt nämlich Pflanzen und Gärtnern, wie er ausgiebig betonte, deswegen buddelt er auch besonders tief im Konzept von "Evrgreen", einem schnickschnackisierten Zimmerpflanzenversand. Geschundene Start-up-Überdrüssige zu Hause mussten dieses Unternehmen schon allein wegen des dümmlich fehlenden "E"s spontan hassen - früher, viel früher, war diese Schrulle in Start-up-Kreisen mal modern, jetzt ist sie längst so etwas wie ein namentliches Arschgeweih.

Evrgreen also bietet im Prinzip dieselben Pflanzen an, die man im Einkaufs-Endtrance auch in schwedischen Möbelhäusern noch in den überfüllten Einkaufswagen schaufelt, nur dass sie hier mehr kosten, dafür Namen wie "Forrest Stamm", "Otto Regenhagel" oder "Ulf" tragen. Und man bekommt regelmäßig Mails mit Düngeermahnungen.

Maschmeyers Gartenpraktikantin allerdings, das bringt dessen botanisches Kreuzverhör rasch ans Licht "hat mehr Ahnung" von Pflanzen als die beiden Gründer, deswegen muss der schollenverbundene Investor von einer Geldgabe absehen. "Ich liebe Pflanzen", stößt er noch mal inbrünstig hervor.

Dann ereignet sich schon der herrlichste Auftritt des Abends, vollführt von einem Rechtsanwalt, der überraschend ein Bügelbrett und eine selbst erfundene Ärmelbügelhilfe aus dem Büro-Bühnenbild zaubert und wild drauflos plättet: "Schauen Sie mal, wie wunderbar vorgespannt die Ärmel schon sind."

Dümmel und der "Bügel-Clou"

Maschmeyer allerdings kennt sich nicht nur mit Horngurken, sondern auch mit Hemden aus, vielleicht vertikutiert er seinen Edelrasen sogar im feinen Oberhemd. Hat er auch eine Bügelpraktikantin? Es ist möglich. Jedenfalls fachsimpeln dann alle über den symbolischen Kapitalwert einer deutlich sichtbaren Hemdsärmelbügelkante, es ist herrliches Fernsehen. Dümmel macht am Ende seinen ersten Deal, da er eh schon massenweise Bügeleisen verkaufe, wird künftig eben auch noch der "Bügel-Clou" mitverhökert.

Ralf Dümmel
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Ralf Dümmel

Auch interessant ist der Auftritt einer Dirndlunternehmerin, die unter anderem einen Online-Konfigurator anbietet, mit dem sich auch Nichtspielerfrauen ein farbdesaströses Schreckdirndl zusammenstellen können. Sie schnurrt ihren Pitch herunter wie ein Roboter auf Restakku, leicht stockend und mit Pausen. An den. Falschen. Stellen, wie man es von Heidi Klums top-modeliger Urteilsverkündung kennt. "Machen Sie irgendwas mit Schauspiel, Sie… machen das so toll!", kriegt sich Maschmeyer allerdings gar nicht wieder ein vor Begeisterung, interessant, was er so für große Mimenkunst hält. "Sie sind richtig löwenswert!", sagt er dann und freut sich, auf den hat er lange gewartet, dieser Spitzenkalauer brannte ihm schon lange im kantengebügelten Edelhemdsärmel. Er und Judith Williams investieren je 125.000 Euro für 20 Prozent Dirndl-Anteile.

Zum schönen Finale treten dann noch ein sehr gebräunter Zahnarzt mit einer leistungssteigernden Aufbissschiene und ein dauergrinsender Weltreisender auf: Letzterer hat eine Plattform für Online-Reiseprofile entwickelt, die eine Weltkarte mit den Orten markiert, an denen man schon war und von denen man Bilder hochladen kann - also eine Funktion, die Social-Media-Dickschiffe wie Instagram oder Tumblr eh schon längst integriert haben.

"Ich bin volle Kanone Nerd"

Gefundenes Fressen für Tech-Investor Frank Thelen also, der mit scheinbar schon körperlichen Schmerzen zusieht, wie der grienende Gründer sich immer tiefer in den Morast bohrt: "Ich bin volle Kanone Nerd", schwadroniert der, immerhin habe er erst letzten Monat 200 Euro in sein Unternehmen investiert, prompt 35 Prozent mehr Wachstum generiert und in zwei Jahren schon 9000 User gebunden! Endlich darf Thelen da ausholen zum obligatorischen Vernichtungsschlag, der eine "Höhle der Löwen"-Folge erst richtig schön macht: "Du sieht gar nicht, dass du nichts geschaffen hast." Auf den letzten Drücker ist dann für den Reisefex doch noch ein Schreibtisch und ein Handgeld bei Löwe Jochen Schweizer drin.

"Ich hab Angst, aber ich find's geil", stammelt der Gründer. Ungefähr dieselbe Gefühlslage also, mit der man auch beim nächsten Mal wieder einschaltet, so die Fernsehpraktikantin nicht wieder die Fernbedienung verschusselt hat.

Mehr zu den Start-ups der neuen Staffel "Die Höhle der Löwen", die im September 2017 gestartet ist, lesen Sie bei manager-magazin.de.



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
OlafKoeln 24.08.2016
1. Maschmeyer
... ist wohl kaum als Vorbild geeignet. Er ist eine ähnliche Kategorie wie Trump - wenn auf höheren Niveau. Achja, er - oder besser der AWD - schuldet wohl einen Mengen leuten noch geld, welche abgezockt wurden.
Laemat 24.08.2016
2.
Zur Vorstellung des "Bügel Clou" habe ich tatsächlich kurz reingeschaut, dass an der ganzen Präsentation etwas nicht stimmen kann, sieht man wenn man bei Amazon mal Bügel Clou eingibt....
dereju 24.08.2016
3. trash tv
die sendung lehrt uns eins,laßt euch nicht zum affen machen. hochnäsige arrogante löwen die auf ideen anderer aufbauen wollen.
Akonda 24.08.2016
4. Soso...
...wusste gar nicht, dass der Maschmeyer ein "Niveau" hat. Muss wohl ein so tiefes sein, dass man es nicht sieht.
Eduschu 24.08.2016
5.
Eine neue Kostbarkeit in meiner Rützel-Sammlung.
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