Gründer-Casting auf Vox Höhle, Höhle, Höhle

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Gute Geschäftsideen scheitern oft an fehlendem Kapital oder Ahnungslosigkeit. In der Vox-Gründer-Show "Die Höhle der Löwen" schaut sich eine Jury Präsentationen von Erfindern an und kauft bei Gefallen Firmenanteile. Das hat zwar nichts mit der Realität zu tun, pusht aber die deutsche Gründerszene.

Fangen wir mit Maurice und Aryan aus Hamburg an. Die Schulfreunde im Karohemd-Partnerlook machen Chips aus Wirsingkohl. Gesund, luftgetrocknet, sagen sie. Um ihre Idee aber nicht nur bei Rewe in Eimsbüttel zu verkaufen, brauchen sie 125.000 Euro und bieten dafür fünf Prozent ihres Unternehmens. Deal or No Deal? Da schlägt Erlebnis-Unternehmer Jochen Schweizer zu: "Ich finde euch cool." Für 15 Prozent der Firmenanteile.

Und so geht es weiter: Michael und Monique brauchen für einen virtuellen Smartphone-Assistenten 200.000 Euro. Martin, ein selbstständiger Handwerker aus München, möchte mit einem Universalverschluss für "Säcke aller Art" groß rauskommen. Eine Psychologin hätte gern 120.000 Euro, um ihr WC-Parfüm aus ätherischen Ölen zu pushen. Deutschland, ein Land, genauso sexy wie seine Ideen.

Die Show zur Geschäftsidee

Wenigstens herrscht daran kein Mangel. 65.958 Erfindungen wurden im vergangenen Jahr beim Patentamt eingereicht. Mit der zweiten Staffel von "Die Höhle der Löwen" bietet Vox die Show zur Geschäftsidee. Oder eben Unterhaltung für alle BWL-Abbrecher und diejenigen, die einen McDonald's-Lieferservice jahrelang als persönliche Weltidee auf ihrem Sofa feierten. Darauf muss man erst mal kommen.

Im Fall der Sendung war das nicht schwer. Das Konzept stammt aus Japan, die weltweit mehr als 26 Ableger orientieren sich an dem britischen Format "Dragons' Den", die Höhle der Drachen. In der amerikanischen Variante werden mittlerweile zweistellige Millionenbeträge investiert und Tausende Arbeitsplätzen geschaffen. In diesem Herbst ist der Schauspieler Ashton Kutcher als Investor dabei. Auch die erste deutsche Staffel war ein Überraschungserfolg und wurde für den Grimme-Preis nominiert.

In der Vox-Variante sind die Preisrichter ein großer Gewinn. Mit Jochen Schweizer, dem Tourismusunternehmer Vural Öger, dem Investor Frank Thelen, der Unternehmerin Lencke Steiner und der Tele-Shopping-Investorin Judith Williams ist wohl die kompetenteste Jury im deutschen Fernsehen versammelt. Öger etwa sitzt im Aufsichtsrat von Thomas Cook Deutschland, Thelen wurde als Hightech-Unternehmer von der Kanzlerin ausgezeichnet.

Der Reiz der Sendung liegt auch darin, dass die Unternehmer aus den unterschiedlichen Branchen bereit sind, tatsächlich etwas von ihrem eigenen Geld zu investieren - wenn eine Idee sie überzeugt.

Dennoch bleibt "Die Höhle der Löwen" ein Unterhaltungsformat, das mit der Realität oft nichts zu tun hat. Das mussten nach dem Dreh der ersten Staffel auch viele der 57 Start-ups und Unternehmen ernüchtert feststellen. Viele Deals, die im Fernsehen klappten, platzen im Nachhinein, nachdem die Jury sie einer weiteren Prüfungsphase unterzog. Investor Thelen sagte später, man habe viele Abschlüsse nur für die Kamera gemacht.

Verkaufsshow mit Aha-Effekt

Anders als die Sendung suggeriert, ist Deutschland nämlich kein Paradies für Gründer. Die digitale Wirtschaft ist hierzulande selbst noch ein Start-up. Es gibt wenig Wagniskapital, aber viele Bedenken. Im Gegensatz zu Spanien oder Irland fehlt deutschen Geldgebern bei komplizierten Ideen oft die Fantasie. Die deutsche Gründermentalität, das ist noch immer der selbstständige Handwerker aus München, der einen Universalverschluss für "Säcke aller Art" an den Kunden bringen will.

Das alles muss man wissen. Auch, dass "Die Höhle der Löwen" ein Format ist, bei dem es nicht nur einzelne Werbeblöcke gibt, sondern die ganze Sendung ein Werbeblock ist. Sowohl Jungunternehmer als auch Jury-Mitglieder bekommen in Ruhe die Gelegenheit, die Vorzüge ihrer Unternehmen anzupreisen. Zwar kommt das Format mit angenehm wenig Showeffekten, dramatischer Hintergrundmusik und persönlichen Schicksalen aus, bleibt aber eine groß angelegte Verkaufsshow. Allerdings mit Aha-Effekt.

Denn trotzdem hebt sich "Die Höhle der Löwen" von ähnlichen Genre-Sendungen positiv ab. Das Format erreicht ein Publikum, das nicht unbedingt Betriebswirtschaft studiert und sonst auch gern den Wirtschaftsteil in der Zeitung überblättert. Sie gibt ein Gefühl davon, wie der Markt funktioniert. Vielleicht bleiben diese Menschen demnächst auch interessiert hängen, wenn drei Brüder mit dem Namen Samwer ihre Holding Rocket Internet oder den Onlinehändler Zalando erfolgreich an die Börse bringen.

Weniger Show-Cases, mehr Business-Cases

In der neuen Staffel soll es weniger um kuriose Ideen gehen, sondern mehr in Richtung Elektronischer Handel und E-Commerce. Weniger Show-Cases, mehr Business-Cases. Auch die Investitionen der Jury sollen in diesem Jahr deutlich höher liegen. Jochen Schweizer ließ verlauten, er hätte Deals über eine Million Euro abgeschlossen.

Zumindest in der ersten Folge überwog allerdings noch das Entertainment, etwa wenn Schweizer und Thelen versuchten, sich gegenseitig zu überbieten, um einen jungen Österreicher bei der Gründung seiner eigenen Skateboard-Marke zu unterstützen.

Nur die Werbemaschinerie läuft bereits gut an: Noch während der Sendung war der Internetauftritt der beiden Wirsingkohl-Chips-Unternehmer nicht mehr zu erreichen. Auf ihrer Facebook-Seite schrieben die beiden Hamburger: "Sorry Leute, unsere Website wird gerade überrollt mit Traffic!" Klingt nach einem guten Deal.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
mpei 19.08.2015
1.
Lieber das Original "Shark Tank" schauen...
torpedo-of-truth 19.08.2015
2.
Hab ich was verpasst? "Investor Thelen sagte später, man habe viele Abschlüsse nur für die Kamera gemacht." Es handelt sich hierbei um einen VERTRAG der geschlossen wurde. Der kann doch nicht einfach einseitig gekündigt werden mit der Argumentation "war nur fürs TV". Also diese "Löwen" wären bei mir aber an der falschen Stelle. Angebot + Annahme = Vertrag.
tnyhf 19.08.2015
3. wirsingkohl
Wenn ich mich nicht irre, hat Jochen Schweizer für sein Investment beim Kohl 15% der Firmenanteile bekommen. Ich finde das war mir der interessanteste Deal an diesem Abend, und das gleich zu Beginn der Sendung. Da muss man doch noch genauer hinhören können ;)
DracheNimmersatt 19.08.2015
4.
Herr Öger wurde in der Bildstrecke auf Bild 1 vergessen. Ich unterstelle mal keine Absicht.
hmoik 19.08.2015
5. Immer gut, wenn man die Sendung ...
...auch gehen hätte. J. Schweizer hat 15% bekommen, nicht 10. Insgesamt ist zu den Investments zu sagen, dass hier eine typisch deutsche Eigenart durchscheint : viel zu hohe Firmenanteile für Viel zu wenig Geld. Die "Heimatgut" Jungs mit ihren Wirsingchips sind ein gutes Beispiel. Angeboten haben sie 5% für € 125.000 Investment. Sie sind bereits erfolgreich im Markt und benötigen das Geld für die Erfüllung nachgefragte Aufträge. Also proven Business Modell. Angebot der Löwen: 125K für 30%! Ja seid ihr den besoffen? Gut, dass die Jungs das abgelehnt haben. Ich habe Unternehmen im Silicon Valley und sitze im Board einiger Start Ups. Auf die Idee, ein solch unverschämte Angebot zu machen, würde kein Valley Business Angel kommen. Klar ist nämlich auch, dass die mit ihren 125K nicht weit kommen und weiteres Geld brauchen. Und schön wäre es dann, wenn ihnen am Ende auch noch was von der Firma gehört. Ansonsten ist es zu begrüßen, dass mit DHDL vielleicht mal wieder etwas Risikobereitschaft in D gefördert wird und andere auch auf die Idee kommen, was loszutreten. Wer weiß, der/die eine oder andere Zuckerberg, Page, Dorsey, Bezos oder Gates schlummert ja vielleicht auch in einem/einer Deutschen. Deshalb haben wir auch mit einem Berliner Verein (sehr deutsch!) begonnen, Leute für 8 Tage ins Valley zu verfrachten und das Feuer zu entfachen.
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