Doku "Die rechte Wende" Die Bilder sprechen für sich

Einige Menschen entlarven sich selbst, lässt man sie nur lange genug reden. Der Dokumentarfilm "Die rechte Wende" schafft es, das intellektuelle Niveau der rechten Szene zu enthüllen, ohne kommentierend einzugreifen.

ZDF/ Torsten Backofen

In Gefahr und großer Not, heißt es, bringt der Mittelweg den Tod. Und doch kann ein Journalismus, will er nicht durch Parteinahme zum Aktivismus werden, diesen Weg nicht verlassen. Wie schwierig eine gesunde Äquidistanz angesichts der Gefahr von rechts ist, führen Katja und Clemens Riha mit ihrer Dokumentation "Die rechte Wende" eindrucksvoll vor Augen.

Über Jahre haben die Filmemacher die Szene beobachtet und begleitet. Sie filmen den Verleger, AfD-Einflüsterer und Strippenzieher Götz Kubitschek beim Hühnerfüttern und Beten vor dem Abendbrot. Sie beobachten die neurechte "Kontrakultur" bei Renovierungen in ihrem Hausprojekt. Sie lassen sich mit dem Identitären Robert Timm in Kreuzberg von Antifaschisten verprügeln. Der zutraulichen Offenheit der Jungfaschisten liegt Berechnung zugrunde, entsprechend heikel ist die Nähe der Journalisten.

So kann Kubitschek in aller Ruhe erklären, er halte "das Rechtsintellektuelle für das Kommende" und ein Identitärer sich darüber freuen, dass es der Szene gelungen sei, "an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben zu können, zumindest Begriffe einzustreuen, Unwohlsein zu verbreiten in bestimmten Kreisen". Womit, indem man derlei einfach nur laufen lässt, weiter Begriffe eingestreut werden und Unwohlsein verbreitet wird.

Riha und Riha begegnen diesem Dilemma auf aufreizend ruhige, aber effiziente Weise. Zwar enthalten sie sich im Gespräch jeden Kommentars und lassen die Rechten reden. Wenn man Leute wie den Österreicher Martin Sellner allerdings lange genug reden lässt von Heimat und Volk, erzählen sie irgendwann auch von ihrer Vergangenheit als Skinheads. Von den "dumpfen" Glatzen unterscheiden sie sich durch Studium und Frisur. Herbeiführen wollen sie das nötige gesellschaftliche Klima für ihre "Wende" mit Aktionen nach dem Vorbild der Achtundsechziger und von Greenpeace.

"Ausschließen, Säubern. Ethnische Säuberung. Das ist die Melodie."

Anstatt zu widersprechen, lassen Riha und Riha widersprechen: "Wir haben nicht den Eindruck, dass diese Leute ihre Ideologie beim Wechsel zu den Identitären in der Garderobe abgegeben haben", erklärt dann etwa Hans-Georg Maaßen vom Bundesamt für Verfassungsschutz, der die Identitären als "Verdachtsfall" behandelt.

Vor allem dem Politikwissenschaftler Hajo Funke kommt es zu, die Einlassungen der Rechten zu kommentieren. Ein ethnisch reines Deutschland, das sich von der "Instrumentalisierung" des Holocaust befreit? "Sie wollen eine andere Republik. Und das wird nicht gehen ohne Gewalt", analysiert Funke: "Ausschließen, Säubern. Ethnische Säuberung. Das ist die Melodie."

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"Die rechte Wende": Neonazis reden lassen

Und die hört der Zuschauer nach einer Weile schon selbst. Einfach, weil die Bilder für sich sprechen, auch ohne pädagogisches Voice-over. Schön die Szene, als das Team mit Tatjana "Pegida" Festerling und Akif "Moslemsaft" Pirincci in einem Dresdener Hotelzimmer sitzt, als plötzlich Kubitschek den Raum betritt, sichtlich irritiert über die Anwesenheit der Fernsehleute, und Festerling fröhlich flötet: "Da sind ja alle Bösen zusammen, ha!"

Kurz wird Pirincci seine berüchtigte Pegida-Rede halten, für die er unter anderem wegen Volksverhetzung verurteilt werden wird. "Was ist Volksverhetzung?", fragt Kubitschek auf der Frankfurter Buchmesse, wo die Tumulte ebenfalls hautnah eingefangen worden sind. "Da könnte man jetzt fragen: Was ist Volksverrat? Das sind für mich keine Kategorien, die ich in literarischer oder publizistischer Hinsicht interessant finde."

Der Film lässt die Rechten reden

Interessanter findet der Verleger die "rotzige Art" seines "mutigen" Autors Akif Pirincci. Bei einer Lesung wird diese Leuchte von besorgten Bürgern ernsthaft gefragt, ob er denn noch "Hoffnung" habe für Deutschland und was "gegen diese Umvolkung" getan werden könne. Pirincci: "Diese Menschen müssen alle gehen. Es müssen etwa acht Millionen Menschen Deutschland verlassen. Man kann ihnen sagen: In sechs Monaten werdet ihr kein Geld mehr bekommen. Und auch kein Essen. Und ihr müsst aus euren Wohnungen. Acht Millionen Menschen, auch die, die hier geboren sind."

Wenn die neurechte Strategie im "Überschreiten von roten Linien, bewusst, strategisch, um der Eskalation willen" (Funke) besteht, ist dieser Film ihr nicht auf den Leim gegangen. Er eskaliert nicht. Er lässt die Rechten reden.

Und enthüllt so das rhetorische und moralische Niveau, auf dem der Starautor von Kubitscheks Verlag über "das Kommende" nachzudenken in der Lage ist - und damit auch das intellektuelle Niveau von Leuten, die den Begriff "rechtsintellektuell" bereits erfolgreich gestreut haben.


"Die rechte Wende". Mittwoch, 22. November 2017, 21.00 Uhr, 3sat



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