Heimische TV-Serien Also, ich gucke gerne deutsch

Kuschelfernsehen mit dem Kilowunder: Dieter Pfaff kommt mit neuen Folgen von "Der Dicke" in die ARD - endlich. Denn die Saga über einen beleibten Anwalt steht für vieles, was gut und schön ist an deutschen TV-Serien. Und das ist mehr, als viele meinen.

Von Nikolaus von Festenberg

ARD

Ja, liebe Leser, wir heißen Normalos. Wir geben gleich zu, dass wir Synchronisation in der Regel nützlich finden (sorry). Dass wir mehr hätten tun müssen, um Größe und Geist amerikanischer Serien zu begreifen. Dass wir uns schämen, wenn uns die Heiligenverehrer von "Mad Men" und "The Wire" Verachtung spüren lassen und von den zuschauerbefreiten einsamen Höhen - den Gipfeln namens Arte, ZDFNeo, T.N.T. - auf uns herabschauen.

Wir aber sind verstockt. Wir sehen "Lindenstraße", "In aller Freundschaft", "Um Himmels Willen". Und so werden wir es wohl vom 17. April an auch mit "Der Dicke" halten. Wir, ob U- oder Ü-Sechziger, sind bekennende TV-Zweitligisten mit deutschem Hintergrund. Wir mögen das schnörkellose Spiel, ein Zuviel an Experimenten lehnen wir ab. Wir vertrauen den Stamm(schau)spielern, wir lieben das Happy End nach dem Schlusspfiff.

Wir sind Millionen - und wir sind nicht nur blöd.

Eben deshalb mögen ein paar Eindrücke aus den Niederungen des deutschen Serienfernsehens für nicht vollständig Versnobte nicht ganz uninteressant sein. Zum Beispiel aus der "Lindenstraße", über die Großkopfete des Großen und Ganzen seit Jahren nur noch auf hohem Niveau kotzen können.

Da findet längst nicht mehr das Glucken- und Keiftheater von Mutter Beimer und der Hausmeisterin Else Kling statt. Mitten im Schicksals- und Intrigantenstadl entfaltet sich eine ziemlich grandiose Schauspielerleistung: Wie Knut Hinz als stotternder Hajo sein Witwerwerden hinlegt, ist erstligareif. Ein würdiger Rückzug aus dem mimischen Soap-Hochdruck, eine Kunst, die mit bescheidenen darstellerischen Mitteln für Augenblicke die Grenzen des Formats überschreitet.

"Der Dicke" ist auf kuscheligste Weise erstligauntauglich

Und wir Zweitligafreunde dürfen uns auf "Der Dicke" freuen. Schön, dass es dich noch gibt - verwahrt im Tresor des Ersten, wider allen Wandel des Geschmacks. Die 13 Teile Fortsetzung mit Dieter Pfaff als beleibter Anwalt Gregor Ehrenberg, der bei den kleinen Leuten die großen Probleme lindert, ist auf kuscheligste Weise erstligauntauglich, kurz: richtig schön un-innovativ.

Da seid ihr wieder, schwankhafte Gestalten: die stolze türkische Assistentin und Neumutti Yasmin (Sophie Dal), die aufrechte Putzteufelin Gudrun (Katrin Pollitt), die Sozia Isabel (Sabine Postel, die ihre Vorgängerin Schneeberger nicht ganz vergessen macht). Und auch die Seriensprache von Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Näter.

Dessen Geschichten sind vielleicht nicht nach US-Vorbild kollektiv-genial-powerpointisch, sondern wurden bloß individuell, nach deutscher Gesamtkünstler-Tradition gescripted. Doch sie alle haben Wiedererkennungswert, Dialogwitz und Bogen. Herz und (linksliberale) Haltung könnte man auch dazu sagen. Und zum Helden Pfaff: Verletzlichkeit ist eine tolle Waffe wider alle Härte, wenn man sie sich so wie dieser Schauspieler erarbeitet.

Nun sind wir im Unterhaus natürlich andererseits keine Jubelperser. Wir verklären nicht alles und jedes. Das heißt zum Beispiel: "Um Himmels Willen" - wir müssen dich lassen. Nichts ist inzwischen ausgelutschter als dieses vielleicht früher einmal sympathische Format. Es ist in hektischer Betriebsamkeit erstarrt.

Seine Figuren scheinen neuerdings von der ersten Minute an zum Finale rasen zu müssen. Von Schwester Hanna (Janina Hartwig) erfahren wir nur noch, dass sie weiter muss. Bürgermeister Wöller (Fritz Wepper) durchschaut seine eigenen Fiesitäten nicht mehr, der als Ersatz für die wunderbare Rosel Zech eingesprungenen Ordensvorsteherin Mutter Oberin (Gaby Dohm) vermag das Drehbuch keinen Charakter mehr zu verleihen. Um des Zweitliga-Niveaus willen - der Abstieg ist unvermeidlich.

Noch ein Wort zum Sonntag: Ihr Verächter des deutschen Serientums, findet Euch mit uns Zweitliga-Aficionados ab. Irgendwie kommt Fernsehen von Sehen, nicht von Fernurteilen. Nicht nur Professor Simoni wird euch dankbar sein, sondern auch Millionen Zuschauer dafür, dass sie nicht mehr belehrt werden.


"Der Dicke", Dienstag, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
endbenutzer 17.04.2012
1. Heimische TV-Serien
Zitat von sysopARDKuschelfernsehen mit dem Kilowunder: Dieter Pfaff kommt mit neuen Folgen von "Der Dicke" in die ARD - endlich. Denn die Saga über einen beleibten Anwalt steht für vieles, was gut und schön ist an deutschen TV-Serien. Und das ist mehr, als viele meinen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827314,00.html
"Der Dicke" ist ja ganz nett. "Bloch" hingegen ist feinste Fernsehkost.
fältskog 17.04.2012
2.
Zitat von sysopARDKuschelfernsehen mit dem Kilowunder: Dieter Pfaff kommt mit neuen Folgen von "Der Dicke" in die ARD - endlich. Denn die Saga über einen beleibten Anwalt steht für vieles, was gut und schön ist an deutschen TV-Serien. Und das ist mehr, als viele meinen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827314,00.html
Danke!
nebenjobber 17.04.2012
3. Kreisligatauglich
Zitat von sysopARDKuschelfernsehen mit dem Kilowunder: Dieter Pfaff kommt mit neuen Folgen von "Der Dicke" in die ARD - endlich. Denn die Saga über einen beleibten Anwalt steht für vieles, was gut und schön ist an deutschen TV-Serien. Und das ist mehr, als viele meinen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827314,00.html
was für einen tränenreicher Aufruf. Wenn die genannten Formate genauso spritzig wie diese mislungene Satire sind, na dann Prost.
abalour 17.04.2012
4.
Danke für diesen gelungenen Beitrag. Endlich muß ich mich nicht mehr für "meine Lindenstraße" schämen und darf offen zugeben das ich mich heute Abend auf den "Dicken" freue.
Asirdahan 17.04.2012
5. ohne
Zitat von sysopARDKuschelfernsehen mit dem Kilowunder: Dieter Pfaff kommt mit neuen Folgen von "Der Dicke" in die ARD - endlich. Denn die Saga über einen beleibten Anwalt steht für vieles, was gut und schön ist an deutschen TV-Serien. Und das ist mehr, als viele meinen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827314,00.html
Amerikanische Serien haben oft gute Plots, aber die Atmosphäre in diesen Filmen mag ich überhaupt nicht. Sämtliche Frauen sehen aus wie aus dem Modejournal entsprungen, die Schauspieler verziehen alle auf die gleiche Weise die Mienen oder machen die gleichen saloppen Sprüche. Es gibt nur einige wenige, die herausragen, indem sie wie normale Menschen wirken. Und das ist es, was ich an den deutschen Serien bzw. Filmen schätze: von einigen Ausnahmen abgesehen (diese furchtbaren Serien wie "nur die Liebe zählt" etc.) agieren hier Menschen wie du und ich. Zumindest die Illusion möchte ich mir bewahren.
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