Homosexualität in der Kult-Serie Wer das feige nennt, kennt die Simpsons nicht

Smithers ist schwul. Das Coming out der Simpsons-Figur wurde von schwul-lesbischer Seite als zu zögerlich kritisiert. Hier schreibt einer der renommiertesten Kenner der Serie, warum dieser Vorwurf stinkt.

Der Reiz des Doppeldeutigen und des nicht Ausgesprochenen: Die Simpsons

Der Reiz des Doppeldeutigen und des nicht Ausgesprochenen: Die Simpsons

Von Erwin In het Panhuis


Na endlich! In Folge 591 der "Simpsons" geht Waylon Smithers, der untertänige Assistent und Verehrer des tattrigen Kernkraftbesitzers Mr. Burns, auf die Suche nach dem Mann fürs Leben.

Unterstützt wird er dabei von anderen Bewohnern der fiktiven Kleinstadt Springfield. Nun ist die Folge The Burns Cage (27/17), die jetzt in den USA lief, weder die angekündigte Sensation, noch eine Revolution. Smithers' Coming out liefert aber Stoff für eine äußerst unterhaltsame und gelungene Episode der am längsten laufenden Zeichentrickserie der Welt.

Von schwul-lesbischer Seite wurde noch am gleichen Tag reflexhaft kritisiert, dass das Wort "schwul" nicht offen und deutlich ausgesprochen werde. Wer eine solche Deutlichkeit mag, kann eigentlich nicht die Simpsons mögen, weil diese Serie seit 1989 vor allem mit dem Reiz des Doppeldeutigen und nicht Ausgesprochenen arbeitet.

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Dazu gehören die vielen kulturellen Anspielungen, die nur deshalb der Zuschauerbindung dienen, weil sie eben nur wenige Zuschauer verstehen. Wer die fehlende Deutlichkeit in Bezug auf "schwul" als Feigheit auslegt, kennt die Simpsons nicht. Man könnte sich noch eher darüber aufregen, dass der Regenbogen-Fallschirm von Smithers statt sechs in dieser Folge acht Farben hat.

Dass Waylon Smithers schwul sein sollte, ging als Idee auf den Simpsons-Produzenten Sam Simon zurück. Der stellte von Anfang an klar: "Aber macht da keine große Sache draus." Einige Drehbuchautoren waren schon verunsichert, ob Smithers wirklich schwul sei.

In der 2. Staffel von 1990/91 wird es deutlich. Wenn sich Burns nackt im Bad aufhält, betreut ihn sein persönlicher Assistent Smithers hingebungsvoll. Er betont, wie sehr er die Zeit mit ihm genießt - vom frühen Morgen, bis er ihn ins Bett bringt (2/18). Seit dieser Zeit ist das Begehren von Smithers genauso deutlich wie die Heterosexualität von Burns. Dass sie nie Sex miteinander hatten, macht den Reiz dieser Beziehung aus.

Knie oder Erektion?

Der Handlungsstrang um Smithers' sexuelle Identität lebt von den vielen popkulturellen Referenzen, die ihn illustrieren - Filme, Musik, auch schon mal Märchen der Gebrüder Grimm.

So wird in einer Rückblende ein Streit von Smithers mit seiner früheren Ehefrau gezeigt (5/22). Die Szene ist als Anspielung auf das Drama "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1959) mit Elizabeth Taylor und Paul Newman angelegt, in der es eine ähnliche Auseinandersetzung zwischen den Hauptfiguren gibt. Diese Film-Referenz über eine verdrängte homosexuelle Leidenschaft setzt nicht nur die Kenntnis des Films, sondern auch dessen schwuler Zensurgeschichte voraus.

Ab der 7. Staffel wird Smithers auch in Kontakt mit anderen Männern als schwul dargestellt. Den Anfang macht eine Folge, in der Smithers Urlaub in einem Männer-Club macht. Im Hintergrund läuft der Song "Relax" von Frankie goes to Hollywood - auch die Musik ist Teil des unausgesprochenen schwulen Subtextes. Bis zu dieser Folge war nur Burns der Mittelpunkt in Smithers' Leben. Jetzt verändert er sich langsam und wird eine eigenständige Figur mit eigenem Leben.

Die Produzenten der Simpsons agieren nicht nur geschickt mit Subtext, sie bringen auch den Mut mit, ihre Ideen umzusetzen. Den brauchen sie, denn ihr Haussender Fox stellt sich regelmäßig quer.

So mussten die Macher sich schon für zwei homoerotische Träume rechtfertigen.

Der Sender fand es gewagt, wie Burns nackt aus Smithers' Geburtstagstorte sprang (5/4; Wh. 7/10), aber die Szene durfte bleiben. Im zweiten Tagtraum liegt Smithers im Bett und Burns kommt durch sein offenes Schlafzimmerfenster geflogen (4/7; Wh. 6/3; 7/10). Trotz der nachträglichen Veränderungen wird deutlich, warum der Sender über die Beule unter der Bettdecke reden wollte. Natürlich wurde sie im offiziellen Sprachgebrauch als Abdruck von Smithers' Knie bezeichnet - obwohl das Kopfkino darin durchaus eine Erektion erkennen will.

Homosexuelle Emanzipation mit den Mitteln der Satire

In unzähligen Szenen wird die Liebe und Leidenschaft von Smithers angedeutet. Die sexuell expliziten Stellen sind dann so angelegt, dass nur die sie verstehen, für die sie gedacht sind. Burns fragt Smithers zum Beispiel, ob er für ihn ein Gott sei und ob dieser auch vor ihm niederknien würde. Smithers antwortet mit einem süffisanten: "Ich würde noch weitergehen" (9/13). Eine US-Internetseite über die "Simpsons" versuchte, die Szene mit einem Verweis auf Bill Clinton und Monica Levinsky zu erklären. Dem Autor fehlte scheinbar der Mut, gleich den Begriff "Oralverkehr" zu verwenden.

Mittlerweile haben die Simpsons-Produzenten mehrere Folgen über schwule und lesbische Themen produziert. Angefangen mit der vortrefflichen gesellschaftlichen Satire "Homer und gewisse Ängste" (8/15) mit dem Gaststar John Waters über eine Folge zur Homo-Ehe (16/10) bis zur Episode "Moeback Montain" (22/11), in der Smithers sogar die zentrale Figur ist.

Natürlich funktionieren auch bei den Simpsons nicht alle Witze, und es ist schade, dass die Macher sich gerade bei einem so wichtigen Thema wie Aids einer Auseinandersetzung verweigern. Aber nach wie vor ist überzeugend, wie gesellschaftliche Themen im Rahmen von Satire dargestellt werden. Matt Groening hat die linke progressive Politik der 60er Jahre verinnerlicht und ärgert sich darüber, dass Schwulen und Lesben immer noch wesentliche Rechte vorenthalten werden. Das ist eine gute Grundlage für eine Zeichentrickserie, die sich mit den Mitteln der Satire erkennbar auch für eine homosexuelle Emanzipation einsetzt.

Zum Autor
    Erwin In het Panhuis ist Bibliothekar, Autor und "Simpsons"-Experte. In seinem Buch "Hinter den schwulen Lachern" setzt er sich mit Homosexualität in der Kult-Serie auseinander.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 06.04.2016
1. Es
wusste jeder das Smithers schwul war, so irgendwie und das war auch gut so. Warum auch nicht. Er ist eine liebenswerte Person. Zuvor kommend, höflich bis zur Zuckerigkeit und in einer Master und Servant Rolle mit Monty Burns. Und ich fand es sehr angenehm das da kein großes Gewese von gemacht wurde. Er war halt das was er ist und so auch in der Gesellschaft mehr oder weniger akzeptiert. Ihm jetzt das Schild umzuhängen "Hallo ich bin schwul" tut seiner Person Unrecht. Schwul oder lesbisch zu sein oder was auch immer sollte langsam in unserer Gesellschaft normal sein. Oder manifetiert sich nur mal wieder das die meisten Menschen eigentlich bigotte (Zensur) sind?
giftzwerg 06.04.2016
2. Naja
Smithers jetzt offen zu outen ist ein wenig langweilig, denn es wusste ohnehin jeder. Aber die Figur Smithers ist sehr positiv geraten, zwar spiegelt sie einige Klischees über homosexuelle Männer wieder (die Leidenschaft, Malibu-Stacey-Puppen zu sammeln), aber dennoch ist Smithers ein durch und durch positiver Charakter: Er ist fleißig, ehrlich, höflich, freundlich und das stete gute Gewissen seines Chefs Burns.
Dark Agenda 06.04.2016
3. Macht keine große Sache draus
ist doch genau der richtige Ansatz. Wie will die LBGT-Community sich denn in die sonstige Bevölkerung eingliedern wenn sie bei jedem Cartoon gleich das Dramaqueen-Programm startet. Haben die abgesehen von ihrer Sexualität keine Sorgen wie der Rest der Menschheit? Strafzettel wegen falsch parken? Steuerbescheid? Migräne? Naja vermutlich handelt es sich um eine radikale Minderheit von Aktivisten mit einer Mission -gibt es in jeder Gruppe siehe Twitter- mit dem Rest kann man gut ein Bier trinken.
Prokrastinist 06.04.2016
4. Warum Smithers so harmlos ist
Selbst hartgesottene Homophobe können sich mit Smithers außerordentlich gut arrangieren. Das liegt daran, dass er eine starke Männlichkeit ausstrahlt, immerhin war er ein Marine und trägt immer noch den soldatischen Borstenschnitt. Und daran sieht man, wie sehr Vorurteile wider besseren Wissens vom direkten Anschein gesteuert werden. Homophoben Menschen ist die sexuelle Ausrichtung eines anderen Menschen schnurzpiepe, sofern ihr Kurzzeitgedächtnis das Wissen über diese Tatsache erfolgreich verdrängt hat. Wehe dem nur, der seine Orientierung dauerhaft zur Schau stellt.
kai kojote 06.04.2016
5.
"Von schwul-lesbischer Seite" - Was konkret ist die "schwul-lesbische Seite"? Ich schätze 99% aller Schwulen und Lesben haben garnichts kritisiert. Ich würde eher von "meckerfritzen-Seite" reden oder von "unter Aufmerksamkeitsdefizit leidender Seite". Von schwul-lesbischer Seite her kritisiere ich dass in diesem Artikel der Eindruck erweckt wird, Schwule und Lesben wären keine Individuen sondern "eine Seite".
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