Politserie "Die Stadt und die Macht" Ich fress dich wie ein Steak

Brutal, ödipal, banal: Der ARD-Mehrteiler "Die Stadt und die Macht" will ein großes Polit-Tableau entwerfen, verstrickt sich aber im familiären Kleinkrieg der Heldin. "House of Cards" und "Borgen" sind fern.

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ARD/ Frédéric Batier

Politik? Ein einziges Blutbad, ein großes Scherbengericht, wenn es nach den Verantwortlichen der ARD geht: Auf dem Teller von Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme), dem konservativen Fraktionsführer im Berliner Abgeordnetenhaus, liegt ein schönes angegrilltes Steak in seiner eigenen Blutlache. Und als Kröhmers Gegenüber nicht sagt, was dieser fordert, wirft er so lange Grappa-Gläser an die Wand, bis er seinen Willen hat. Kröhmers Blick sagt: Ich fress dich wie ein Steak.

Politik und öffentlich-rechtliche Fernsehfiktion? Ein einziges Produktionsgrab, ein großes Quotengezitter. Seit Klaus J. Behrendt vor gut zehn Jahren als Regierungschef und Menschenfreund im schnurrigen ZDF-Zwölfteiler "Kanzleramt" vom Publikum in Form kläglicher Quoten abgestraft wurde, gilt das Thema Politik für deutsche Fernsehmacher eigentlich als unterhaltungsuntauglich.

Doch dann brachte der internationale Serienmarkt eine Reihe strahlender Helden und Antihelden hervor. Frank Underwood etwa, den Stararchitekten der Intrige aus der US-Serie "House of Cards", oder Birgitte Nyborg Christensen, die dänische Ministerpräsidenten, die in "Borgen" einen verlustreichen Kampf für ihre Ideale führt.

Was die beiden so unterschiedlichen Serien eint: eine Härte im Blick auf das politische Geschäft, eine Idee für moderne Geschlechterbilder, ein Gespür für die leisen Schaltmomente in oft kakofonisch anmutenden meinungsbildenden und machtstrategischen Prozessen.

Hart, weiblich - und ein wenig schlicht

Die Verantwortlichen von "Die Stadt und die Macht" haben sich nicht nur vom Erfolg von "House of Cards" und "Borgen" antreiben lassen, sondern auch einiges übernommen: Sie zeigen die brutalen Intrigen, in die Fraktionschef Kröhmer verstrickt ist, und sie zeigen auch, wie Kröhmers Tochter Susanne (Anna Loos) als Spitzenkandidatin der konservativen Partei sich in diesem Intrigengeflecht freizustrampeln versucht. Hart und weiblich ist "Die Stadt und die Macht" also. Doch ach, das Gespür für die leisen Schaltmomente, ohne die sich Machtpolitik einfach nicht erklären lässt, fehlt leider.

Wie sich Loos als Kandidatin für das Bürgermeisteramt gegen ihren Vater und dessen in etliche Bauskandale verwickelten Partei- und Bündnispartner stemmt, das hat eine gewisse Verve, poltert letztlich aber doch zu sehr an der Oberfläche. Gerade im Vergleich mit den großen Vorbildern.

Sehen wir in "House of Cards", wie Underwood virtuos über Bande Kontrahenten aussticht oder hintenherum Bündnisse schmiedet, da schmeißt Susanne Kröhmer einfach mit Posten um sich, um Mehrheiten zu organisieren. Sehen wir in "Borgen", wie sich bei der dänischen Ministerpräsidentin in privatesten Momenten Deformationen der Macht zeigen, da gibt die deutsche Politikerin selbst nach hundsgemeinen Attacken ihrer Gegner die integre Jetzt-erst-recht-Frau.

Ein Konstruktionsfehler des Sechsteilers, der Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in der Primetime jeweils in Doppelfolgen gezeigt wird: Eigentlich ist "Die Stadt und die Macht" kein Politdrama, sondern eine Familientragödie. Der Kern der Erzählung ist der Vater-Tochter-Konflikt im Hause Kröhmer, auf den hier bis zum Erbrechen in ewig wiederkehrenden Trauma-Rückblenden verwiesen wird.

Regie führte Friedemann Fromm, der zuvor in drei Staffeln "Weissensee" die Vorwende- und Wendezeit in der DDR in Form eines großen Familienpanoramas beschrieb und damit zum Schluss sogar stattliche Quoten einfuhr. Was bei der DDR-Saga funktionierte, weil hier anhand der verschiedenen, aufeinander einwirkenden Charaktere demonstriert wurde, auf welch unterschiedliche Weise man sich zu dem untergehenden Staat verhalten konnte, das lähmt bei "Die Stadt und die Macht" (Drehbuch: Annette Simon, Christoph Fromm, Martin Behnke; nach einer Idee von Martin Rauhaus) eher die Analyse.

Das heißt nicht, dass "Die Stadt und die Macht" nicht über einige Szenen von bizarrer Schönheit verfügt. Wenn Renate Krößner als Kröhmer-Mutter im Daueralkoholnebel Wahrheiten ausspricht, ist das Seelenterror der subtilen Art. Wenn sich Thomas Thieme als Kröhmer-Vater von einem Geschäftspartner eine Hure bestellen lässt, um nichts anderes mit ihr anzufangen, als sich sein blutiges Steak von ihr zufüttern zu lassen, dann erzählt das auf grotesk melancholische Weise vom Siechen der patriarchalischen Potenz.

Große Auftritte hat auch Martin Brambach, der hier mit Gel-Locken und Ringelsocken den Spin Doctor für die Kröhmer-Tochter gibt ("Cherie, Deinen Händedruck müssen wir noch üben"). Letztendlich ist es aber auch Brambachs dramaturgische Funktion, weniger die Zaubertricks im Off des Politbetriebs offenzulegen als vielmehr therapeutisch die familiären Verwerfungen der Kröhmer-Sippschaft aufzulösen. Seine Kandidatin kann schließlich nur gewinnen, wenn sie das Verhältnis zum Vater klärt.

Brutal, ödipal, banal: Wenn der Machtpoker im Parlament nur eine Verlängerung des Gefühlspokers einer pathologischen Sippschaft ist, bleibt der Blick fürs Politische versperrt.


"Die Stadt und die Macht", Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils 20.15, ARD



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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 12.01.2016
1. Hart, weiblich - und ein wenig schlicht
Gut, dass mit Anna Loos nicht so der große Wurf bei der Besetzung der Rolle gelungen ist, muss man ja auch noch froh sein, dass ihr Mann, Jan-Josef Liefers, nicht auch noch gleich besetzt wurde. Leider habe ich umsonst auf ihren Rollen-Bruder Kurt (Kröhmer) gewartet. Sein Auftauchen wäre wenigstens noch erhellend gewesen.
nibal 12.01.2016
2. Qualität: Haushaltsabgabe
Der House of Cards Vergleich hat mich schon im Moma schwer gestört. An der Aussage dort, dass bisher deutsche Serien den amerikanischen immer hinterhergehinkt seien, aber dies sich nun ändern würde hatte ich ja leichte Zweifel. Aber nachdem der Trailer lief, waren die beseitigt. Deutsche können kein Fernsehen, Punkt Ende Aus. Mit Milliarden sicherer Einnahmen im Rücken aus der Haushaltserpressung kommt halt nicht mehr als Alibifernsehen dabei heraus. Wenn sich keiner Mühe geben muss, dann macht das auch keiner. Zahlen muss jeder, immerhin muss keiner hinsehen. Noch nicht.
eliotroger 12.01.2016
3. Ist eine deutsche Serie
die sind immer banal. Dafür zahlen wir doch schließlich Rundfunkgebühren.
petruschkaforever 12.01.2016
4. Spannend
Trotzdem scheint es sich zu lohnen, denFilm anzuschauen. Eine Chance kriegt er von mir allemal. Da es um Politik hinter den Kulissen geht, wird der Blick aufs Politische doch nicht so versperrt sein, lieber Autor.
AliceAyres 12.01.2016
5.
"Chérie, Deinen Händedruck müssen wir noch üben"? Himmel. So etwas wäre Kasper Juul nie über die Lippen gekommen. Der hatte zum Glück auch keine Gel-Locken. :-) Manchmal reicht schon eine einzige Dialogzeile, um zu wissen, dass man so etwas nicht sehen möchte.
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