"24 - Live Another Day" Austauschbar wie ein Munitionsmagazin

Der nun wieder: Nach vier Jahren ist Jack Bauer alias Kiefer Sutherland zu einer neunten Staffel von "24" aus dem Untergrund aufgetaucht. Wäre er mal lieber in seinem Versteck geblieben.

Fox/ Sky

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+++ Achtung! Normalerweise würde hier eine sogenannte Spoiler-Warnung stehen. Die ist in diesem Fall nicht nötig. Denn der Auftakt der neuen Staffel von "24" birgt keinerlei Geheimnisse. +++

Als "24" im Jahr 2001 erstmals auf Sendung ging, war die Serie nichts weniger als revolutionär: 24 Stunden Fernsehen bildeten exakt 24 Stunden Handlung ab, per Splitscreen war die Handlung an mehreren Orten gleichzeitig zu verfolgen, wechselte zwischen Strängen, von denen einer finsterer und spannender war als der andere, jede Sekunde zählte, um eine Katastrophe zu verhindern.

An Aufhören war nicht zu denken, weder für die Hauptfigur Jack Bauer alias Kiefer Sutherland, einen Agenten der fiktiven US-Antiterror-Behörde CTU, noch für seine atemlosen Zuschauer.

Mit "24" hat es so richtig angefangen: Das nächtelange Hängenbleiben vor dem Fernsehgerät, immer nur noch eine einzige Folge, weil es so verdammt spannend war. Und dann noch eine. "24" sei wie "permanentes Vögeln, ohne je zum Orgasmus zu kommen", so beschrieb es Elfriede Jelinek einst dem "Stern".

Regelloser Folterer und guter Mensch

Mit "24" hat es so richtig angefangen: Die Erklärung der Welt vermittels einer TV-Serie, die Diskussion der Frage nach dem Einfluss der Fiktion auf die politische Wirklichkeit, nach der von der Serie gerechtfertigten "Ethik der Dringlichkeit", über die der Philosoph Slavoj Zizek 2005 einen vielbeachteten Aufsatz geschrieben hat, und der die Lüge von "24" entlarvte, man könne ein regelloser Folterer sein und gleichzeitig ein guter, von höheren Werten getriebener Mensch.

Jack Bauer handelt prinzipiell im permanenten übergesetzlichen Notstand, bricht Knochen und Regeln, um vermeintlich Schlimmeres zu verhindern, so wie auch die realen USA in paranoider Selbstverteidigung spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht mehr viele Grenzen kennen, wenn es darum geht, die eigenen zu schützen. Als 2004 öffentlich wurde, dass US-Soldaten in Abu Ghuraib Gefangene gefoltert hatten, konnte man sich ernsthaft fragen, was zuerst da war: Die reale Grausamkeit der Soldaten, die ihren Niederschlag in den fiktionalen Folterszenen der Serie gefunden hat - oder die DVD-Box, aus der sich die Abu-Ghuraib-Schergen nach Feierabend mit den neuesten Foltervorbildern aus "24" bedienten.

Nach einigen Jahren war das Konzept von "24" naturgemäß nicht mehr ganz so neu, die Intellektuellen zogen weiter, und spätestens nach der fünften Staffel erlebte die Serie auch erzählerisch einen Niedergang, der selbst hartgesottene Fans schwer enttäuschte. Jack bekam plötzlich auch noch Bruder und Vater verpasst, einer schlimmer als der andere, der Staatssicherheitsthriller geriet zur (immerhin ultrabrutalen) Familienaufstellung.

Erleichterung nach Staffel acht

Als Jack Bauer dann nach ausführlichen Differenzen mit dem russischen Präsidenten Ende Mai 2010 mal wieder und scheinbar endgültig abtauchen musste, weil ihn nicht nur die Russen, sondern auch die Amerikaner liquidieren wollten, war man als Zuschauer insgeheim fast schon erleichtert: Viel zu viel Zeit hatte man bereits mit dem zunehmend sinnlosen Geballer verbracht. Zwar hielten sich lange Gerüchte, es würde demnächst einen Kinofilm um Bauer geben, aber zu diesem kam es nie.

Stattdessen nun "24 - Live Another Day", doch wieder im Fernsehen. Allerdings, und das sagt schon viel aus über die Veränderung der Sehgewohnheiten, nicht mehr 24 Folgen lang, sondern nur noch zwölf, denn Echtzeit ist heute nicht mehr schnell genug. Gewarnt vor dem zweifelhaften Ergebnis der Neuauflage war man als Zuschauer bereits nach Betrachtung eines vorab ausgestrahlten Making-of der Mini-Staffel: Reihenweise traten da Mitwirkende früherer Ausgaben auf und schwärmten davon, wie weit vorne "24" damals war, und wie aufregend es sei, jetzt wieder dabei zu sein.

Ja, "24" war mal weit vorne. Jetzt wirken die Serie und ihr Held, daran ändert auch der Marketing-Slogan "Jack is back" wenig, allerdings ziemlich anachronistisch. Jack Bauer, hat sein Darsteller Kiefer Sutherland gesagt, sei wie ein alter Freund, den man nun nach Jahren wiedersehen könne. Mag sein, allerdings gibt es auch alte Freunde, die einem ziemlich peinlich sein können, wenn man sie wieder trifft. Weil sie sich nicht weiterentwickelt haben. Oder weil sie sich zwar verändert haben, aber nicht zu ihrem Guten, sondern alt aussehen. Irgendwie wächsern, wie eine schlechte Kopie ihrer Jugend.

Die Handlung spielt diesmal in London, der US-Präsident ist zu Besuch, um über einen Drohnenstützpunkt zu verhandeln, und selbstverständlich schwebt er in höchster Gefahr, denn es ist ein Anschlag auf ihn geplant - mit seinen eigenen, zu diesem Zweck umprogrammierten Drohnen. Jacks alte Assistentin und einzige Freundin Chloe O'Brien (Mary Lynn Rajskub) hat sich mittlerweile endgültig aus dem US-Staatsdienst verabschiedet und arbeitet nun für eine WikiLeaks-ähnliche Organisation, aus deren Reihen auch der Hacker stammt, der die Drohnen gekapert hat.

"Sie können mir danken, indem Sie gehen"

Drohnen, WikiLeaks, Veröffentlichung von militärischen Geheimnissen, das klingt alles recht modern, aber erweist sich in den ersten beiden Folgen schnell als lieblos hingehudelter Hintergrund für die altbekannte Bauer-Masche: Stets die Waffe im Anschlag oder zumindest griffbereit rennt der Mann durch düstere Gebäude oder über Hinterhöfe, dabei einen Gegner nach dem anderen ausschaltend. Kiefer Sutherland, auch nicht jünger geworden, kommt bei seiner Tätigkeit mit einem einzigen, unbewegten Gesichtsausdruck aus.

Für so etwas wie eine auch nur andeutungsweise Reflexion der politischen Hintergründe bleibt keine Zeit, sie scheint auch gar nicht erwünscht. Selbst die in den früheren Staffeln noch präsenten und leidlich interessanten Intrigen in der Geheimdienstbürokratie spielen in den ersten beiden Folgen dieser neunten Staffel keine Rolle, zwölf Episoden sind offenbar einfach zu kurz dafür, Charaktere und Geschichten zu entwickeln, wenn stets verfolgt und geschossen werden muss. Die Gegner (und mutmaßlich baldigen Verbündeten) Bauers von der CIA bleiben austauschbar wie das Magazin seiner Handfeuerwaffe.

Als der Quasi-WikiLeaks-Chef Jack Bauer den Aufenthaltsort des gefährlichen Hackers verraten hat, bedankt sich dieser artig - und der Pseudo-Assange antwortet: "Sie können mir danken, indem Sie gehen und nie wieder kommen." Bauer blickt unbewegt. Aber vielleicht ahnt er ja: Der Mann hat recht.


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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Peter Werner 06.05.2014
1.
Hört sich gut an, werde ich mir anschauen. Schön, dass sich 24 nicht geändert hat. Warum sollte es dies auch? Das Konzept funktioniert, ist spannend und bietet oberflächliche Unterhaltung ohne weiteren Tiefgang. Schön auch, dass "Reihenweise traten da Mitwirkende früherer Ausgaben auf". 24 Ohne Mary Lynn Rajskub wäre kein 24, 24 ohne " Stets die Waffe im Anschlag oder zumindest griffbereit rennt der Mann durch düstere Gebäude oder über Hinterhöfe, dabei einen Gegner nach dem anderen ausschaltend. Kiefer Sutherland, auch nicht jünger geworden, kommt bei seiner Tätigkeit mit einem einzigen, unbewegten Gesichtsausdruck aus. " wäre auch kein 24.
Indigo76 06.05.2014
2.
Zitat von sysopFox/ SkyDer nun wieder: Nach vier Jahren ist Jack Bauer alias Kiefer Sutherland zu einer neunten Staffel von "24" aus dem Untergrund aufgetaucht. Wäre er mal lieber in seinem Versteck geblieben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/die-staffel-9-von-24-mit-jack-bauer-ist-enttaeuschend-a-967806.html
Der Autor des Artikels hat es vielleicht nicht bemerkt und ganz bestimmt hat er es nicht beabsichtigt, aber für Fans der Serie ist sein Artikel keine Abschreckung sondern Werbung. Denn wie er selbst sagt, bleibt alles beim Alten - also so, wie die Fans es haben wollen. Wenn man am Serienprinzip zuviel ändert, dann vertreibt man die Fans!
baerry 06.05.2014
3.
Die ersten beiden Folgen der neuen Staffel haben mir besser gefallen wie alles was in den letzten zwei Jahren an "neuem" auf den Markt kam.
Pango 06.05.2014
4. Sehr gut
Konträr zu ihrer Aussage intepretiert sind SPON-Rezensionen brauchbar. Also ist die Fortsetzung von 24 jeden Blick wert. Von Jack Bauer kann ich nicht genug kriegen ...
Tom Joad 06.05.2014
5. Für Kenner
Wie heißt der beste Film mit Kiefer Sutherland? Phone Booth (Nicht auflegen!)
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