Sat.1-Drama über häusliche Gewalt Meine Küche, mein Kerker

Der TV-Film "Die Ungehorsame" mit Felicitas Woll und Marcus Mittermeier zeigt, wie Hingabe zum Horror mutiert. Ein Gewaltdrama, das die Werbewelt von Sat.1 aus den Fugen geraten lässt.

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Die Liebe. Lösung aller Probleme, Anfang aller Katastrophen. In der Beziehung von Leonie und Alexander entfaltet die Liebe ihr ganzes positives und negatives Potenzial. Er wirbt mit lustigen Einfällen um die alleinerziehende Mutter, sie streichelt seine Narben, die ihm einst sein gewalttätiger Vater zugefügt hat. Wie viel Kraft man aufzubringen vermag, wenn man den anderen damit glücklich machen kann!

Daran glaubt Leonie auch noch, als Alexanders Fürsorge längst in Tyrannei gekippt ist, als sich seine Zärtlichkeiten in Schläge verwandeln. In dem Mann tobt ein Gewaltmonster; selbst, als ihr Körper schon mit Blutergüssen übersät ist, denkt Leonie noch, dass sie die einzige ist, die dieses Monster zähmen kann.

Dass der Plan selbstverständlich nicht aufgeht, erfährt der Zuschauer gleich am Anfang des TV-Dramas "Die Ungehorsame", das am Dienstag Premiere bei Sat.1 feiert. Da liegt Alexander mit Stichwunden in Hals und Bauch am Küchenschrank, die Augen todesstarr geöffnet. Die weißen Kacheln sind voller Blutspritzer, Leonies Gesicht ist ebenfalls rot gesprenkelt. Später sagt sie zu ihrer Anwältin: "Ich wollte ihn nicht umbringen, ich liebe ihn."

"Die Ungehorsame" (Regie: Holger Haase, Drehbuch: Michael Helfrich) ist die Anatomie einer langjährigen Misshandlung, kühl komponiert, retrospektiv erzählt, in Ellipsen montiert. Den Rahmen bildet die Gerichtsverhandlung, bei der darüber entschieden wird, ob die Tat Totschlag oder Notwehr war.

Der Zuschauer sieht die zentralen Szenen in der Beziehung; die unglaubliche Nähe am Anfang, die Momente der Verstörung in der Mitte, die immer wieder jäh ausbrechende Gewalt am Ende. Trotz Aussparungen ist der Zuschauer mittendrin in dieser fatalen Liebesallianz.

Streicheln, drohen, zuschlagen

Was auch an den beiden Hauptdarstellern liegt: Felicitas Woll ("Dresden") und Marcus Mittermeier ("Zwischen den Zeiten"), die in den letzten 20 Jahren alle Höhen und Tiefen der deutschen Fernsehlandschaft kennengelernt haben, waren vielleicht noch nie so gut wie in diesem Themenfilm, der trotz analytischen Blicks Raum für Empathie und Überwältigung lässt.

Mittermeier als Alexander strahlt am Anfang Wärme und Verletztlichkeit aus, doch das Destruktive scheint die ganze Zeit in ihm zu schlummern. Er muss zerstören; wenn nicht sich selbst, dann die, die ihm am nächsten sind. Liebesbekenntnis oder Morddrohung, irgendwann klingt das ähnlich. Mittermeier spricht Monströses aus, als lese er die Einkaufsliste vor. Wie nebenbei sagt sein Alexander zum Beispiel: "Abhauen lasse ich dich nicht mehr. Vorher bringe ich uns alle um." Dann nimmt Alexander seine Frau in die Arme.

Woll sucht als Leonie die Rettung in der Unterwerfung. Tritte in den Magen, Hände an der Kehle, Stöße gegen die Wand: Im Würgegriff von Alexanders pervertierter Liebe sieht sie eben nicht den Würgegriff, sondern vor allem die Liebe. Die große Leistung Wolls ist es, dass ihre anfänglich so lebenskluge Single-Mom mit eigener Schmuckwerkstatt zu keinem Moment als Dummchen rüberkommt; hier ist eine starke Frau, die in wenigen Schritten die Grenze von der Hingabe zur Selbstaufgabe überschreitet. Auf einmal ist sie gefangen in dem geschmackvollen Luxuseigenheim, das ihr der erfolgreiche Arzt Alexander errichtet hat.

Dass dieser Film ausgerechnet von Sat.1 produziert wurde, diesem Sender, der immer dann zu überzeugen weiß, wenn man ihn gerade endgültig abgeschrieben hat (siehe "Newtopia"), bringt die Perfidität der häuslichen Gewalt noch mal besonders zum Strahlen.

Denn das Tyrannenstück, das an öffentlich-rechtliche Glanzlichter wie den doppelbödigen ZDF-Gerichtskrimi "Das Ende einer Nacht" oder das ARD-Gewaltdrama "Es ist alles in Ordnung" erinnert, ist in dieser wunderbaren Welt angesiedelt, in der auch all die besinnungslos fröhlichen 30plus-Frauenkomödchen der Sat.1-Welt spielen. In deren Werbepausen lässt sich wunderbar für Diätprodukte und Sanitäranlagen der gehobenen Preisklasse werben.

Ob sich Werbepartner in der aus den Fugen geratenen Hochglanzwelt von "Die Ungehorsame" gut aufgehoben fühlen, darf bezweifelt werden. Mein Haus, meine Küche, mein Kerker: In der klaustrophobisch zulaufenden Inszenierung des Sat.1-Eigenheimhorrors wirkt Luxus am Ende nur noch wie ein Mittel der Unterdrückung. Der Griff zum Edelstahl-Küchenbesteck scheint da die Rettung.


"Die Ungehorsame", Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1#

Betroffene Frauen finden bei dem Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" Beratung. Telefon: 08000 116 016

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twistie-at 30.03.2015
1. Ich lasse dich nie wieder gehen
Das ist ein Spruch, der in den Kitschromanen auch so verklärt wird - du gehörst mir, du wirst nie wieder jemand anderen lieben (können) usw. sind da in der gleichen Stoßrichtung anzusiedeln. Wenn derartige "Liebesbezeugungen" gemacht werden, sollte zumindest eine kleine Alarmglocke läuten. Und sobald das "dann bringe ich mich um/bringe ich dich um" hinzugefügt wird ist es höchste zeit, die Sachen zu packen. Auch das "ohne dich kann ich nicht leben" ist gefährlich weil es schon das Zwanghafte bzw. Abhängige betont. Und der Gedanke, den armen anderen durch seine Liebe heilen zu können, ist sowieso fehlgeleitet, das funktioniert nur im Film. Sofern man noch irgendwie zu einem rationalen Denken fähig sein sollte: Koffer packen und weg bevor man das Besteck in der Hand hat und nachträglich gar nicht merh sagen kann, wie das alles gekommen ist. Gilt für Mann und Frau gleichermaßen.
nobusiness 30.03.2015
2. .....und wenn Kinder betroffen sind......
Gut, dass SAT1 diese Thematik aufgreift. Dargestellt wird nach dem Text oben ein typischer Verlauf - denn auch (oder gerade??) charmante, gut situierte, gut Ausgebildete werden zu Tätern. Diese stellen sich im sonstigen sozialen Umfeld als "doch so nett" dar. Den Opfern wird oft nicht geglaubt - warum sind sie denn dann nicht gegangen? Dass Täter hier perfide Strategien einsetzen, verstehen nur echte Fachleute. Eine weitere schreckliche destruktive Ebene erreicht das Ganze, wenn Kinder betroffen sind. Und - obwohl sie oft Zeugen und auch selber Opfer sind - dann zum Kontakt mit dem Täter gezwungen werden seitens der Gerichte. Bei den Familiengerichten sitzen nämlich mitnichten Fachleute zur Thematik Häusliche Gewalt - und deren verheerenden Folgen für Kinder.
nobusiness 30.03.2015
3. Volle Zustimmung zu den Zeilen von twistie-at
Stimmt vollkommen: dieses Vorgehen "Ich brauche dich doch so sehr" ist typisch. Und auch Beteuerungen, dass das eigene Leben nichts mehr sei, sofern Opfer sich befreien möchte aus der doch so "besonderen" Beziehung...........
twistie-at 30.03.2015
4.
Zitat von nobusinessGut, dass SAT1 diese Thematik aufgreift. Dargestellt wird nach dem Text oben ein typischer Verlauf - denn auch (oder gerade??) charmante, gut situierte, gut Ausgebildete werden zu Tätern. Diese stellen sich im sonstigen sozialen Umfeld als "doch so nett" dar. Den Opfern wird oft nicht geglaubt - warum sind sie denn dann nicht gegangen? Dass Täter hier perfide Strategien einsetzen, verstehen nur echte Fachleute. Eine weitere schreckliche destruktive Ebene erreicht das Ganze, wenn Kinder betroffen sind. Und - obwohl sie oft Zeugen und auch selber Opfer sind - dann zum Kontakt mit dem Täter gezwungen werden seitens der Gerichte. Bei den Familiengerichten sitzen nämlich mitnichten Fachleute zur Thematik Häusliche Gewalt - und deren verheerenden Folgen für Kinder.
Zum Teil wisen die Täter da selbst nicht, was sie tun. Abgesehen von dem prügelnden Partner gibt es ja auch noch die mit der, salopp gesagt, Psychomacke. Die wissen oft selbst nicht, wie weh sie Menschen tun durch ihre Probleme. Da ist der Mensch selbst so unsicher, dass er immer wieder denkt "der andere geht sowieso", also wird dafür gesorgt, dass andere gehen will, dann wird gefleht "geh nicht" und entweder es senkt sich die Depression über einen weil der andere doch geht oder aber eine Zeitlang ist alles Glück und Sonnenschein weil der andere geblieben ist, bis sich die Zweifel wieder einschleichen und der nächste "Test" ansteht. Ach ja - wenn der andere geht, führt das dann auch öfter zu Selbstverletzungen, woraufhin oft genug der gerade gegangene Partner zurückkehrt aus lauter Schuldgefühlen. Ist eine Endlosspirale.
gracie 30.03.2015
5. Gut so...
Darüber sollte man viel mehr reden und gut dass dieser Film im TV läuft. Hoffentlich setzten sich so viele wie möglich vor die Glotze, besser als Jungel-Camp ist es auf jeden Fall. Eine gute bekannt hat den Absprung knapp geschaft, sie war daruf und dran mit dem Kückenmesser auf ihren Ex loszugehen. Ich kenn sie schon sehr lange und sehr gut, er hätte es nicht überlebt. Für diesen Kerl im Knast landen wollte sie nicht, aber die Entscheidung zu gehen musste von ihr kommen und der Leidensdruck musste auch da sein. Besitzanspüche, Eiversucht, Kontrolle und was sonst noch so dazu gehört, kann man lange versuchen als Liebe durchgehen zu lassen, damit hat das rein gar nichts zu tun. Je früher man aufklärt um so weniger Beute haben diese Jäger zur verfügung.
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