TV-Meisterwerk über Religion Wunder gibt es immer wieder. Auf die Fresse aber auch

"Die Wege des Herrn" zeigt, wie der moderne Mensch mit ganzem Leib um seine Seele ringt. Wenn Sie diesen Winter nur eine Serie schauen - dann bitte diese von "Borgen"-Macher Adam Price.

Arte/ Tine Harden

Von


Glaube ist nichts Abstraktes, Gott kann man anfassen. Oder zumindest seinen Sohn auf Erden. Ein fast fleischliches Verhältnis hat Pastor Johannes Krogh zu dem Leib Jesu, der am Kreuz über dem Altar seiner Kirche hängt. Er liebkost mit dem Mund die Wange der Holzfigur und dankt so dem Spross seines Schöpfers, dass er ihn bislang so gut beim Kampf um das Bistum Kopenhagen unterstützt hat. Denn Krogh ist gerade im Wahlkampf ums Bischofsamt, und alles läuft spitze. Wenig später steigt der Pastor - berauscht von seiner offensichtlichen Berufung zu Höherem - mit Klamotten unter die Dusche zu seiner Ehefrau.

"Die Wege des Herrn" ist ein etwas anderes Religionsdrama: Der Glaube wird in dieser zehnteiligen Serie praktiziert wie Sex, und das hat nichts mit Blasphemie zu tun. Die Sehnsucht nach einer höheren Wahrheit steht hier immer in Beziehung zu körperlichen Bedürfnissen. Glaube, Triebe, Hoffnung.

Dass zur Seele auch immer ein Leib gehört, wird schon in der raumgreifend physischen Darstellung des Seelsorgers Krogh durch Lars Mikkelsen deutlich, der für seine Rolle gerade mit dem International Emmy ausgezeichnet wurde. Als Pastor Krogh tröstet und wütet, psalmiert und agitiert er sich durch seine Gemeinde, dass einem Angst und Bange wird.

Fotostrecke

13  Bilder
Arte-Serie "Die Wege des Herrn": Mega-Hirte im Glaubenskrieg

Als an seiner Stelle dann doch eine verhasste Gegnerin ins Bischofsamt kommt, fällt Krogh in ein Loch, ein epischer Absturz. Jeder Schnaps wird mit einem Bibelzitat heruntergekippt, in dunklen Hauseingängen stellt der Geistliche Affären aus alten Tagen nach. Im Zwiegespräch mit Gott barmt er: "Wie kannst du gar nicht sehen, was ich tue. In dem Moment, wo ein kleines Licht im Dunkeln brennt, pustest du es aus." Doch Gott schweigt; vielleicht ist Krogh aber auch nur zu besoffen, ihn zu hören.

In der Druckkammer des Protestantismus

Dieses Schweigen kennen wir aus den Filmen Ingmar Bergmans. "Licht im Winter" hieß eines seiner bewegendsten Religionsdramen, an das man sich hier immer wieder erinnert fühlt. Protestantismus skandinavischer Prägung, das war bei Bergman ja immer eine fest verschlossene Druckkammer, in der sich existenzielle Ängste und unerfülltes Sehnen unterm Holzkreuz stauten. In "Die Wege des Herrn" wird diese Druckkammer nun geöffnet, auf dass alle negativen und positiven Energien freigesetzt werden.

Denn das ist das Tolle an der Serie: Hier wird ausgehend vom Hardcore-Protestantismus ein hochmodernes Panorama über Familie und Spiritualität aufgerollt. Und es wird beschrieben, wie die durch immer breitere Bevölkerungskreise infrage gestellte Kirche Pläne entwickelt, um der Säkularisierung entgegenzuwirken und den Bedürfnissen einer schneller und schneller laufenden Gesellschaft gerecht zu werden. Etwa durch Brainstorming-Meetings im Auftrag des Herrn: Auf einer Sitzung in Kroghs Gemeindehaus werden Ideen wie Yoga-mit-Jesus-Workshops und Spaghetti-Gottesdienste für die ganze Familie ausgetüftelt.

"Borgen" lässt grüßen

Die Treffen erinnern an Strategiesitzungen von Wahlkampfteams, so wie wir sie in "Borgen - Gefährliche Seilschaften" gesehen haben. Nicht verwunderlich: Wie die Politserie um die fehlbare dänische Ministerpräsidentin wurde auch die Religionsserie um den fehlbaren Pastor von Adam Price entwickelt. Was macht der Kampf um die Macht mit dem Menschen? Was macht das Ringen um den Sinn des Lebens mit ihm? Und was passiert, wenn Macht und Sinn abhanden kommen?

Wie in "Borgen" sympathisiert Price auch diesmal rigoros mit seinen Figuren. Er stellt sie weder in ihrem düsteren Furor noch in ihren glücklichen Erweckungserlebnissen infrage, er zeigt sie einfach nur nackt in ihrer anrührenden Glaubensbedürftigkeit. Und dabei ist egal, ob die Ehefrau von Pastor Krogh, dem Mega-Hirten, mit heidnischen Ritualen experimentiert, ob der unglückliche, von ihm unterdrückte ältere Sohn während einer Trekking-Tour durch Nepal den Buddhismus kennenlernt, oder ob der jüngere Sohn - absurd! - bei einem traumatischen Einsatz als Feldgeistlicher in Afghanistan die Waffen der Soldaten segnet.

Sonderbare spirituelle Verrenkungen sind das zum Teil. Und doch passieren in den verschiedenen Folgen auch wirklich unerklärliche Dinge. Am Ende der ersten buddelt sich ein kleiner Vogel aus der Erde, dessen Leiche man zuvor im Kirchengarten vergraben hatte. Wunder gibt es immer wieder - auf die Fresse aber auch.

"Die Wege des Herrn", von Arte bereits komplett in die Mediathek des Senders gestellt , ist eine aufwühlende und in ihren Widersprüchen sehr reflektierte 550-Minuten Serie über die Sehnsucht nach höheren Wahrheiten und die Notwendigkeit individueller Erkenntnis. Sie feiert den Menschen in seiner Unvollkommenheit und besteht noch in ihren düstersten Momenten darauf, dass da irgendwo ein Licht im Winter brennt. Wenn Sie in den nächsten dunklen Monaten nur eine Serie schauen - dann bitte diese.


"Die Wege des Herrn", ab Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte. Alle zehn Folgen stehen bis zum 29. Dezember in der Mediathek.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rainerwäscher 29.11.2018
1. Parameterwechsel
Wunderbar, was es neuerdings alles so an Meisterwerken in der Serienlandschaft außerhalb Hollywoods gibt: Von Borgen über Babylon Berlin, 4 Blocks und Boot zu den Wegen des Herrn! Da lohnt sich die Haushaltsabgabe wieder. Ich muss ich mir wohl doch wieder einen Fernseher kaufen.
marty_gi 29.11.2018
2. hmm...
Ich haette sowas ja viel lieber auf DVD, im Originalton (mit dtsch. Untertiteln), da kann man dann neben dem Seriengenuss auch gleich noch seine Sprachkenntnisse aufbessern.
.patou 29.11.2018
3.
Ich glaube, ich werde der gestern vorgestellten Doku-Serie über die Blutwurst-verarbeitenden Bestatter erst mal den Vorzug geben vor 550 Minuten Hardcore-Protestanten, die mit ihrem Glauben ringen. Ich fand aber auch schon Bergman eher anstrengend. Kann es sein, dass mit dem Attribut "Serien-Meisterwerk" im Moment etwas großzügig umgegangen wird?
manskyEsel 29.11.2018
4. HörenSagen....
Einem ondit zufolge plant man nun auch ein Remake von ' Kolberg ' mit Hallervorden. Auch 'Thälmann' mit Campino ist angedacht. Biermann soll abgelehnt haben, die Hauptrolle in dem Remake von 'Törless' zu übernehemen, weil er dort nicht Gitarre spielen darf. Der Plan für ein Remake der 'Familie Schölermann' wurde mangels ausgebildeter Schauspieler verworfen. So schwindet die Kultur dahin..... 'Die drei Damen vom Grill' zu remaken, wird von MeToo#-Kämpferinnen sabotiert. Soweit sind wir schon heruntergekommen.
yksas 29.11.2018
5. Netter Versuch
Wunder sind Begebenheiten entgegen den Naturgesetzen, wobei die Naturgesetze nicht von irgendjemandem durchgesetzt werden sondern sich als richtig sich herausgestellt haben. Vielleicht wurden bei einem Naturgesetz nicht alle Eventualitäten herausgearbeitet aber entgegen den Naturgesetzen passiert gar nix. Wunder gab es nie.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.